|
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
Was ist ein glückliches Leben? Diese Frage bewegte Menschen, bewegt uns heute und wird auch künftige Generationen herumtreiben. Bislang beschäftigten sich damit Philosophen, Theologen und Psychologen. Darum erstaunt es, dass Volkswirte sich mit dem Glück beschäftigen, zumindest diejenigen, welche das Wohlstandswachstum nicht als Sinn und Zweck wirtschaftlichen Handelns markieren. Die „New Economics Foundation“ erstellte zusammen mit anderen Organisationen den „Happy Planet Index”, den man mit seinen Bewertungskriterien und Ergebnissen auf der Seite http://www.happyplanetindex.org/anschauen kann.
Richard David Precht macht auf diese Glücksökonomie aufmerksam: „Die erste Lehre ist einfach, klar und von den Auftraggebern der Studie durchaus beabsichtigt: Geld, Konsum, Macht und die Aussicht auf ein hohes Lebensalter machen nicht glücklich. … Die detaillierte Berechnung einer anderen Studien kommt zu dem Schluss, dass von einem Pro-Kopf-Jahreseinkommen von etwa 20.000 $ an das Glück nicht mehr proportional zum Einkommen ansteigt, … dass Erwerben zwar kurzfristig glücklich machen kann, nicht aber Besitzen. Sind bestimmt Ansprüche erfüllt, wachsen schnell neue Ansprüche nach, während man sich an das, was man hat, schnell als selbstverständlich gewöhnt. …
Der Traum von der finanziellen Unabhängigkeit ist heute noch immer der am weitest verbreitete Lebenstraum in den Industriestaaten. Genau dafür rackern wir uns ab und investieren die größte Zeit unseres Lebens, obwohl die meisten von uns nie wirklich so weit kommen, tatsächlich ‚frei‘ zu sein. Geld und Prestige stehen auf der höchsten Stufe unseres persönlichen Wertesystems noch vor Familie und Freunden. Dies ist umso erstaunlicher, als dass die Werteskala der Glückökonomen genau andersherum ausfällt. Danach gibt es nichts, was mehr Glück stiftet als die Beziehungen zu anderen Menschen, also zur Familie, zum Partner, zu Kindern und Freunden. An zweiter Stelle steht das Gefühl, etwas Nützliches zu tun, und je nach Umständen Gesundheit und Freiheit. Vertraut man dieser Skala, so leben die meisten Menschen im reichen Westen mit ihren Geldwerten falsch: Sie treffen systematisch Fehlentscheidungen. Sie streben nach Sicherheit, die sie wahrschein nie wirklich erlagen. Sie opfern ihre Freiheit und ihre Selbstbestimmung für ein höheres Einkommen. Und sie kaufen Dinge, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen, mit Geld, das sie nicht haben.“ Richard David Precht, Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? München 2011, S. 349f.
Warum erwähne ich das? Seit zweieinhalbtausend Jahren lehrt die klassische europäische Ethik die bei Precht dargelegte Rangordnung der Güter: an erster Stelle stehen die seelischen Güter wie Freundschaft und Liebe; an zweiter Stelle stehen die leiblichen Güter wie Gesundheit; und an dritter Stelle stehen die äußeren Güter wie öffentliche Reputation und Besitz. Diese „Güterskala“, wie sie Precht nennt, scheint zeitlos, interkulturell und objektiv mit der Natur des Menschen verbunden zu sein. Sie scheint es nicht nur, sie ist es auch.
Damit haben wir sehr klare und handhabbare Kriterien für Entscheidungen, was wir tun und was wir lassen. Wir müssen also nicht immer herum eiern.
Mit einem lieben Gruß |