Seele Print

Liebe Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

Seele scheint gegenwärtig wieder ein Thema zu sein, und darum möchte ich die antike und mittelalterliche Lehre präsentieren, denn diese irritiert. Das alte Weltbild differenziert den Kosmos in tote und lebendige Gegenstände. Mit dem Blick auf Lebendiges drängt sich die Frage auf: Wie kommt es, dass sich dieses Ding selbst bewegt, wogegen ich das andere Dinge erst anstoßen muss, damit es sich bewegt? Was heißt es, ein lebendiges Ding zu sein? Die Antwort auf die Frage nach dem Leben heißt „Seele“. „Die Seele ist Ursache und ‚arche‘ des lebendigen Leibes.“ Das Wort Ursache versteht sich von selbst. Mit dem Wort „arche“ ist es schwieriger, weil es „Anfang“, „das Herrschende“ und „Prinzip“ heißt. Die Seele bringt Bewegung in einen Körper, macht ihn lebendig und dieser Körper kann sich darum ernähren, wachsen und fortpflanzen; einige Körper können sogar etwas wahrnehmen, Vorstellungen von etwas anderem haben und es erstreben,  sie können sich von einem Ort zum anderen bewegen; und schließlich können einige Körper sich Gedanken machen, Urteile fällen und sich Ziele setzen, um diese zu verwirklichen. Die Seele ist das Prinzip der Lebewesen, macht aus einem toten Körper etwas. Konkret gesagt heißt das:

1. Auch die Pflanzen sind beseelt, denn sie nehmen anorganische Stoffe auf, verwandeln diese mittels der Fotosynthese in organische Stoffe. Sie ernähren sich. Dabei lassen es Pflanzen jedoch nicht bewenden, denn sie setzen alle Energie in ihren Samen, weil sie sich fort“pflanzen“ (das deutsche Wort sagt es schön) wollen und Nachkommen erstreben. Sie wollen nicht nur jetzt, sondern auch künftig lebendig bleiben.

2. Den Tieren eine Seele zugestehen fällt uns schon leichter (auch wenn wir wie bei Spinnen und Mücken Ausnahmen machen). Als Lebewesen haben auch die Tiere jenen nährenden und fortpflanzenden Aspekt. Bei den Tieren kommen aber noch weitere Bewegungen hinzu: Sie nehmen andere Dinge wahr und entwickeln Vorstellungen von ihnen. Zumindest haben Raubtiere ein klares Opferprofil von ihrer Beute. Aber auch die Gazelle nimmt war, ob der Löwe hungrig oder satt ist, ob sie schnell weglaufen soll oder in aller Ruhe Gras frisst. Tiere nehmen Wirklichkeit nicht nur materiell als Nahrung auf, die sie in der Verdauung verwandeln und den Rest ausscheiden; Tiere verfügen über Wahrnehmungsorgane, nehmen Wirklichkeit im Tasten, Schmecken, Riechen, Hören und Sehen auf und entwickeln Vorstellungen. In ihrer Bewegung werden Tiere von Lust und Schmerz navigiert und haben eine Begierde: sie streben nach Lust. Allerdings erleiden Tiere dieses Streben nach Lust eher passiv.

3. Menschen sind Lebewesen und darum stellten (erstaunlicherweise) die antiken und mittelalterlichen Philosophen den Menschen als „das Lebewesen, welches das Wort hat“ in die biologische Reihe der anderen Lebewesen. In dieser Hinsicht sind Menschen nichts anderes als Pflanzen und Tiere, denn sie ernähren sich, „pflanzen“ sich fort, nehmen mit ihren Sinnen wahr, bewegen sich von einem Ort zum anderen und streben „tierisch“ nach Lust. Was die menschliche Seele zur menschlichen macht ist schlicht und einfach ihre Möglichkeit, sich selbst und anderes in Worte zu fassen. Menschen nehmen Wirklichkeit nicht nur materiell und sinnlich auf, sie können verstehen, erkennen und urteilen – sie können Wirklichkeit geistig aufnehmen und genau dadurch aktiv werden. Die geistige Seele versetzt uns Menschen in die Lage, nicht zwangsläufig von der Selbst- und Arterhaltung navigiert zu werden, sondern uns autonom Ziele zu wählen. Menschen können handeln und müssen nicht nur reagieren.

Lebewesen sind prinzipiell beseelt: Ihre Seele gibt ihnen nicht nur Form und Gestalt, sondern gibt ihnen auch ein Ziel, denn alles Lebendige will einfach leben oder am Leben bleiben.

Mit einem lieben Gruß

Andreas Fritzsche