Sprechen Print

Liebe Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

Angeregt durch das Buch von Dagmar Puchalla und Georg Winter, Sprechsport, Weinheim 2011, gehe ich dem Gedankengang über die Seele weiter nach. Neben Pflanzen und Tieren sind auch Menschen beseelte Lebewesen. Über die Art von Lebendigkeit der Pflanzen und Tiere hinaus, besitzen Menschen eine besondere Form der Lebendigkeit: Menschen sind „Lebewesen, welche das das Wort haben“, wie Aristoteles es formuliert; sie können sprechen, sie können mit anderen Menschen sprechen. Was heißt das?

Interessanterweise entdeckten historische Anthropologen, die sich mit der Frage beschäftigen, ab wann sie bei einem archäologischen Fund von einem Menschen sprechen können, dass die Entwicklung des Kehlkopfes mit dem Knochenwulst über den Augen korrespondiert. Je größer und differenzierter der Kehlkopf ist, desto mehr geht der Knochenwulst über den Augen zurück. Wie kann man das verstehen bzw. interpretieren? Der Kehlkopf entwickelte sich differenzierter und opulenter durch den Wortgebrauch, durch Sprechen (vielleicht auch durch Singen). Durch diese Möglichkeit der Kommunikation können Menschen konkrete Dinge, Gefühle und Situationen ins Wort heben und so anderen erklären. Bedrohungen und Angst kommunizieren Menschen verbal und brauchen fortan Konflikte nicht mehr nur mit dem Knüppel zu lösen. Darum konnte vielleicht auch der biologische Schutz des empfindlichen Organs Auge reduziert werden: Der kräftige Knochenwulst geht zurück, die Stirn wird höher und der Kehlkopf bekommt zeitgleich mehr Raum, sodass vielfältige Laute gebildet werden können. Will sagen: Durch das „Wort haben“ der Menschen, können sie handfeste Aggressionen deutlich reduzieren.

Ohne Sprache, die uns die biologische Natur als Möglichkeit in die Wiege legt, und die wir erst durch Sprechen als menschliche, kulturelle Wirklichkeit realisieren, können wir nicht Mensch sein. Mensch-Sein besteht wesentlich im Wort-Gebrauch, eben im Sprechen. Kaiser Friedrich II. machte im 13. Jahrhundert ein Experiment, und seitdem ist klar, dass wir Menschen ohne Sprechen, ohne Angesprochen werden, nicht einmal biologisch überleben können. Zwei Säuglinge isolierte er von ihren Müttern und ließ sie von Ammen ohne Ansprache  „versorgen“, weil er die Ursprache (die Sprache im Paradies) herausfinden wollte, denn diese vermutete er in den ersten Worten der kleinen Kinder. Doch diese hörte er niemals, denn die Säuglinge starben, gingen ein. Was bedeutet das? Ohne die kulturelle Leistung des Sprechens, können wir Menschen nicht einmal biologisch am Leben bleiben. Menschen können nicht nur sprechen, sie müssen sprechen; und dieses Sprechen ist nicht einfach nur Informationsaustausch. Es ermöglicht Verstehen, Vermitteln und Ordnen.

„Denn nichts, meinen wir, schafft die Natur vergeblich. Über die Sprache aber verfügt allein von den Lebewesen der Mensch. [10] Die Stimme nun bedeutet schon ein Anzeichen von Leid und Freud, daher steht sie auch den anderen Lebewesen zu Gebote; ihre Natur ist nämlich bis dahin gelangt, dass sie über Wahrnehmung von Leid und Freud verfügen und das den anderen auch anzeigen können. Doch die Sprache ist da, um das Nützliche und das Schädliche klarzulegen [15] und in der Folge davon das Gerechte und das Ungerechte. Denn das ist im Gegensatz zu den anderen Lebewesen den Menschen eigentümlich, dass nur sie allein über die Wahrnehmung des Guten und des Schlechten, des Gerechten und des Ungerechten und anderer solcher Wort verfügen. Doch die Gemeinschaft mit diesen Worten schafft Haus und Staat.“ Aristoteles, Politik, 1253a.

Schöner und präziser kann man nicht sagen, dass Sprechen den Menschen zum Mensch macht.

Mit einem lieben Gruß

Andreas Fritzsche