Natur Print

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

In der Oratio der Weihnachtsmesse wird gebetet „natus hodie Salvator mundi“ „Heute wurde der Erlöser der Welt geboren“. Dabei stolpert man über das Wort „natus“ (wurde geboren), das mit dem Wort Natur verwandt ist, weil es von „natare“ (geboren werden) herrührt. Vielleicht erschließt uns modernen Menschen dieses lateinische Wort ein gutes Verständnis des viel bemühten Wortes Natur. Im Lateinischen heißt „natura“ 1. Geburt; 2. das Geborene, das Geschaffene; und 3. die schaffende Kraft. Das mittelalterliche Latein kennt noch die „natura naturans“ und bezeichnet damit die hervorbringende Natur.

Auch das griechische Wort für Natur „physis“ geht in die gleiche Richtung und betont die Lebendigkeit der Natur noch mehr: Dem Wort „physis“ liegt das Verb „phyo“ zugrunde: entstehen, wachsen, hervorkommen, abstammen und blühen; im Passiv „phyesthai“: geboren werden. Das Substantiv „physis“ bedeutet folgerichtig: Werden, Wachstum, Wuchs, Geburt und Herkunft, Geschöpf, Anlage, Ordnung und auch Schöpferkraft.

Was wir mit Natur bezeichnen, wurde geboren und entstand nicht aus menschlicher Hand, selbst wenn wir Menschen bei Züchtungen und genetischen Veränderung die Hand im Spiel haben. Die Dynamik und Bewegung kommt aus den natürlichen Dingen selbst, welche die künstlichen Dinge nun einmal nicht besitzen. Wenn ich als Kind meinen Teddybären neben dem meiner Schwester setzte, passierte nichts; wenn wir dagegen zwei Exemplare des natürlichen Vorbilds des Teddybären, also zwei Koalabären, nebeneinander setzen, dann passiert schon etwas mit der ihnen eigenen Dynamik und Bewegung.

Zwei Aspekte legt uns diese Überlegung zur Natur vor: Erstens werden natürliche Dinge geboren, sie werden geschaffen, sind zumindest ohne menschliches Tun entstanden; und zweitens liegt in dieser geschaffenen Natur Dynamik, Bewegung und Kraft inne, die uns bisweilen fasziniert, aber auch zu Tode erschreckt. Darum erleben wir Natur sehr ambivalent: schön und roh, faszinierend und erschreckend, vollkommen und mangelhaft, erhaben und bestialisch, kraftvoll und begrenzt, lebenspendend und tödlich, liebevoll freundlich und vernichtend.

Mit einem dritten Aspekt möchte ich den Gedankengang abschließen: Auch wir Menschen selbst sind Natur, denn wir wurden alle geboren und erleben diese natürliche Dynamik in uns. In gewisser Weise sind wir so, wie wir sind, ohne unser Zutun. Diese Tatsache irritiert und wirft die Fragen auf. Ist unsere menschliche Natur einfach nur Material für unseren Willen bzw. Vernunft? Stellt die menschliche Natur uns nur Grenzen auf oder stellt sie uns ein natürliches Maß, vielleicht sogar eine Ordnung, zur Verfügung? Meine Position zur letzten Frage ist: Die Natur legt uns Menschen eine Neigung bzw. ein Streben, das wir uns nicht ausgesucht oder erwählt haben, in die Wiege. Menschen suchen Glück und wollen Freude empfinden.

Schöne Weihnachtstage wünsche ich Ihnen und bleibe

Ihr
Andreas Fritzsche