ein Gedanke: die Entgrenzung von Raum und Zeit Print
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
 
die Entgrenzung von Raum und Zeit erleben wir gegenwärtig. Bislang wurde in der Fabrik produziert und im Bürogebäude verwaltet – in festgelegten Räumen. Bislang wurde an klar definierten Zeiten gearbeitet und dies dokumentierte der Dienstplan oder die Stechuhr. Die  Informations- und Kommunikationstechnologie des Computerzeitalters veränderten die Eingrenzung der Arbeit grundlegend. An einem Projekt kann heute rund um den Globus gleichzeitig oder pausenlos nacheinander gearbeitet werden; die Arbeit fließt kontinuierlich. Handys und UMTS-Karten im Notebook verschaffen dem Nutzer an jedem Ort Zugang zu den Datennetzen. Sie entgrenzen den Raum der Arbeit und machen diese zuhause, im Urlaub während einer Alpenwanderung oder im Auto vor dem Seminargebäude möglich. Die Tatsache, dass permanente Kommunikation möglich ist, erzeugt auch die entsprechende Erwartung, permanent und überall erreichbar zu sein, überall und jederzeit zu arbeiten: 24 Stunden am Tag, an sieben Tagen in der Woche und das an jedem Ort.
 
Diese Situation soll nicht beklagt werden. Darum geht es nicht. Die Konsequenzen für die persönliche Lebensführung, die Selbstorganisation und die Gestaltung des Miteinanders sollen aufgezeigt und Lösungen gefunden werden. Die neuen Kommunikationstechnologien schaffen Freiräume und Handlungsmöglichkeiten, die jedoch von uns zu gestalten sind.
 
  • Mit der Entgrenzung von Raum und Zeit entfallen gemeinsame Gewohnheiten und Rituale. Fast alles steht zur Disposition und Gemeinsamkeiten müssen ausgehandelt werden. Die Synchronisation zwischen Menschen erfolgt nicht mehr automatisch, sie muss erwirkt werden.
  • Die einzelne Person kann sich daher nicht auf einen gemeinsamen Rhythmus verlassen, weil arbeiten, einkaufen … überall und jederzeit möglich sind. Sie kann sich nicht einfach an gute Gewohnheiten anlehnen, sie muss sich selbst strukturieren, wenn sie ein gewisses Ziel verfolgen will.
  • Eingegrenzte Zeiten und bestimmte Orte kommunizieren gemeinsame Gewohnheiten, beschreiben für eine Gruppe von Menschen, was ihnen wichtig und was weniger wichtig ist; sie entlasten von Entscheidungen und synchronisieren. Dabei stiften sie Identität, zumindest Identifikationsmöglichkeiten.
  • Eine Vielzahl von Informationen strömt auf uns ein und hinterlässt eine irritierende Unübersichtlichkeit. Wir hätten es aber viel lieber schlicht und übersichtlich, wir wollen es einfach. Wie kann die Unübersichtlichkeit reduziert werden?
  • Angesichts grenzenloser Handlungsmöglichkeiten sind wir „zur Freiheit verdammt“. Ob wir es wollen oder nicht, wir müssen uns selber strukturieren, organisieren, verabreden und unsere Ziele definieren. Welche Orientierungsmarkierungen liegen vor? Welche Entscheidungskriterien stehen zur Verfügung? Einige empfinden diese Situation als Überforderung und erleben sich selbst gestresst. So sagte eine junge Frau: „Das ist ein riesiger Berg vor mir, und ich habe Angst davor“.
 
Eine Alternative gibt es: Wir verweigern uns dem Entscheidungsstress und lehnen uns bedingungslos an die Konventionen des eigenen Milieus oder der augenblicklichen Mode an; wir lassen uns leben. Der Schrei nach klar strukturierten Arbeitsabläufen wird auch immer lauter.
 
Insofern jenes konventionelle Leben keine echte Alternative sein soll, entsteht der Anspruch: „Ich bin der Autor meines Lebens – auch im Gelingen und Scheitern; ich bin der Täter meiner Taten.“ Dieser Anspruch mag pubertär oder existentialistisch wirken. Dem ist aber nicht so. Gerade Unternehmer wünschen sich Mitarbeiter, die ihr Leben in die Hand nehmen, Verantwortung für ihr Leben übernehmen und aufmerksam, sorgsam und ausbalanciert mit sich umgehen. Darum wird work-life-balance insbesondere bei Führungskräften als Kernkompetenz ausgezeichnet.
Diese zentrale Frage „Will ich Autor meines Lebens sein, oder lasse ich mich leben?“ zielt auf die Haltung der Verantwortlichkeit. Weil die Antwort eine grundlegende Haltung, eine Herangehensweise oder Charakterzug ist, artikuliert sie sich weniger in rationalen, bewussten Sätzen, sondern eher in der Alltagsrhetorik: „Man muss …“, „Wenn ich nur mehr Zeit hätte, …“, „Wenn ich nur einen besseren Chef hätte, …“. In dieser Hinsicht ist Sprache verräterisch. Diese Opferrhetorik gibt den Autor des Sprechens – und damit der Lebensführung - nicht zu erkennen. Konventionalismus dominiert Entscheidungen und Lebenspraxis, die Lebensführung wird aus der Hand gegeben.
 
Gibt es eine Alternative? Die Ethik im Fahrwasser eines Aristoteles, die eudämonistische Ethik, macht die persönliche Lebensführung zum zentralen Thema und fragt nach den Zielen des Lebens, nach Entscheidungskriterien, nach Gestaltungsmöglichkeiten und – bedingungen, nach Methoden und guten Gewohnheiten; diese Ethik stellt sich der Herausforderung, in einer differenzierten, unübersichtlichen Wirklichkeit Wege und Methoden zu finden, auf denen das Leben gelingen kann. Wie kann ich mein Leben führen, so dass es gelingt, dass es ein „gutes Leben“ wird?
 
Mit einem lieben Gruß
Dr. Andreas Fritzsche