Maß - temperantia Print
"Wer sich selbst nicht beherrschen kann, darf nicht über andere herrschen." Platon
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
die deutschen Wörter für die Tugenden sind nicht einfach, und das betrifft insbesondere die Kardinaltugend "temperantia". Die Wörter Selbstbeherrschung, Disziplin oder Zucht muten verbissen, ja sogar gewalttätig an. Das lateinische Wort temperantia kann den Sachverhalt am besten beschreiben. Stellen wir uns ein "wohl temperiertes" Klavier vor. Es hat viele Saiten, und je mehr Saiten es hat, desto größer ist die Klangfülle. Freilich muss es gut gestimmt sein, sonst kann keiner auf dem Klavier spielen. Hat der Klavierstimmer die Töne aufeinander abgestimmt und in eine vernünftige Ordnung gebracht, dann ist es "wohl temperiert". Der Spieler kann musizieren und sein Publikum verzaubern. Je mehr Töne solch ein Instrument hat, desto interessanter ist es für den Spieler, weil es Klangfülle besitzt, desto mehr Möglichkeiten hat er.
Das Bild des wohl temperierten Klaviers lässt sich auf Seele und Pathos - Leidenschaften, Begierden, Triebe, Stimmungen, Süchte und Emotionen - übertragen. Je mehr Pathos ein Mensch hat, desto interessanter und kraftvoller ist er, desto mehr kann man mit ihm anfangen. Nur eines ist klar, die Leidenschaften müssen gestimmt sein oder dieser Mensch landet in der Selbstzerstörung. Es geht also nicht um die Stilllegung des Pathos, es geht um eine vernünftige Ordnung der Emotionen, so dass die Leidenschaften "wohl temperiert" – also gestimmt – sind.
Bitte vergessen Sie die Worte Selbstbeherrschung, Disziplin und Zucht, denn der deutsche Sprachgebrauch benutzt sie einseitig. Sie schmecken nach preußischem Kasernenhof, nach Abrichten und Zurechtstutzen, nach Drill und Funktionieren; und dabei weiß jeder gute Unternehmer: Mit abgerichteten Menschen werde ich keinen Erfolg haben. Leidenschaftliche Mitarbeiter, leibhaftige Menschen aus Fleisch und Blut, werden erfolgreich sein, wenn sie ihre Energie in die gemeinsame Sache kanalisieren.
Worum geht es bei der Tugend des Maßes? Es geht um die Ordnung der Innenwelt – und zwar um die Ordnung der treibenden Leidenschaften. Von Lust, Genuss, Freiheitsdrang, Kreativität und Abenteuer werden wir getrieben und gezogen. Leider präsentiert uns Pathos Wirklichkeit eindimensional, und wenn wir uns ihm überlassen, leben wir einseitig. Die Einseitigkeit eines Gewinnsüchtigen führt zu nichts. Die Freunde am Gewinn ist sauber, nur wenn die ganze Wirklichkeit auf diese eine Dimension reduziert wird, geht das Leben verloren. Maßlosigkeit macht blind gegenüber der objektiven Rangordnung der Güter bzw. Werte; sie macht befangen und trübt den Blick. Menschen ohne temperantia leben entsichert. Die kleinste Erregung macht den entsicherten Menschen zum Rasenden. Zornestiraden und Wutausbrüche terrorisieren seine Umgebung und verletzen ihn schließlich selbst. Temperantia sichert uns vor einander und vor uns selbst. Wovor sichert sie?
  • Lust-Unlust-Steuerung
  • Wutausbrüchen und Jähzorn
  • Sucht
  • Ungerechtigkeit
  • Wertblindheit
  • Verzweiflung und Zynismus
Maß kultiviert, und der maßvolle Mensch kann Früchte tragen:
  • Souveränität – Selbstmächtigkeit
  • Heiterkeit
  • Freies Herz: mit sich im Reinen sein
  • Wahrnehmung mit einem unverstellten Blick
  • Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Genuss in Freude an den Dingen
  • Kreativität und Energie
Maß befreit, reinigt und setzt positive Energie frei.
Mit einem lieben Gruß
Andreas Fritzsche