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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
in Krisen stellen Menschen grundsätzliche Fragen - z.B.: „Was ist die richtige Haltung, Einstellung eines Betriebswirts?“ „Was hat sich bewährt und genießt allgemeine Anerkennung?“ „Worauf kann ich mich verlassen?“ Darum darf es nicht verwundern, dass gegenwärtig den „ehrbaren Kaufmann“ gesprochen und geschrieben wird. Im Mittelalter (insbesondere in Italien und in der Hanse) tauchen sogenannte Tugendkataloge in Handelsbüchern auf und beschreiben den Ethos eines guten, tüchtigen Kaufmanns. Ethos meint die Summe von gefestigten Charakterstärken, die grundlegende Haltung und Einstellung, ein persönliches Leitbild.
Was heißt Ehre? Ehre meint die öffentliche Anerkennung und Achtung. Die Ehre des hanseatischen Kaufmanns lag in den Tugenden Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Mäßigkeit, Ordnung, Genügsamkeit, Fleiß, Demut und Treue im Wort. In einem Satz formuliert, kann man sagen „Sein Wort gilt.“ Weitere Tugenden werden genannt:
- Treu und Glauben
- Redlichkeit, Aufrichtigkeit und Schweigen
- Weitblick
- Gerechtigkeit
- Mut und Entschlossenheit
- Barmherzigkeit
- Mäßigung
- Gemütsruhe, Ordnung, Reinlichkeit
- Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit.
Das Gegenteil der Ehre, die Schande, wurde auch formuliert. Die Schande des Kaufmanns tritt im Wucher und Glücksspiel zutage, denn hier offenbaren sich seine Laster, z.B. die Gier.
Aus dem historischen Ethos „eines ehrbaren Kaufmanns“ kann für die Gegenwart ein Leitbild gewonnen werden, welches Orientierung, Identität, Sinnbezug und ein klares Wertekonzept bietet. Im Kernbestand geht es um Glaubwürdigkeit und Vertrauen als Basis von Interaktionen zwischen Kaufmann und Kunde, Unternehmer und Mitarbeiter, Berufsgruppe und Öffentlichkeit. In der Ausbildung bzw. Erziehung neuer Mitarbeiter bietet der „ehrbare Kaufmann“ neben den fachlichen und praktischen Elementen das tragende, moralische Verhaltensmuster. Was steht dem „ehrbaren Kaufmann“ entgegen? Was behindert diesen Ethos? Neben den persönlichen, individuellen Schwächen behindern Bürokratie, juristischer Formalismus, mangelndes Unrechtsbewusstsein, die rein „wissenschaftliche“ Lehre an den Hochschulen, verdorbene Sitten in einzelnen Unternehmen und der Gesellschaft das Leben dieses Ethos’. Letztlich sprechen diese Hindernisse nicht gegen ihn, sondern zeigen eher die Notwendigkeit solch eines Leitbildes auf. Einen Menschen, dessen Wort gilt, schätzen wir geschäftlich und privat, und diese Anerkennung darf schon einer Mühe wert sein.
Ein gesegnetes Weihnachtfest und ein gutes Neues Jahr wünsche ich Ihnen. Andreas Fritzsche
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