Freiheit: anders können Print

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freude,

Kinder finden das faszinierend und probieren es, bis sie blau anlaufen oder umfallen: wie lange kann ich die Luft anhalten? Manche von ihnen können es ganz schön lange und das bis sie ohnmächtig werden. Einige Aktivitäten müssen wir nicht tun, wir können sie tun oder auch sein lassen. Auf andere Aktivitäten haben wir keinen Einfluß, auch wenn wir sie selbst tun. Ob mein Herz schlägt oder nicht, ob mein Darm verdaut oder nicht, hängt nicht von meiner Zustimmung ab. Beide Organe tun es einfach – auch ohne meine Zustimmung. Bei einigen Aktivitäten können wir anders, bei anderen nicht.

Auch wenn das naiv erscheint, bestehe ich auf diesen handfesten Beobachtungen aus dem Alltag. Es gibt Situationen, in denen wir anders können. Klingelt das Telefon, muss ich den Anruf nicht entgegennehmen. Ich kann es auch klingeln lassen. Jetzt kann ich auch einen Kaffee kochen, aber ich schreibe weiter. Diese Beispiele mögen banal und schlicht erscheinen. Trotzdem zeigen sie auf, dass wir sehr häufig „anders können“.

Wenn wir handeln, erledigen wir nicht nur Dinge draußen, wir bewirken in unserem Inneren auch etwas: wir bilden Gewohnheiten aus und gestalten unseren Charakter. Wenn Menschen immer wieder den gleichen Weg über eine Wiese gehen, entstehen Trampelpfade, ob sie es wollen oder nicht, und sie werden künftig auch auf solchen Trampelpfaden gehen. Handeln, und zwar wiederholtes Handeln, legt in unserem Charakter solche Trampelpfade an, die sich neurologisch sicherlich als Synapsenverbindungen darstellen und abbilden. Durch Handeln legen wir uns fest und wir werden uns selbst zum Schicksal, weil wir Automatismen und Gewohnheiten entwickeln. Dann hängt nicht nur der Schlüssel am gewohnten Ort, wir decken auch den Tisch gewohnheitsmäßig so und nicht anders. So entwickelt fast jeder seine Rituale und Routinen und das ist, Gott sei Dank, so. Gewisse Dinge oder Aufgaben müssen nicht entschieden werden. Soll ich überlegen oder erst entscheiden, ob ich mir heute die Zähne putze oder nicht? Das wäre banal, und ich käme zu nichts, wenn ich meine Aufmerksamkeit an Fragen wie „Zähneputzen – ja oder nein?“ verschwenden würde. Diese Aufgaben entscheiden wir auch nicht. Vielleicht denken wir ab und zu über sie nach, wir reflektieren (beugen uns zurück) im Nachhinein.

Bisweilen kommen wir auch zu dem Entschluss, eine Gewohnheit abzulegen, zum Beispiel mit dem Rauchen aufzuhören. Dann merken wir, wie schwer es ist, gewohnte Handlungsmuster zu durchbrechen, zum Beispiel auf die Pausenzigarette zu verzichten. Schwer und schmerzlich ist dieser Durchbruch und man merkt, wie fest und mächtig Handlungsmuster sind. Trotzdem kann ich die Zigarette sein lassen; wir können Gewohnheiten ablegen, wir können uns selbst gestalten und darin sind wir frei. Hier haben wir Handlungsalternativen, hier können wir anders. Essen, schlafen, usw. müssen wir weiterhin, darin können wir nicht anders. Unsere Freiheit ist dabei an diesen menschlichen Leib, diese menschliche Seele und Geist gebunden, denn wir haben uns selbst nicht gemacht. Diese Gegebenheiten sind die Grenzen menschlicher Freiheit. Trotzdem bleibt festzuhalten: wir können anders, wir können wählen und wir können entsprechend handeln.

Menschen haben Alternativen und wir leben Alternativen. So erleben wir uns, so gehen wir – in aller Höflichkeit – miteinander um und legen großen Wert auf diesen Respekt. Alles ist uns nun auch nicht möglich, weil wir Geschöpfe sind. Unsere Freiheit stößt an Grenzen. Allein können Menschen nicht leben und nach wie vor ist auch bei Menschen die Sterblichkeitsrate mit 100% gleichbleibend hoch. Innerhalb ganz bestimmter und konkreter Grenzen leben diese Geschöpfe und handeln darin frei. Das ist zwar keine absolute Freiheit, aber immerhin Freiheit. Menschen können anders – zwar nicht alles, aber immerhin das Entscheidende: sie können sich jemand zuwenden und sich an ihn binden. So wachsen, reifen sie und tragen schließlich Frucht.

Einen schönen Mai wünsche ich
Dr. Andreas Fritzsche