Glück Print

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freude,

ganze Bibliotheken an wissenschaftlichen Büchern und leicht verdaulichen Ratgebern füllt die Frage nach dem Glück, und neuerdings gibt es sogar in der Wirtschaftspsychologie die Disziplin Glücksforschung. Das liegt wohl daran, dass jeder Mensch mit den Fragen „Was ist Glück? Was ist mein Glück? Wie erreiche ich es?“ lebt, denn jeder Mensch will glücklich sein. Wenn wir Durst haben, suchen wir etwas zu trinken, und wenn wir Hunger haben, suchen wir etwas zu essen; genauso suchen wir mit Leib und Seele, Herz und Verstand das Glück, weil wir schlicht und einfach Menschen sind. Die Alten nennen das „appetitus naturalis“ – ein naturgegebenes Verlangen, also etwas ganz Natürliches und ganz Menschliches. Wir können gar nicht anders, als unser Glück suchen. Wenn wir also nach dem Glück fragen, reden wir über ein menschliches Glück, etwas wo der ganze Mensch mit seinen Leidenschaften, mit seinem Herzen und seiner Vernunft, mit seinen Beziehungen, Handlungen und Charakterzügen auftaucht – und das als Mensch unter Menschen.

Die meisten Menschen richten ihre Aufmerksamkeit auf „Glück haben“ und suchen dann das Glück in den äußeren und leiblichen Gütern. Was ist damit gemeint? Mit äußeren Gütern meine ich zum Beispiel Anerkennung, Geld, Erfolg, Frieden und einen gerechten Staat. Unter den leiblichen Gütern verstehen wir vor allem Gesundheit, „die ja schließlich das Wichtigste ist“, wie ich es bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit höre. Sicherlich erleichtern günstige Umstände und körperliche Fitness ein glückliches Leben, doch was machen wir, wenn jemand arm wird und geliebte Menschen sterben? Was machen wir, wenn jemand krank daniederliegt und seine Lebensqualität schwindet? Ist dieser Mensch dann zum Unglück verdammt und hat keine Chancen mehr auf ein gutes Leben mehr? Dann wäre ja alles sinnlos.

Wenn wir ein menschliches Glück suchen, dann müssen das Beste im Menschen und der ganze Mensch – mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele - darin vorkommen. Das Beste im Menschen ist die vernunftbegabte Seele, denn die Vernunft kann das Gute und Wahre sehen, sie kann die Leidenschaften und Gewohnheiten gut navigieren, und mit Vernunft können wir Mensch unter Menschen sein. Trotzdem liegt das Glück nicht allein in der Vernunft, denn wir Menschen sind in einem Leib zuhause und suchen Lebenslust. Das merken wir, wenn wir uns freuen, denn dann fühlen wir uns glücklich und dann wachsen uns sozusagen Flügel. In der Freude taucht übrigens die Vernunft recht intensiv auf, denn der Dummkopf kann sich nur über Animalisches – über die „Ergötzungen des Tastsinns“ freuen. Der Kluge freut sich auch noch über etwas, was gut und schön ist und was nicht einfach durch Reize stimuliert wird. Zum Beispiel freut er sich über etwas, was er getan hat. In dieser Hinsicht liegt menschliches Glück im Handeln, und mit Handeln meine ich eine in sich sinnvolle Praxis. Das größte Praxisprojekt, das wir haben, ist unser Leben.

Freilich fühlen wir uns nicht jeden Tag glücklich, wenn wir unser Leben gut führen, doch bisweilen blitzt dieses Glück ganz plötzlich im Gefühl auf, wenn wir uns über etwas freuen. Worüber? Das kann zum Beispiel ein gutes Gespräch oder ein vorbeiziehender Vogelschwarm sein. Freude kommt auf, wenn wir still geworden sind, wenn wir mal nichts wollen und ganz aufmerksam sind. Dann können wir wahrnehmen, wirklich hören und schauen, dann nehmen wir auf und hören aufmerksam einem anderen zu oder genießen die Schönheit des vorbeiziehenden Vogelschwarms. Auf diesen schauenden Aspekt kaue ich etwas herum, weil unsere Arbeitswut und der dominierende, mußelose Aktionismus dieses Schauen – mit den Augen des Herzens - beargwöhnt und höchstens im Urlaub (als Reproduktion der Arbeitskraft) gestattet.

In der Summe unterbreite ich ein Angebot: Der Glückliche ist mit sich selbst und mit anderen befreundet. Der Glückliche freut sich über wirklich Anspruchsvolles und realisiert seine Talente und Charismen; und das ist auch einem kranken Menschen oder einem Häftling möglich.

Schöne und glückliche Tage im August wünsche ich Ihnen und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Dr. Andreas Fritzsche