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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freude,
das letzte Buch von Klaus Berger und Andreas Fritzsche „Gut oder böse?“ kann schnell den Eindruck entstehen lassen, als gäbe es nur dieses Entweder-Oder – eben gut oder böse. Das entspricht jedoch nicht der Wirklichkeit, und darum möchte ich ein Drittes vorstellen: das Gleichgültige oder das Indifferente.
Die meisten Handlungen sind moralisch indifferent: Ob ich ein Blatt mit der linken oder rechten Hand aufhebe ist moralisch neutral; ob ich meinen Nachbarn mit „Guten Morgen“ oder „Moin, moin“ grüße, hat keine ethische Bewandtnis; und ob ich mit der linken oder rechten Hand schreibe, hat keine moralische Bedeutung – im allgemeinen. Wir können die Beispiele endlos fortsetzen und kämen zur Einsicht, dass fast alle Handlungen moralisch „gleich gültig“ sind.
Diese Tatsache, dass fast alle Handlungen ethisch indifferent sind, ermöglicht sogar erst sittliches Handeln, denn wenn alles moralisch relevant wäre, wäre nichts mehr moralisch relevant. (Wenn alles politisch ist, ist nichts mehr politisch.) Intuitiv merken wir das auch und bezeichnen Menschen, die alles nach gut oder böse bewerten, einfach überzogen oder als „Gutmenschen“. Ob jemand eine Vorliebe für Schlips oder Fliege hat, ist einfach eine Geschmackssache, und wenn in solchen Fällen jemand anfängt, moralisch zu werden, seinen Geschmack auch anderen aufzudrücken, zeigt er sich entweder als dummer, infantiler Mensch oder als Gesinnungsterrorist. Selbst wenn wir fachlich gewisse Urteile fällen (zum Beispiel im Bereich der Betriebswirtschaft), dann urteilen wir zuerst sachgerecht nach „richtig“ oder „falsch“, lassen also Sachverstand walten. Moralisieren wäre völlig unangebracht. Allgemein gesehen, sind fast alle Handlungen moralisch neutral.
Im Konkreten kann eine an sich indifferente Handlung sehr wohl moralisch relevant sein. Wenn zwei Männer – zum Beispiel – beim Pokern sich über gewisse Zeichen verständigen und einer sich hinter einen anderen Mitspieler stellt, ihm in die Karten schaut und sich dann mit der linken Hand ans rechte Ohrläppchen greift, dann steckt in dieser scheinbar moralisch indifferenten Handlung eine Botschaft an seinen Kumpanen. Er spioniert, verzerrt die Informationsgleichheit und verletzt damit die Gerechtigkeit – eine moralisch böse Handlung; zumindest mogeln beide. Das mag nun ein banales Beispiel sein, aber der Sachverhalt wird deutlich. Wenn nicht, dann schiebe ich ein anderes nach: Rot oder Schwarz sind erstmal Farben und manch einer hat eine Vorliebe für Rot, ein anderer für Schwarz – also indifferent oder gleich gültig. Wenn nun – zum Beispiel in der DDR – am 1. Mai Fahnen gehisst wurden, macht es einen gewaltigen Unterschied, ob jemand die rote oder eine schwarze hisste. Der eine wurde gelobt, der andere hatte unangenehme Gespräche am Ohr und wurde bestraft.
Was soll damit gesagt sein? An sich moralisch indifferente Handlungen können im Konkreten Bekenntnishandlungen oder Botschaften sein und so ihre Unschuld der Gleichgültigkeit verlieren. Der Ertappte wird zwar sagen, dass er sich schließlich mal am Ohr kratzen dürfe, was aber nur eine Ausrede ist. Die Wahrheit liegt also im Konkreten oder: im Detail steckt der Teufel.
Dieser Gedankengang über das Indifferente will Sie erstens entlasten und moralischen Stress abbauen: Im Allgemeinen sind die wenigsten Handlungen moralisch irrelevant. Zweitens gilt die Aufmerksamkeit dem Konkreten, denn der Ton macht die Musik. Nicht nur der Teufel steckt im Detail, sondern auch die Liebe.
Mit herzlichen Grüßen Dr. Andreas Fritzsche
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