Nachhaltigkeit Print

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

In keiner Rede darf dieses Wort fehlen. Was bezeichnet Nachhaltigkeit? Woher kommt es? Die Wiege des Gedankens steht in Sachsen und zwar in Freiberg. Der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) schaffte dem Holzmangel, der durch den Silberbergbau verursacht wurde, Abhilfe. Kontinuierlich forstete er die Wälder wieder auf und entnahm dem Wald nur soviel, wie nachwachsen konnte. 1713 schrieb er in seinem Buch „Sylvicultura oeconomica“:

„Wird derhalben eine gröste Kunst, Wissenschaft, Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen (sei), dass es eine continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe weiln es eine unentbehrliche Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse [Dasein] nicht bleiben mag.“

Ein Forstwirt wird nur soviel Bäume fällen, wie er neu angepflanzt hat. Heute kann er Holz schlagen, weil seine Vorgänger Bäume gepflanzten, von denen sie selbst keinen Nutzen hatten. Wird dieses Prinzip missachtet, betreibt der Forstwirt Raubbau und betrügt nicht nur seine Nachfolger, sondern auch das Gemeinwesen.

Das Prinzip „Nachhaltigkeit“ macht auf das Volumen, die Tradition und zeitliche Reichweite aufmerksam:

  1. Zu holen ist nur das, was auch nachwachsen kann.
  2. Heute können wir leben und Güter nutzen, weil gestern Menschen uns zeugten und für sich selbst nutzlose Güter erarbeiteten.
  3. Entscheidungen fallen ziemlich anders aus, wenn man die Folgen und Reichweite kurzfristig, mittelfristig oder langfristig bewertet.

Wertungen und Beurteilungen fallen anders aus, wenn sich die angelegte Zeitschiene verkürzt oder verlängert. Nimmt man ein sehr großes Intervall an, fällt die Beurteilung einer Handlung anders aus als bis zum minimalsten Zeitlimit, wenn nur der Reiz des Augenblicks zählt. Darum entschleunigen wir bisweilen Entscheidungen und schlafen drei Nächte, ehe wir zum Beispiel Klage einreichen. Manchmal holen wir ganz tief Luft und zählen bis zehn, wenn wir spüren, dass der Zorn noch kocht. Geschwindigkeit soll herausgenommen werden, damit das Mütchen temperiert werden kann. Auf lange Sicht erscheint auch manch kurzfristiger Erfolg oder Gewinn als pure Dummheit; dann beurteilen wir den Steuerbetrug anders, empfinden ihn nur noch peinlich und würden manches dafür geben, um diesen Fauxpas aus der Welt zu schaffen.

Ganz deutlich wird das Bewertungskriterium der Zeitschiene, wenn es um die Beurteilung von Unternehmen geht. Ein Manager, der für den kurzen Zeitraum von zwei Jahren einen Vertrag erhält, kann in dieser Zeit das Unternehmen richtig lukrativ, gewinnbringend machen und den Kapitaleignern optimale Rendite erwirtschaften. Trotzdem ist es gut möglich und sehr wahrscheinlich, dass das Unternehmen fünf Jahre später Insolvenz anmelden muss, weil die Substanz des Unternehmens verfüttert, weil Raubbau betrieben wurde. Diesen beschleunigten Gewinnerwartungen will das Prinzip „Nachhaltigkeit“ entgegenwirken.

Einen „goldenen Oktober“ wünsche ich Ihnen.
Dr. Andreas Fritzsche