Ordnung der Güter Print

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

Im November sprach ich vom Wert an sich, vom objektiven Wert. Die Philosophen nennen ihn „ein Gut“. Solch ein Wert an sich – objektiver Wert bzw. Gut - gilt immer, auch wenn ihn augenblicklich kein Mensch wertschätzt. Zum Beispiel sind sauberes Wasser und Gesundheit Werte an sich. Das merken wir erst, wenn diese Güter abhanden gekommen sind. Welcher Wert, welches Gut sitzt auf dem Thron? Wofür geben wir alles her? Nach welchen Kriterien ziehen wir einen Wert vor und setzen einen anderen zurück? So frug ich abschließend im November und möchte hieran schließen.

Die Ethik differenziert Güter in äußere, leibliche und seelische Güter. Was können wir uns darunter vorstellen?

Äußere Güter sind zum Beispiel Anerkennung, Besitz oder Geld – etwas, von außen uns zuteil oder zugeschrieben wird. Können wir Einfluss auf die äußeren Güter nehmen? Ja, aber nicht immer. Durch gezieltes Handeln gestalten wir, was um uns geschieht; gewisse Umstände entziehen sich jedoch unserem Handlungszugriff wie zum Beispiel die Inflationsrate oder das Urlaubswetter. Trotzdem benötigen wir die äußeren Güter, um leben zu können.

Leibliche Güter, wie Gesundheit und Haarwuchs, können wir durch gezieltes Handeln oder kluge Lebensführung intensiver als die äußeren Güter beeinflussen, und trotzdem bleibt auch in ihnen ein Rest unbeeinflussbar. Heute kam eine Studentin in die Sprechstunde, um sich für ihr Fehlen in den vergangenen Seminarsitzungen zu entschuldigen. Krebs habe man bei ihr diagnostiziert, und das habe sie erst mal matt gesetzt.

Die seelischen Güter, wie Gelassenheit, Freundschaft und Charakterstärke, kann die krebskranke Studentin trotz des Verlusts eines leiblichen Guts auch jetzt noch und wohl immer beeinflussen. Die wirklich wichtigen Güter sind die seelischen und sollten unsere höchste Wertschätzung genießen: Wie verhalte ich mich in Situationen, die ich nicht ändern kann? Obendrein kommt noch eine Beobachtung, die mir mein Doktorvater aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft nahelegte: Selbst wenn wir nahezu alles verloren haben, dann schleppen wir uns selber immer noch mit uns herum. In der Seele haben wir immer noch den Handlungsspielraum der Zustimmung, Ablehnung oder Empörung. Darum gebietet sich bei den seelischen Gütern maximale Aufmerksamkeit und wie gesagt die höchste Wertschätzung.

Weil nun Güter objektive Werte oder Werte an sich sind, ist es nicht sinnvoll, ihre Rangfolge zur Disposition zu stellen oder man stellt die Würde eines menschlichen Lebens in Frage. An erster und wirklich wichtigster Stelle der Wertrangordnung steht das Gut der Seele, das unter keinen Umständen gefährdet werden darf. Alles weitere erweist sich im Ernstfall als nachrangig und kann einer Güterabwägung unterzogen werden. Interessanterweise sind sich hierin die Bibel und nahezu alle Philosophen einig. „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, und Schaden an seiner Seele nimmt? Um welchen Preis kann er seine Seele zurückkaufen?“ Matthäus 16,26. Insbesondere bei Sokrates drehte sich alle Weisheitssuche um die Epimeleia, um die Seelsorge: „Mein Bester, du bist Athener, ein Bürger der größten und durch Bildung und Macht berühmtesten Stadt, und du schämst dich nicht, dich darum zu kümmern, wie du möglichst viel Geld und wie du zu Ehre und Ansehen kommst, doch um die Vernunft und Wahrheit und darum, dass du eine möglichst gute Seele hast, kümmerst und sorgst du dich nicht?" Sokrates in der Apologie 29 de.

Eine gesegnete Adventszeit, ein schönes Weihnachtsfest und gute, mußevolle Tage zwischen den Jahren wünsche ich Ihnen.

Dr. Andreas Fritzsche