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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
in den vergangenen beiden Monaten sprach ich über Werte, Güter und eine Ordnung der Güter. Weil Güter objektive Werte, d.h. von uns unabhängig sind, können wir eine Hierarchie aufstellen. An erster Stelle stehen die seelischen Güter, an zweiter die leiblichen und an dritter Stelle die äußeren Güter. Soweit so gut, aber wie verhält es sich mit den individuellen, persönlichen und gemeinsamen, gesellschaftlichen Wertungen? Hier stellen wir doch persönliche und kulturelle Unterschiede, bisweilen sogar Widersprüche fest. Gibt es auch hier eine Rangfolge oder gar eine Hierarchie? Eine Ordnung der Werte kann man nicht so statisch feststellen, wie die Ordnung der Güter, weil Werte mit Personen, Gemeinschaften und Kulturen verbunden sind.
Wenn Werte miteinander kollidieren, nehmen wir sie wahr und dann nehmen wir auch ihre unterschiedliche Höhe war.
Ein Wert entsteht durch Wertschätzung, er zieht jemanden an. Ein Briefmarkensammler findet diese kleinen Papierstücke attraktiv, wird von ihnen hingerissen und kann nicht wegschauen. Jemand anderes belächelt das vielleicht, aber dieses farbige, gummierte Papierstück erfährt vom Sammler eine sehr hohe Wertschätzung und wird für ihn zu einem sehr wertvollen Stück. Trotzdem wird auch der Briefmarkensammler zuerst seine Kinder aus einem brennenden Haus retten und seine Briefmarkensammlung – zwar schweren Herzens – dem Feuer preisgeben, das heißt, er zieht seine Kinder diesen farbigen, gummierten Papierstücken vor, weil er in dieser kritischen Situation wahrnimmt, dass seine Kinder einen höhere Wert als seine Briefmarken haben.
Damit möchte ich sagen: Im Konfliktfall bzw. in Entscheidungssituationen nehmen wir die unterschiedliche „Werthöhe“ wahr, wir sehen und spüren sie - in der Regel sogar schmerzlich. Kollidieren Werte miteinander, ziehen wir einen vor und setzen ein anderen hinten an. Bei dieser Wertschätzung steuert uns zuerst das Gefühl, denn in Situationen reagieren wir zuerst emotional mit Angst, Freude, Ekel, Scham ... Ob man das heute „Bauchgefühl“ oder „Logik des Herzens“ nennt, sei dahingestellt, entscheidend dabei ist, dass wir so werten, wie wir sind und unser Leben führen, und das sollte das Beispiel vom Briefmarkensammler zeigen. Weil wir Menschen sind und miteinander sprechen können, entsteht solch eine Wertrangordnung nicht ganz individualistisch, denn von der Mutter erlernten wir die Sprache, die ja auch Wertungen mitteilt, und unterhalten uns mit Freunden und anderen Menschen. Auf die Frage, wie man zu seinen Wertungen, zu seiner Wertrangordnung kommt, sagte einmal Robert Spaemann „Ich könnte sie auch fragen: Wie haben sie sprechen gelernt?“ Auf jeden Fall kommt mit der Sprache und dem gemeinsamen Leben die Kultur bzw. Zivilisation zum Tragen. Von der Kultur werden Menschen in ihrer Wertschätzung geprägt, aber auch umgekehrt: Mit ihren persönlichen Wertungen – das Hintansetzen einiger und Vorziehen anderer Werte – gestalten Personen und Gruppen auch die Kultur – die gesellschaftliche Wertrangordnung.
In aller Deutlichkeit möchte ich feststellen: Unwerte gibt es nicht. Was wir als Unwert deklarieren, ist nichts anderes als ein Wert auf einen ihm unangemessen hohen Rang. Ein Beispiel: Geld hat einen Wert. Wenn allerdings Geld bei einer Person oder Gesellschaft auf einem unangemessen hohen Rang platziert wird, dann bezeichnen wir diese Person als einen gierigen oder geizigen Menschen, weil er Dollarzeichen in den Augen hat und alles auf Geldwert reduziert. Trotzdem hat Geld einen Wert, denn wir brauchen es, um unsere knappen Ressourcen zu handhaben und Gerechtigkeit walten zu lassen. Nur darf Geld nicht die Sonne sein, die alles wachsen lässt. Das ist ein Irrtum und schlecht. Will sagen, es kommt auf die angemessene Wertschätzung und Platzierung an.
Mit herzlichen Grüßen Andreas Fritzsche
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