Wofür lohnt es sich zu leben? Print

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freundinnen und Freunde,

 

wenn Sie die Frage stellen, wofür lohnt es sich zu leben, werden Sie wahrscheinlich für verrückt gehalten, und verrückt muss man schon sein, diese Frage zu stellen. Woraus „verrückt“? Wenn wir Zimmer streichen, verrücken wir Schränke, um an die Wände zu kommen. Was verrücken wir also, wenn wir uns die Frage, wofür lohnt es sich zu leben, stellen? Den alltäglichen Blick in eine Wirklichkeit, die durch Aufgaben, knappen Ressourcen usw. bestimmt wird, verrücken wir und werfen einen schrägen Blick. Gestatten Sie sich bitte diesen nichtalltäglichen Blick.

 

„Das Schöne selbst zu schauen, macht das Leben lebenswert“, lässt Platon die Priesterin Diotima im Symposion (211 d) sagen.

Vielleicht kommt diese Antwort zu schnell und wirft mehr Fragen auf, als sie beantworten kann. Wichtig ist, mit welcher inneren Haltung wir fragen. Es kommt alles auf ein schweigendes Hören an, dass wir uns öffnen und unsere Interessen, Wünsche, Vorstellungen loslassen. Liegt die Seele offen und schweigt sie, können wir wirklich hören, hinschauen und überhaupt etwas anderes vernehmen. Das schweigende Hinhören und Schauen nennen die Alten Kontemplation, das heißt Schauen, was allerdings nur gelingt, wenn wir innerlich stille geworden sind und nichts wollen, wenn die Intentionen und Wünsche mal schweigen. Was Schauen meint, kennen wir alle: Wir schauen einem Kind beim Spielen zu, wir sehen einen Vogel über die Weide kreisen oder wir schauen über eine Landschaft und denken nichts dabei. Im Inneren empfinden wir Freude, Frieden und Ruhe, verlassen sozusagen im Nu Raum und Zeit und vergessen uns, weil wir ganz bei dem Kind, bei dem Vogel oder in der Landschaft sind, ohne einen verwertenden Gedanken zu hegen.

Das meinten die Alten mit Kontemplation: sich versenken, schauen und staunen; und sie vermuteten, dass in diesem Blick sich ihnen die Wirklichkeit zeigt, enthüllt und vor ihren Augen ganz gegenwärtig wird, wie sie ist. Und dieses Anschauen nannten sie ein Glück, für das es sich zu leben lohnt. Auch wenn das ziemlich abgehoben klingt, kennen wir das alle und möchten es nicht missen: das Glück, das wir empfinden, wenn wir einen geliebten Menschen sehen, und dieses Glück können wir nicht einmal beschreiben. Mir scheint, dass Kontemplation nicht anderes ist als der liebende Blick, der uns ganz plötzlich dem Hier und Jetzt entreißt, für einen Augenblick in die Ewigkeit mitnimmt und uns wie ein seltener Vogel zufliegt.

 

Bei meiner voreiligen Antwort möchte ich zu bedenken geben, dass es auf die fragende und suchende Haltung ankommt. Lassen Sie die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, in sich lebendig bleiben und irgendwann werden Sie in Ihre Antwort hineinwachsen, irgendwann wird Ihnen die Antwort plötzlich und mühelos in den Schoß fallen. Dafür lohnt es sich zu leben, und vielleicht leben wir auch so lange, damit wir das erleben dürfen.

 

Also verrücken Sie ruhig einmal Möbel und gönnen sich einen sonntäglichen Blick.

 

Mit herzlichen Grüßen

Andreas Fritzsche

Ps. Im St. Jakobushaus habe ich das Seminar „Klassiker der Philosophie. Thomas von Aquin: Gute und schlechte Handlungen. Freitag, 4. März, bis Karnevalsdienstag, 8. März 2011. Vielleicht haben Sie Interesse und schauen sich die Anlage an.