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Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freudinnen und Freunde,
vor einem Jahr sprach ich über Erziehung und möchte daran anknüpfen. Erziehung soll den jungen Menschen in eine freundliche Welt einführen und in ihm Vertrauen wecken; sie soll ihn fähig machen, sich von der Auslieferung an den Reis des Augenblicks zu befreien, fähig, wirklich zu tun, was er will. Der junge Mensch soll lernen, sein Leben zu führen, statt gelebt zu werden und seine Möglichkeiten ins Spiel zu bringen.
Die Aufgabe der Bildung dreht sich wiederum um Wirklichkeit, um die Welt, so wie sie ist. Bildung versetzt Menschen in die Lage, Wirklichkeit wahrzunehmen und zu differenzieren. Das klingt schrecklich abstrakt, ist aber schrecklich selbstverständlich und fast eine Binsenweisheit. Ein gebildeter Mensch realisiert, dass außer ihm noch ganz viel anderes in der Welt gibt. Der Dumme lässt alles nur um sich selbst kreisen, sitzt permanent im Heimkino und bezieht alles auf sich; er kann einfach nicht von sich absehen. Das macht den Umgang mit ihm auch so ätzend. Wenn jemand von Zahnschmerzen erzählt, wird der Dumme sagen: Ja, das ging mir auch schon so und sogar noch viel schlimmer. Der Gebildete kann schweigen und zuhören, weil er zur Kenntnis genommen hat, dass außer ihm noch etwas anderes in der Welt ist, dieses andere seinen eigenen Wert hat und dass es sich lohnt, dieses kennenzulernen. Die Welt muss nicht mehr um ihn und seine Befindlichkeit tanzen, er kann sich – ganz unbefangen – für sie interessieren.
„Bildung nennen wir die Herausführung des Menschen aus der animalischen Befangenheit in sich selbst, die Objektivierung und Differenzierung seiner Interessen und damit die Steigerung zu Freude und Schmerz.“ Robert Spaemann, Moralische Grundbegriffe, München 2004, S. 38.
Eine gute Bildung hilft dem Menschen, seine Wahrnehmungen und Interessen zu differenzieren. In der Menge von Bauwerken kann er zwischen Häusern und Brücken, zwischen gut und schlecht gebauten Brücken unterscheiden und den Baustil erkennen. Um diese Differenzen wahrnehmen und das Urteilsvermögen schärfen zu können, gehen Menschen zur Schule; da will einiges gelernt und entdeckt werden, da geht es um Fakten und Einsichten, dem der Dumme nicht folgen kann, weil er immer fragen wird: Was kann ich damit machen? Bildung erschließt uns die Freude an der Wirklichkeit, am Detail und am feinen Unterschied, von dem man erst mal nichts hat – außer der Freude. Der Gebildete freut sich über eine gut gebaute Brücke, wird sich allerdings über Pfusch ärgern als jemand, der davon keine Ahnung hat.
Bildung hat es also mit Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, so wie sie ist, und auch ohne mich ist, zu tun. Menschen entwickeln Interessen, nehmen Welt und ihren Wertgehalt auf und differenzieren, das heißt, entwickeln Urteilsvermögen. Auf diesem Wege werden Fakten gelernt und verstanden, Einsichten gewonnen und Entdeckungen gemacht.
Bildung ist Selbsttätigkeit, in ihr sind Menschen äußerst aktiv und frei. Dass in der Bildung Kulturgüter vermittelt und Wissensbestände aufgenommen werden, ist selbstverständlich, aber nicht des Pudels Kern. Durch Bildung werden Menschen zu Menschen: sie nehmen Wirklichkeit auf und gestalten sich selbst.
Wie gelingt das? Im Wort – Menschen können miteinander sprechen. Im Gespräch mit Kindern und Eltern, mit Freunden und Fremden bilden wir uns. Zumindest sagt meine Beobachtung: Gibt es in einer Familie keine Gesprächsthemen außer das werte Wohlbefinden, dann verkümmern in den jungen Menschen Möglichkeiten, weil sie es sehr schwer haben werden, sich für irgendetwas – außer dem werten Wohlbefinden - zu Interessieren.
Mit einem lieben Gruß
Andreas Fritzsche
Ps. In der Karwoche werde ich ein Seminar zum Johannesevangelium und am Karfreitag zu Pasolinis Film „Das erste Evangelium nach Matthäus“ im St. Jakobushaus haben.
http://www.jakobushaus.de/veranstaltungen/veranstaltungen-chronologisch/das-johannesevangelium-830.html
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