Vernunft Print

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freude,

in der Karwoche komme ich mit einem nicht ganz leichten Gedanken.

Eine ganz bestimmte Vorstellung von Vernunft haben wir. Benutzen wir dieses Wort, so denken wir an geistige Aktivität: Wir analysieren und synthetisieren, d.h. Dinge werden in ihre Einzelteile zergliedert und dann wieder zu einem Ganzen zusammensetzen. Wir abstrahieren vom Konkreten, um ein allgemein gültiges Schema zu erkennen. Wir untersuchen eine Sache und vergleichen einzelne Elemente. Wir wenden eine allgemeine Regel auf eine konkrete Situation an. Wir sammeln Argumente und beweisen oder widerlegen eine These. Wir ziehen Schlussfolgerungen, erstellen Verknüpfungen und fällen Urteile. In diesen Tätigkeiten wird die Vernunft als „ratio“ (lateinisch: Grund, Berechnung, Geschäft) aktiv und man nennt „ratio“ auch die diskursive Vernunft oder „das übliche rationalisierende Denken“.

Eine andere Tätigkeit der Vernunft gibt es aber auch und sie kommt zum Zug, wenn wir aufmerksam einen Gegenstand wahrnehmen und betrachten. Wir nehmen etwas auf und empfangen es. Wir öffnen uns, halten inne und sehen etwas ein. Gemeint ist damit ein unangespanntes Hinblicken und einfach ganz bei der Situation, der Person sein – nur Aufnehmen und Anschauen. Das innere, geistige Auge schaut und sieht möglicherweise das Ganze, das ja bekanntlich mehr als die Summe seiner Teile ist. Diese intellektuelle Anschauung lässt Gedanken an Messen, Zählen, Zuordnen und auch Gedanken an Nutzen, Verwertbarkeit beiseite, und legt sozusagen einen interesselosen, unbefangenen Blick auf die Dinge, so wie sie sind, und öffnet sich, nimmt nur auf und „schaut nur zu“. Wenn die Vernunft in dieser Tätigkeit wach wird, nennt man sie „intellectus“ (lateinisch: Wahrnehmung, Einsicht) oder rezeptive Vernunft. Übrigens verweist das deutsche Wort „Vernunft“ auf diese Tätigkeit: Vernunft von „ver-nehmen“.

Beide Vermögen der Vernunft, das aktiv konstruierende wie auch das passiv empfangende, gehören zusammen: „ratio“ und „intellectus“ – Begründen und Einsehen – ergeben zusammen das geistige Vermögen des Menschen. Auf die Balance kommt es an. Darum scheint es mir gegenwärtig angebracht, den „intellectus“ zu betonen und Wirklichkeit unverstellt wahrzunehmen - „im Hinhören auf die Natur“, wie es der antike Philosoph Heraklit (fr. 109) formuliert.

Gesegnete Kar- und Ostertage wünsche ich und Freude über den schönen Frühling.

Mit einem lieben Gruß

Andreas Fritzsche