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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,
Die klassische Nationalökonomie entwickelte im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts ein Menschenbild, welches der relativen Eigengesetzlichkeit der Ökonomie entspricht und Grundlage einer Theorie rationaler Entscheidungen sein will. Der Utilitarismus des Engländers John Stuart Mill lieferte Vorarbeiten und der Italiener Vilfredo Pareto formulierte 1906 in seiner Volkswirtschaftslehre (Manuale di economia politica) den „homo oeconomicus“.
Der „homo oeconomicus“ ist ein fiktiver Akteur im Kontext des Marktgeschehens, der über vollständige Informationen verfügt und völlig rational seine Interesse bzw. Ziel verfolgt. Durch diese zwei Grundvoraussetzungen der Rationalitätsannahme und des Utilitarismus entsteht ein vollständig berechenbarer und konstanter Mensch. Seine Präferenzen verfolgt er wertneutral und auf dem kürzesten Weg, in dem er auf Umwelteinflüsse wie zum Beispiel Marktpreise, Steuergesetze sowie knappe Ressourcen reagiert und in der Verfolgung seiner Ziele agiert. Mit minimalem Aufwand sucht er ein maximales Ergebnis zu erreichen. In Dilemmatasituationen betreibt er eine rationale Güterabwägung.
Vorteile dieses Menschenbildes sind, dass auf dessen Basis zum Beispiel Warenkörbe und Harz IV Sätze festgelegt sowie Marktverhalten abgeschätzt können, und dass die Lohnausgabe für eine Arbeitskraft mit ihrer Wertschöpfung monetär verglichen werden kann. Im Grunde genommen basiert unsere soziale Marktwirtschaft auf diesem Menschenbild, das Modellcharakter hat und nicht den Anspruch erhebt, ein vollständiges Menschenbild zu sein.
Intuitiv möchten die meisten Zeitgenossen diesem „homo oeconomicus“ widersprechen und werden sicherlich triftige Argumente dazu finden. Bei aller Mangelhaftigkeit hilft dieses Menschenbild m. E. hervorragend, unsere fast vollständig ökonomisierte Lebenswelt und auch ganz konkrete Personen zu verstehen – zumindest deren Argumente.
Schöne Sommertage wünsche
Andreas Fritzsche
Ps. Im Februar besuchte mit die Redakteurin Ramona Eibach von den ERF Medien e. V. Daraus entstanden eine Radiosendung und ein kleines Interview. Wenn Sie diese hören wollen, dann schauen Sie in den Anhang.
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