Wahrheit Print

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

nimmt man heute das Wort Wahrheit in den Mund, steht man sofort unter Terrorismusverdacht. Trotzdem brauchen Mensch Wahrheit. „So wenig wie jemand ohne Freude leben kann, so wenig kann man ohne Wahrheit leben“, heißt es bei Thomas von Aquin. Warum tun wir uns so schwer mit der Wahrheit?

Wahrheit ist eine Antwort, und mir scheint es, dass uns die Frage abhanden gekommen ist. Die Frage: Wie kommt es, dass ich überhaupt etwas verstehe? Die Beobachtung oder Feststellung, dass Menschen etwas verstehen, dass zum Beispiel der Arzt die Krankheit des Patienten richtig diagnostiziert, oder dass der Ingenieur Elektrizität und Sonnenenergie so versteht, dass er eine funktionstüchtige Solaranlage bauen kann, erstaunt mich. Wir Menschen können Natur und sogar einander verstehen. Wie kommt das?

(1) „Wahrheit ist das, wodurch sich das zeigt, was ist“, sagt Augustinus. Dieser Gedanke ist uns modernen Menschen ziemlich fremd. Die Natur, die Dinge sind wahr und zeigen sich uns, d.h. sie sind für uns Menschen gedanklich zugänglich – eben wahrheitsfähig. Zwischen den Dingen (da draußen) und dem menschlichen Verstand gibt es ein Drittes, ein Verbindendes, und das ist die Wahrheit. Vielleicht macht ein Modell, bzw. Analogie, diese Situation klar: In einem Raum können eine Blume und mein Auge sein. Wenn es in dem Raum dunkel ist, kann mein Auge die Blume nicht sehen. Etwas Drittes – nämlich Licht – muss hinzukommen, und dann sieht mein Auge die Blume. Aufs Verstehen übertragen, bedeutet das: Die Gegenwart des Erkenntnisobjektes und –subjektes bewirkt noch nicht Erkennen, erst wenn das Dritte, die Wahrheit oder Wahrheitsfähigkeit, hinzukommt, erkennt der menschliche Verstand. Eine andere Analogie hilf vielleicht, den Sachverhalt zu verstehen: Zwei Personen können die gleiche Sprache sprechen und intensiv miteinander kommunizieren. Wenn ein Drittes – nämlich Wohlwollen – fehlt, werden sie einander vorreden und sich nicht verstehen.

(2) „Wahrheit ist Angleichung eines Dinges und des Verstandes“, sagt Thomas von Aquin. Beide – die äußere Wirklichkeit und der menschliche Verstand - passen sich an und im Verstand bleibt das „erfasste Ding“, sozusagen ein wortartiges Bild des Dinges. Das Ding selbst bleibt draußen. Zu dieser Angleichung (adaequatio) sind Menschen in der Lage, weil Menschen eine „wortartige Seele“ und mit dem Verstand (intellectus) ein Erkennt­nis­ver­mögen haben. Die Erkenntnis setzt in den Sinnen – im Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten und Hören – an und findet im Verstand, der gedanklich die Dinge aufnimmt sozusagen ihr „Inneres lesen“ (intus legere) kann, ihren Abschluss.

(3) Die Wahrheit hinterlässt im Erkennenden ein Wirkung: die Erkenntnis. Der Erkennende ist in der Wahrheit und kann die Dinge „schmecken“ wie sie sind.

Der eben geschilderte Erkenntnisweg ist theoretischer Art, d.h. Menschen „schauen“ (theorein) Wahrheit. Die Wahrheit hat auch einen praktischen Aspekt: Menschen können mit Wirklichkeit umgehen, mit ihr handeln, sie bewegen und aus ihr kreativ Neues schaffen. Dann sagen wir umgangssprachlich: „Das ist ein wahrer Meister.“ Im Handeln „verifiziert“ sich Erkenntnis bzw. Theorie. Die Praxis zeigt und offenbart, ob die Theorie wahr ist. Wahrheit hat also sowohl einen theoretischen, als auch einen praktischen Aspekt.

Mit einem lieben Gruß

Andreas Fritzsche