Acedia – der Tanz über dem Nichts

Dieses Laster wird im Deutschen fast immer mit Faulheit übersetzt, denn wir Deutschen sehen schon das Nichts-Tun als Laster – frei nach dem Motto „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ – an und mei­nen, fleißig sein sei schon Tugend. Sehr viele sagen „Heute war ich fleißig“ und wollen dafür gelobt sein. Da bleibt allerdings die Fragen offen: Worin war ich heute fleißig? Was habe ich fleißig verfolgt? Wahrscheinlich ist der gegenwärtige Aktionismus, der sich nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in der Politik und in der ökologischen Weltrettung austobt, die Krankheit unserer Zeit, weil Muße und Gelassenheit abhanden gekommen sind. Erstaunlicherweise rührt Aktionismus vom Laster der Acedia. Eine innere, gähnende Leere macht sich im Herzen breit, was auf die Dauer keiner aushält und sich darum in die tollsten Projekte stürzt. Äußere Rastlosigkeit soll vom Nichts im Inneren ablenken, es übertünchen und vergessen machen.

Was ist nun Acedia? Mit einem Wort kann man das im Deutschen nicht sagen, und folgende Übersetzungsversuche bieten sich an: Sorglosigkeit, Nachlässigkeit, Nichtsmachenwollen, Trägheit, Faulheit, Traurigkeit, Melancholie, Widerwille und Überdruss. Jedes dieser Worte spricht jeweils einen Aspekt an, bringt jedoch nicht das ganze Phänomen der Acedia zum Ausdruck. Sorglosigkeit wäre die genaue Übersetzung, denn das lateinische Wort „acedia“ übersetzt das griechische Wort „akedeia“ und bedeutet „ohne Sorge“. Der Geist – oder die Seele oder das Gemüt – eines Menschen ist so niedergedrückt und erschlafft, dass derjenige keine Lust und Motivation hat, etwas zu tun. Traurigkeit (tristitia) verdunkelt das Innere und macht alles „trist“, so dass die eigenen Begabungen, Talente und Charismen nicht mehr wahrgenommen und gewertschätzt werden. Wenn sie doch entdeckt werden, dann werden sie sogar verachtet und mit Widerwillen beargwöhnt. Diese maßlose Traurigkeit beschwert die Seele und alles – in der Tat alles – wird ohne nachvollziehbaren Grund zur Last. Schwere, Last, Trägheit ziehen wie die Gravitationskraft die Seele nach unten. Was zieht nach unten? Die innere Leere. Widerwille gegenüber allem folgt aus der inneren Leere.

Wenn man fragte „Wofür lohnt es sich zu leben?“, würde der Mensch, welcher der Acedia erlegen ist, „Nichts“ antworten, weil sein Herz leer ist. Dann gibt es in der Welt nichts mehr, wofür es sich lohnen würde, auch nur irgendetwas zu tun. In dieser Hinsicht ist Acedia Faulheit – ein Nichtstun aus Sinnlosigkeit. Das ist Nihilismus in seiner ethischen Form, und wie Juli Zeh in ihrem Roman „Nullpunkt“ beschreibt, tritt dieser ethische Nihilismus bei wohlhabenden und ganz besonders bei intelligenten Menschen auf. Bei ihnen äußert sich Acedia als geistreich brillierender Zynismus, der wortgewandt über alles einen Eimer Gülle ausschüttet.

Warum soll Acedia eine Todsünde oder ein kapitales Laster sein? Das Herz ist leer, weil es nicht liebt. Liebe füllt und belebt das Herz. Alles, was die Liebesfähigkeit eines Menschen korrumpiert, ist ein kapitaler moralischer Fehler. Keine Liebe, keine Kinder, keine Zukunft – was soll tödlicher sein als das?

Wie tritt Acedia nach außen? Was sind ihre Erscheinungsformen? Hoffnungslosigkeit und Ver­zweiflung; Feigheit als gespielte Bescheidenheit; Stumpfheit gegenüber seinen persönlichen Pflichten mit Faul­heit, Schläfrigkeit, Nachlässigkeit als Folge; Zynismus, Groll und Bitterkeit; Ausschweifung und Kitzel der Sinne; Rücksichtslosigkeit, Geschwätzigkeit – viele Worte um Nichts; Unruhe des Körpers, die einen unruhigen Geist offenbart; Rastlosigkeit und Wankelmut.

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