Karriere

Um die Karriere gehe es in unserem Leben, so der Mainstream. Da lohnt es sich schon zu fragen, was Karriere ist, wenn sie so dominant gehandelt wird. Vom lateinischen Wort „carrus“ – der vierrädrige Wagen, der Karren – kommt Karriere, auch das englische Wort „car“ – das Auto – zeugt davon. Wenn vierrädrige Wagen häufig den gleichen Weg fahren, hinterlassen sie eingefahrene Wege, Fahrspuren. In Pompei kann man das sehr schön sehen. Besonders in Straßen mit großen Steinplatten als Pflaster fräsen die Karren tiefe Spurrillen, aus denen Sie nicht wieder herauskommen, wenn Sie einmal drin sind. Die Bewegungsfrei-heit wird eingeschränkt, weil Sie in der Spur bleiben müssen. Die etymologische Herkunft des Wortes Karriere verweist auf die Bedeutung „fest eingefahrene Spurrillen“.
Wenn also jemand Karriere machen will, muss er sich an die jeweils geltenden Normen (Be-nimmregeln, Hierarchien, Kleiderordnungen, Sprachspiele, Sitten, Codes, etc.) halten. Je-weils geltend heißt, der Unternehmenskultur entsprechend, denn es macht einen Unter-schied, ob Sie bei der Stadtverwaltung oder als selbständiger Kfz-Meister, bei Greenpeace oder Rheinmetall Karriere machen wollen. Sind Sie einmal im jeweiligen System drin, dann müssen Sie den eingefahrenen Wegen folgen, also „in der Spur“ bleiben und „spuren“.
Zum Weiteren beobachte ich gegenwärtig, dass Karriere sich zum Lebensziel oder zum Sinn des Lebens gemausert hat. Nicht nur in den Samstagsausgaben der Tageszeitungen (und zwar in den Teilen „Beruf und Chance“ und Stellenanzeigen), sondern auch im Sport, in der Geschlechtergerechtigkeit und sogar in den Stellenanzeigen der Kirchen tritt Karriere als letztbegründendes Ziel beruflicher Aktivitäten auf – und das unhinterfragt. Selbst Work-Life-Balance wird als Erfolgsfaktor gehandelt und erfährt seine sinnstiftende Begründung durch den Verweis auf Karriere: Die seelische und körperliche Gesundheit gilt als Voraus-setzung für effizientes Arbeiten.
Eine weitere Beobachtung: Als der Präsident der Leuphana Universität Lüneburg die Mas-ter-Urkunden in einer feierlichen Stunde den anthrazit-grau gekleideten Absolventinnen aushändigte und in seiner Rede das Wort „Karriere“ fiel, erhob sich seine Stimme zu einem sonoren, würdevollen Ton und wurde von den Zuhörern mit andächtigen Schweigen quittiert. Etwas Heiliges betrat den Raum. Mir kam das vor wie die Erscheinung einer Götting und zwar in einer liturgischen Feier.

Exkurs: Einen letzten Zweck kann man nicht beweisen, er wird gesetzt (vielleicht findet man ihn auch) und wir glaubt an ihn, vertrauen ihm. Diesem letzten Zweck op-fert man seine Lebenszeit, seine emotionalen Bindungen, ihm öffnet man sein Portemonnaie, schenkt ihm die volle Aufmerksamkeit und vor allem sein Herz – nach dem Motto: Sag mir woran Dein Herz hängt, und ich sage Dir, wer Dein Gott ist. Die entscheidende Frage ist: Rettet dieser Gott? Erlöst diese Göttin? Lässt uns dieser letzte Zweck irgendwann allein und verzweifelt zurück, dann war es ein Idol, eine scheinbare Göttin.

Karriere packt uns an der Achillesferse Eitelkeit, denn in uns allen schlummert oder lauert der Wunsch, von anderen anerkannt, bewundert und vielleicht sogar gemocht zu werden. Karriere verspricht das nicht nur, sondern gewährt uns auch dieses Glück: Wer Karriere macht, genießt die Anerkennung der anderen und sein Ableben wird letztendlich in der Ta-gesschau kundgetan. Dieses Glück können wir sinnlich wahrnehmbar genießen, wir können es auch intellektuell kosten.
Allerdings gibt es auch kritische Fragen an dieses Karriere-Glück:
• Es gab eine Zeit vor der Karriere, es gibt eine Lebenszeit unter ihrer Herrschaft und es wird eine Zeit nach ihr geben. Welches Ziel ist hier wirklich nachhaltig?
• Wird mein Leben sinnlos, wenn das Karriereziel verfehlt ist und ich gescheitert bin?
Mein Verdacht ist, dass Karriere eine scheinbare Göttin, also ein Idol, ist, und unsere Le-benszeit und Energie aufbraucht. Letzten Endes lässt sie uns ausgesaugt und verzweifelt zurück.

„böse“

Im September sagte ich einige Worte zu „gut“ und möchte heute mit diesem Gedankengang zum anderen Ende, zu „böse“, kommen.

Auch das Wort „böse“ benutzen wir bisweilen ohne moralische Hintergedanken. Vom „bösem Fuß“ sprechen wir, weil er schmerzt und Sorgen bereitet. Da ist etwas schlimm, unheilvoll und bereitet ein Übel, weil es schädigt und Ärger verursacht. Etwas ist nicht in Ordnung, hat nicht das richtige Maß oder etwas fehlt.

Auf der moralischen Ebene tritt „böse“ mit dem Wollen, mit dem Willen zutage. Ein böser Wille hat nicht nur seinen blinden Fleck, er ist gänzlich ohne Aufmerksamkeit und will sogar nicht wissen, was er tut. Hier geht es nicht um ein Vergessen oder ein unbewusstes Verdrängen; hier geht es um ein absichtliches Nicht-Hinsehen-Wollen, Nicht-Wahr-Haben-Wollen. Ein „böser“ Wille will nur sich selbst und sonst nichts. Das Ego steht unverrückbar im Mittelpunkt und alles andere kreist um dieses Gravitationszentrum; das Ego verleiht erst allem anderen – Situationen, Menschen, Dingen – Sinn und Würde. Diese Einstellung führt schließlich zur Empörung, dass alles nicht so ist, wie es sein soll; dass die Welt schlecht ist.
Zwei Elemente fallen am „bösen Willen“ auf. Erstens stellt er die Dinge nicht an den richtigen Platz, wertet sie unangemessen, irrt sich in ihrer wahren Bedeutung und bringt sie durcheinander. Ob dem ein Wahrnehmungs- oder Bewertungsdefizit zugrunde liegt, sei dahingestellt. Zweitens sieht und wertet der „böse Wille“ die bunte und vielfältige Wirklichkeit eindimensional; zum Beispiel reduziert er Dinge nur auf ihren Geldwert. Diese Person wird einseitig, und das kann nicht gut ausgehen, weil Irrtum die Dinge auf den falschen Platz setzt und die Ordnung zerstört. Im Ergebnis gefährdet ein „böser Wille“ Leben und zerstört es vielleicht, denn er „lebt gegen die Natur“, wie es die Stoiker sagten.
Der „böse Wille“ schädigt nicht nur die Welt, in der er sich bewegt, sondern korrumpiert und verletzt sich selbst. Seine Einstellung und Haltung wird deformiert. Insbesondere die Einseitigkeit verformt den Charakter dieser Person, die Einseitigkeit wird ihr zur Last. Meine Empfehlung: „böse“ ist das, was Leben behindert, zerstört und vernichtet. Auch wenn das abstrakt ist, haben Sie ein Kriterium.

„gut“

Im Zeitalter der Toleranz halten wir uns mit Wertungen zurück. Trotzdem benutzen wir das Wörtchen „gut“ sehr häufig – ungefähr vier Mal in der Stunde. Die Urteile „gut“ und „böse“ benötigen wir, um uns im Leben zu navigieren. Übrigens können wir uns sogar über „gut“ und „böse“ streiten. Da muss doch etwas sein, worüber wir uns streiten.

Zuallererst benutzen wir „gut“ ohne moralische Hintergedanken. Gute Schuhe wollen wir kaufen, um meinen damit Schuhe, die passen, schön aussehen und dem Fuß wohl tun. Ein gutes Messer muss scharf sein, also dazu taugen und fähig sein, wozu es gedacht ist: richtig und sauber schneiden. Wenn wir mit solchen Dingen umgehen, dann wissen wir ganz genau, was dieses kleine und schrecklich abstrakte Wort „gut“ bezeichnet: stimmig, passend, schön, wohltuend, tüchtig, richtig, in Ordnung, „so muss es sein“ – und manchmal auch reichlich, wenn jemand „gut eingeschenkt“ hat. Die Umgangssprache zeigt ganz deutlich, dass und wie wir Urteile fällen, denn das Leben fordert Entscheidung und wir wählen – und hoffentlich das Gute.

Die moralische Ebene löst sich nicht von der sachlichen Ebene. Darum können wir bei den alltäglichen Urteilen anknüpfen. Die Wertung „gut“ verdient eine Sache oder Handlung, wenn sie der Wirklichkeit, ihrem Wesen oder ihrer Natur entspricht, in Ordnung ist und angemessen geschieht. Sie ist, wie sie sein kann und soll; die Wesensform ist erfüllt. Das nennen wir dann auch „schön und gut“ oder „sinnvoll“. Freilich bleiben weitere Kriterien und Maßstäbe zu diskutieren. Wichtig ist allerdings auch, wie wir handeln und welche Haltung wir einnehmen. Mit der Haltung kommt die Moralität ins Spiel, denn die Güte einer Handlung zeigt sich u.a. im Respekt, in der Aufmerksamkeit, in der Wahrhaftigkeit und auch in der Demut des Handelnden. Dem Guten wird sein Handeln – mit großer Wahrscheinlichkeit und so Gott will – gelingen.

Nun sehen und wertschätzen unterschiedliche Menschen Gutes bisweilen unterschiedlich. Darum sind Differenzierungen auf der Ebene des Guten sinnvoll: 1. Was ist „gut“ für mich? Einer überarbeiteten und gestressten Frau wird ein Wochenende im Bett gut tun, für einen trägen, antrieblosen jungen Mann ist das gerade nicht gut. 2. Was ist „gut“ für uns? Hier haben wir schon viel größere gemeinsame Schnittmengen, weil es um Gemeinschaft geht. Einer Familie, die mit einem festen zinsgebundenen Darlehen ein Haus gekauft hat, wird steigende Inflation eher Freude bereiten als einer Familie, die so ihr Vermögen angelegt hat. 3. Was ist „gut“ an sich? Auch der hartnäckigste Relativist (dem alles gleich gültig ist) wird Gesundheit als ein Gut an sich (unter anderen Gütern) ansehen; das sagt der gesunde Menschenverstand. Ob es allerdings das Gute schlechthin, das höchste Gut, gibt und welches es ist, bleibt offen.

Meine Empfehlung: „gut“ ist das, was Leben lässt, was Leben fördert und ermöglicht. Einen schönen und guten Sonntag wünsche ich.

„Wir arbeiten, um Muße haben zu können.“ Aristoteles

Gegenwärtig erleben wir einen Ausschließlichkeitsanspruch der Arbeit. Wir trauern nicht mehr, sondern leisten Trauerarbeit, wir lieben nicht, sondern leisten Beziehungsarbeit, wir erziehen nicht unsere Kinder, sondern leisten pädagogische Arbeit. Dieser sprachliche Blödsinn gibt die Mußelosigkeit unserer Zivilisation wieder. Am Ende steht der Workaholic, der sich nicht mehr beruhigen und vor der Arbeit abschalten kann, der sich nicht mehr unterhalten kann und sich schließlich das Leben nimmt. Arbeitssucht führt zur Verzweiflung – zur Trägheit des Herzens. Vielleicht können wir von der Antike lernen: Muße heißt griechisch „schole“ und zu ihr gehören Erziehung, Sport, Gottesdienst, Essen, Gespräche, Schauspiel. Muße meint Raum und Zeit für Aktivitäten ohne Zwecksetzung, für Aktivitäten um ihrer selbst willen. Josef Pieper skizziert sie sehr schön:
  1. „Muße ist eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit: nur der Schweigende hört; und wer nicht schweigt, hört nicht. … Muße ist die Haltung des empfangenden Vernehmens, der anschauenden, kontemplativen Versenkung in das Seiende. … Die Muße ist nicht die Haltung dessen, der eingreift, sondern dessen, der sich öffnet; nicht dessen, der zupackt, sondern dessen, der loslässt, der sich loslässt und überlässt – so auch werden dem Menschen die großen, die glücklichen, die niemals erjagbaren Einsichten und Einfälle vor allem in der Muße zuteil.
  2. Gegen die Ausschließlichkeit des Richtbildes der Arbeit als Mühe steht die Muße als feiernde Haltung. Die innere Festlichkeit des Feiernden gehört, wie auch das unvergleichliche deutsche Wort ‚Feierabend’ zu bedenken gibt, zum Kern dessen, was wir mit Muße meinen. … Muße lebt aus der Bejahung. Muße ist nicht einfach dasselbe wie Nicht-Aktivität; sie ist nicht das gleiche wie Stille, auch nicht dasselbe wie innere Stille. Sie ist wie die Stille im Gespräch der Liebenden, das aus der Übereinstimmung sich nährt. … Die höchste Form der Bejahung aber ist das Fest: die Bejahung des Sinngrundes der Welt und die Übereinstimmung mit ihm. …
  3. Die Muße steht gegen die Ausschließlichkeit des Richtbildes der Arbeit als sozialer Funktion. Die bloße Arbeitspause, mag sie nun eine Stunde dauern oder eine Woche oder noch länger, ist durchaus dem Bereich des werktäglichen Arbeitslebens zugehörig. Sie ist eingekettet in den zeitlichen Ablauf des Arbeitstages; sie ist ein Stück von ihm. Die Pause ist um der Arbeit willen da. Sie soll ‚neue Kraft zu neuer Arbeit’ geben, wie auch der Begriff der Erholung besagt, dass man sich erhole sowohl von der Arbeit wie für die Arbeit.“ (Josef Pieper, Kulturphilosophische Schriften [Werke Bd. 6, hrsg. v. B. Wald], Hamburg 1999, S. 16ff.)
Zur Kompetenz einer Führungskraft gehört, dass sie sich zwischen Arbeit und Muße ausbalanciert, denn dank der Kommunikationstechnologie des Webs kann sie an jedem Ort und zu jeder Stunde arbeiten; und das wird vielleicht auch von ihr erwartet. Darum gewinnt work-life-balance an Bedeutung: ein kultivierter Lebensstil.

Acedia – der Tanz über dem Nichts

Dieses Laster wird im Deutschen fast immer mit Faulheit übersetzt, denn wir Deutschen sehen schon das Nichts-Tun als Laster – frei nach dem Motto „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ – an und mei­nen, fleißig sein sei schon Tugend. Sehr viele sagen „Heute war ich fleißig“ und wollen dafür gelobt sein. Da bleibt allerdings die Fragen offen: Worin war ich heute fleißig? Was habe ich fleißig verfolgt? Wahrscheinlich ist der gegenwärtige Aktionismus, der sich nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in der Politik und in der ökologischen Weltrettung austobt, die Krankheit unserer Zeit, weil Muße und Gelassenheit abhanden gekommen sind. Erstaunlicherweise rührt Aktionismus vom Laster der Acedia. Eine innere, gähnende Leere macht sich im Herzen breit, was auf die Dauer keiner aushält und sich darum in die tollsten Projekte stürzt. Äußere Rastlosigkeit soll vom Nichts im Inneren ablenken, es übertünchen und vergessen machen.

Was ist nun Acedia? Mit einem Wort kann man das im Deutschen nicht sagen, und folgende Übersetzungsversuche bieten sich an: Sorglosigkeit, Nachlässigkeit, Nichtsmachenwollen, Trägheit, Faulheit, Traurigkeit, Melancholie, Widerwille und Überdruss. Jedes dieser Worte spricht jeweils einen Aspekt an, bringt jedoch nicht das ganze Phänomen der Acedia zum Ausdruck. Sorglosigkeit wäre die genaue Übersetzung, denn das lateinische Wort „acedia“ übersetzt das griechische Wort „akedeia“ und bedeutet „ohne Sorge“. Der Geist – oder die Seele oder das Gemüt – eines Menschen ist so niedergedrückt und erschlafft, dass derjenige keine Lust und Motivation hat, etwas zu tun. Traurigkeit (tristitia) verdunkelt das Innere und macht alles „trist“, so dass die eigenen Begabungen, Talente und Charismen nicht mehr wahrgenommen und gewertschätzt werden. Wenn sie doch entdeckt werden, dann werden sie sogar verachtet und mit Widerwillen beargwöhnt. Diese maßlose Traurigkeit beschwert die Seele und alles – in der Tat alles – wird ohne nachvollziehbaren Grund zur Last. Schwere, Last, Trägheit ziehen wie die Gravitationskraft die Seele nach unten. Was zieht nach unten? Die innere Leere. Widerwille gegenüber allem folgt aus der inneren Leere.

Wenn man fragte „Wofür lohnt es sich zu leben?“, würde der Mensch, welcher der Acedia erlegen ist, „Nichts“ antworten, weil sein Herz leer ist. Dann gibt es in der Welt nichts mehr, wofür es sich lohnen würde, auch nur irgendetwas zu tun. In dieser Hinsicht ist Acedia Faulheit – ein Nichtstun aus Sinnlosigkeit. Das ist Nihilismus in seiner ethischen Form, und wie Juli Zeh in ihrem Roman „Nullpunkt“ beschreibt, tritt dieser ethische Nihilismus bei wohlhabenden und ganz besonders bei intelligenten Menschen auf. Bei ihnen äußert sich Acedia als geistreich brillierender Zynismus, der wortgewandt über alles einen Eimer Gülle ausschüttet.

Warum soll Acedia eine Todsünde oder ein kapitales Laster sein? Das Herz ist leer, weil es nicht liebt. Liebe füllt und belebt das Herz. Alles, was die Liebesfähigkeit eines Menschen korrumpiert, ist ein kapitaler moralischer Fehler. Keine Liebe, keine Kinder, keine Zukunft – was soll tödlicher sein als das?

Wie tritt Acedia nach außen? Was sind ihre Erscheinungsformen? Hoffnungslosigkeit und Ver­zweiflung; Feigheit als gespielte Bescheidenheit; Stumpfheit gegenüber seinen persönlichen Pflichten mit Faul­heit, Schläfrigkeit, Nachlässigkeit als Folge; Zynismus, Groll und Bitterkeit; Ausschweifung und Kitzel der Sinne; Rücksichtslosigkeit, Geschwätzigkeit – viele Worte um Nichts; Unruhe des Körpers, die einen unruhigen Geist offenbart; Rastlosigkeit und Wankelmut.

Anfang und Prinzip

Wenn wir das lateinische Wort „principium“ einfach ins Deutsche mit „Prinzip“ übersetzen, denken wir sofort an Logik oder an einen Prinzipienreiter. Der Lateiner hört das Wort etwas anders: „Principium“ heißt auch „Anfang“, und so beginnt die Bibel. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Genesis 1,1) und auch das Johannesevangelium fängt so an „Am Anfang war das Wort – In principio erat verbum – En arche en ho logos“ (Johannes 1,1).

Die ersten Philosophen, die sogenannten Vorsokratiker, suchten nach der „arche“ (griechisch für principium), nach dem Anfang. Thales von Milet meinte, Wasser wäre am Anfang gewesen. Sein Schüler Anaximander fand den Anfang in etwas Unbegrenztem, dem „apeiron“. Heraklit meinte, am Anfang sei Feuer. Wir modernen Menschen ziehen diesen Gedankengang weiter und sehen den Anfang im Urknall.

Warum ist der Anfang so interessant? Menschen suchen den Anfang mit einer ganz bestimmten Vermutung. Wenn man den Anfang – also das Prinzip – habe und verstehen würde, dann habe man auch den ganzen Sachverhalt verstanden. So fragen zum Beispiel nicht nur Kinder bei einem Streit: Wer hat denn angefangen? Wir vermuten nämlich, so den Streit zu verstehen und den Schuldigen zu finden.

Prinzip steckt noch in einem anderen Wort. „Princeps“ heißt der Führer, der Fürst, der Vornehmste und der Herrscher. So betitelte Niccolo Machiavelli sein berühmtes Buch „Il Principe“, zu Deutsch „Der Fürst“. Im antiken, klassischen Athen hieß der höchste Beamte der Demokratie „archont“, was nicht unbedingt „Anfänger“ bedeuten muss, sondern wohl eher „Herrscher“, weil „archein“ herrschen bedeutet. Das Prinzip regiert also die Sache, ordnet die einzelnen Teile zu einem sinnvollen Ganzen und verursacht ganz bestimmte Bewegungen.

Dann gibt es noch die Redewendung „Aller Anfang ist schwer.“ In der Tat machen wir die Beobachtung, dass zum Beispiel ein Auto beim Anfahren sehr viel Energie verbraucht, dass beim Schreiben einer Hausarbeit die erste Seite ein Riesenakt ist und dass die meisten guten Vorsätze am fehlenden Anfang scheitern. Auf den Anfang kommt es eben an. Der Start eines Flugzeugs ist gar nicht so leicht. Das finden wohl die meisten Fluggäste so. Wenn der Start gelungen ist, macht es ja der Autopilot, und kaum einer bibbert noch.

Das Prinzip scheint also der Dreh- und Angelpunkt einer Sache zu sein.

Aporie

In der Philosophie tauchen Wörter auf, die wir umgangssprachlich nicht benutzen. Dazu gehört auch „Aporie“. Häufig versteht sich so ein Wort von seiner Herkunft her.
Das griechische Wort „poros“ heißt Durchgang, Furt, Weg. Stellen Sie sich einfach einen Kaufmann vor, der mit seinem Wagen voller Seide unterwegs ist und einen Markt erreichen will, um seine Ware zu verkaufen. Da versperrt ihm ein Fluss den Weg und er kommt nicht weiter. Mit voller Aufmerksamkeit sucht er eine Furt, um auf die andere Seite des Flusses zu kommen. Es gelingt ihm nicht, einen Weg zu finden, obwohl er intensiv sucht und sich dabei alle Mühe gibt. Er bleibt stecken, weil er sich in einer Ausweglosigkeit – in einer Aporie – befindet und kann den widrigen Fluss nicht überqueren. Das griechische Wort „aporía“ heißt Unwegsamkeit, Ratlosigkeit, Verlegenheit, Not, Schwierigkeit und Unmöglichkeit. Wenn man es wörtlich nimmt, „ohne Furt“, „ohne Weg“ sein.

Auch beim Nachdenken oder im Gespräch kommen wir bisweilen in solch eine Situation. Eine Frage stellen wir uns und kommen ganz munter voran. Doch auf einmal taucht eine Schwierigkeit auf, die uns den Weg zur Lösung versperrt, und wir bleiben zum Beispiel im Pro und Contra stecken: Ist der Mensch frei? Hier lassen sich gleich viele Argumente für die These, dass der Mensch frei sei, wie für die Gegenthese, dass der Mensch nicht frei sei, anführen. Zumindest kommt Immanuel Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft hier nicht weiter.

Wie können wir mit solchen Aporien bzw. aporetischen Situationen umgehen? Eine Möglichkeit geht immer: Wir halten uns an das, was gegenwärtig gilt, an die öffentliche Meinung oder an den Mainstream. Der Vorteil dabei ist, dass das, was gegenwärtig gilt, nicht begründungspflichtig ist und wir nirgendwo anecken. Allerdings hat die öffentliche Meinung auch Nachteile: Sie liegt nicht immer richtig und ändert sich manchmal rasant schnell. Die Achtundsechziger, um bei unserem Beispiel zu bleiben, gingen von einer nahezu grenzenlosen menschlichen Freiheit aus. Gegenwärtig wird der Mensch als genoptimierende Biomaschine verstanden, welcher die Illusion menschlicher Freiheit Selektionsvorteile bringt.
Meines Erachtens hilft erstmal nur, die Aporie demütig anzuerkennen und stehen zu lassen. Auch der Kaufmann mit seinem Wagen voller Seide kommt nicht über den Fluss, wenn ständig ruft „Ich will aber“. Vielleicht braucht die Lösung Zeit und irgendwann wachsen wir in die Antwort hinein.

Eine andere und sympathische Variante der Aporie gibt es am Ende der Dialoge Platons. Nahezu alle Dialoge enden aporetisch, das heißt, ohne Ergebnis. Am Ende des Symposions schläft der Berichterstatter erschöpft ein, und so erfahren wir nicht die Lösung der Frage „Was ist der Eros?“ Warum macht das Platon so? Ist er zu faul, zuende zu denken? Meines Erachtens gibt es keine abschließende und immer gültige Antwort auf die Frage, was Liebe ist. Jede Generation oder jeder Mensch darf sich um eine Antwort auf so eine Frage mühen.

Bisweilen sind Aporien nötig, damit wir uns nicht mit Vorgekautem zufrieden geben.

Aufklärung

Bei aller Aktivität vergessen wir schnell, woher wir kommen und wohin wir gehen wollen. Ebenso schnell vergessen wir, wer wir sind und was uns wirklich wichtig ist. Darum erlaube ich mir das Thema aufzugreifen, dass ein syrischer Student im Sommersemester wählte: Er hielt ein Referat über Vernunft und die Hausarbeit schrieb er über Aufklärung, weil wir im Seminar „Management und Philosophie“ eine Sitzung dem Buch von Reinhard K. Sprenger, Das anständige Unternehmen, München 2015, und dem Aufsatz von Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? Königsberg 1784, widmeten. Wenn uns Aufklärung wirklich wichtig ist, dann lohnt es sich, Kant zu Wort kommen zu lassen, denn besser kann man es nicht formulieren:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außerdem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. …

Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“

Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Darmstadt 1983, S. 53 – 61, A 481 – 494.

Aufklärung bedeutet also nicht in erster Linie, sich von fremden Autoritäten, Repressalien oder äußeren Zwängen zu befreien. Aufklärung ist der Anspruch an eine Person, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und als mündiger, erwachsener Mensch diese Erde zu belasten. Unmündigkeit ist selbstverschuldet und artikuliert sich in der Opferrhetorik.

Ein Mensch, der für die Autorenschaft seines Lebens zeichnet, unterzieht sich den Mühen, die Kriterien seiner Entscheidungen, seine Wertrangordnung und seinen Handlungsspielraum zu kennen. Freilich erfordert dieser Anspruch an sich selbst Energie und so jemand riskiert Scheitern, Ablehnung und Irrtum. Doch immerhin darf jeder Mensch an die Wahlurne gehen, den Urlaub selbständig auswählen und sogar Kinder erziehen.

Was hindert also, auch die Verantwortung für das eigene Leben zu tragen?

Auge

Beim Wort Auge denken wir zuerst an das Organ der visuellen Wahrnehmung. Es gehört zu den fünf Vermögen der sinnlichen Wahrnehmung und ermöglicht uns neben dem Tasten, Schmecken, Riechen und Hören eben das Sehen. Die Augen nehmen visuelle Reize auf und geben das dem Intellekt weiter, was sie vom gesehenen Gegenstand aufgenommen haben. Ob dann – zum Beispiel – der gesehene Baum tatsächlich so ist, wie das Auge ihn sieht, ist eine andere Sache. Die sinnlichen Reize teilen die Augen mit, nicht mehr und nicht weniger.
Nun können die Augen auch erkranken. Dann muss eine Augenärztin aufgesucht werden, die zum Beispiel eine Bindehautentzündung diagnostiziert und kurieren kann. Wenn die Augen-krankheit behoben ist, steht das Sehvermögen wieder vollständig zur Verfügung. Bei man-chen macht sich allerdings eine Augenkrankheit wie zum Beispiel der grüne Star so breit, dass das Sehvermögen teilweise oder ganz verloren geht. Das Auge als leiblichen Organ muss also gesund sein, damit wir visuell wahrnehmen können.
Damit die Augen etwas sehen können, benötigen sie neben der Gesundheit und dem Gegen-stand noch ein Drittes: Licht. Im Dunkeln können wir zwar tasten, schmecken, riechen und hören, aber wir sehen nichts, selbst wenn die Augen gesund sind und der Gegenstand da ist. Licht benötigt die visuelle Wahrnehmung.
Nicht nur mit den leiblichen Augen sehen wir. Erinnern wir uns an etwas, dann kann das Erinnerte uns vor dem „inneren Auge“ stehen und wir sehen es. Auch wenn wir ein Buch lesen, können wir etwas sehen. Die Phantasie oder Vorstellungskraft stellt uns Bilder zur Verfügung. Selbst in einem Buch über Quantengravitation kann man lesen: „Die Physik ent-steht vor seinem geistigen Auge, und mit seinem Vorstellungsvermögen erschafft er (Fara-day) neue Welten … Er ‚sieht‘ etwas Neues.“
Eine Metapher knüpft hier an. Sprachlich heißt „wissen“ so viel wie „ich habe gesehen“. Darum benutzen wir umgangssprachlich die visuelle Wahrnehmung als Metapher für den intellektuellen Erkenntnisvorgang. Einsehen, was ein Baum ist, heißt soviel wie, ich weiß, was ein Baum ist. Dann sehe ich einen Baum vor meinem „inneren Auge“.

Nun wird es allerdings schwierig. Die Organe der sinnlichen Wahrnehmung sind mit dem Leib verbunden, und wir können sie ausmachen: Haut, Zunge, Nase, Ohren und Augen. Ist das „innere Auge“ ein Organ? Wo können wir es lokalisieren? Vom „Auge des Herzens“ und auch vom „Auge der Seele“ wird gesprochen. Dass es sich dabei nicht um ein leibliches Or-gan handelt, ist klar. Können wir mit dem Herzen und der Seele sehen? Welches Licht benö-tigt das innere Auge? Kann auch das „innere Auge“ erkranken oder gar erblinden? Was ist damit gemeint? Vielleicht bieten sich zwei Lösungen an.
a. Metaphorisch sprechen wir so von mentalen Phänomen und beschreiben Tätigkeiten wie Erinnern, Vorstellen, Denken und Erkennen. Tatsächlich gibt es ein inneres Auge nicht, auch wenn wir Bilder sehen.
b. Das innere Auge existiert wirklich, und wir stellen es uns in Analogie zum leiblichen Auge vor, weil wir es nicht anders beschreiben können. Auch wenn wir kein Organ wie den Augapfel feststellen können, nehmen wir ein geistiges Auge an, welches er-kranken und sogar erblinden, aber auch genesen und scharf sehen kann.

Authentisch

Gestritten wird, ob die Führungskraft wahrhaftig sein müsse oder nicht, ob sie lügen dürfe oder nicht, ob Verstellung angebracht sei oder nicht. Nicht nur Niccolo Machiavelli, sondern auch eine Reihe von Beratern empfehlen eine Inszenierungstechnik wie im Theater: Der Job verlange, dass die Führungskraft perfekt die jeweilige Rolle spiele, die ihr der Regisseur im Drehbuch vorschreibt. Mal müsse sie den knallharten Sanierer, den Händchenhalter oder den sozial verantwortlichen Teamleader spielen; auf Rollenpassung, überzeugenden Auftritt und auf die Wirkung beim Publikum komme es an – also auf den Schein und nicht auf das Sein. Falls es mal Schwierigkeiten mit dem Sein der Führungskraft, mit ihrem Personenkern oder Gewissen gibt, könne sie ja in der Freizeit für Ausgleich sorgen. Typisch sei der knallharte Sanierer, der sich sozial stark engagiert – und sein Gewissen beruhigt. Topmanager würden  ihre Emotionen im Job ausblenden und sie ganz gezielt an anderer Stelle ausleben.

Die Alten kannten die Tugend „virtus veritatis“, die zum Umfeld der Gerechtigkeit gehört. Was ist damit gemeint, einfach nur Wahrhaftigkeit? Die Anderen haben ein Recht darauf zu wissen, woran sie mit mir sind. Das schulden wir einander. Die Führungskraft ist demzufolge gut beraten, in den verschiedenen Aktionen auch die Persönlichkeit durchscheinen zu lassen. Die Anderen, die Untergebenen, erspüren sowieso, was das für einer ist, und ob jemand nur spielt oder es ernst meint. Da darf man die Anderen niemals für dümmer halten, als man selber ist. Freilich liegt ein gewisses Risiko in der Authentizität: Fehler, persönliche Macken und Schwächen können zutage treten. Aber die bekommen die Anderen sowieso raus. Die Frucht der Authentizität ist Vertrauen, und Vertrauen senkt die Transaktionskosten. So gewinnt die Führungskraft die Kreativität, volle Leistungs- und Leidensbereitschaft der Mitarbeiter und auch die Kundschaft. Der Authentische erhält obendrein noch einen Lohn: Er kann im Einklang mit sich selbst leben.

Eine Bemerkung sei noch gestattet: Manch einer meint, er sei ganz authentisch, wenn er seinen Emotionen freien Lauf lässt. Zum Beispiel wenn er zornig ist, dann macht er eben seinem Zorn in Beleidigungen oder Grobheiten Luft. Wegen der Verletzungen zur Rede gestellt, sagt dann jener, er sei eben authentisch und mache aus seinem Herzen keine Mördergrube. Freilich offenbart er – ganz authentisch – seine Unbeherrschtheit und seinen ungehobelten Charakter, nur ist Authentizität nicht die Einladung zum unflätigen Benehmen. Selbstbeherrschung, verstanden als vernünftige Ordnung der Stimmungen und Gefühle, könnte ja auch zu seinem Charakter gehören und „ganz authentisch“ zutage treten.

Axiom

In der Wissenschaft gehe es immer wissenschaftlich zu, das heißt, jede Aussage und Annahme wird logisch begründet und bewiesen. Mit einer Ausnahme ist das auch richtig. Was ist die Ausnahme? Die grundlegenden Annahmen, sprich Axiome, werden nicht bewiesen. Wie das deutsche Wort Grundannahme sagt, werden die Axiome angenommen. Noch deutlicher gesagt: Die grundlegenden Annahmen können nicht bewiesen werden. Was soll das?

In der Mathematik geht man davon aus, dass die „0“ von der „1“ unterschieden ist. Diese fundamentale Differenz, auf der die ganze Mathematik aufbaut, wird eben angenommen und kann nicht bewiesen werden. Unsere Computerwelt, auch das Notebook auf dem ich gerade diesen Gedanken aufschreibe, basiert auf dieser Differenz: 0 ist von 1 unterschieden; 0 kann nicht 1 sein. Nun könnte jemand sagen: „Das funktioniert doch und muss darum wahr sein.“ Richtig, doch diese Verifikation ist „ex eventu“, also im Nachhinein, und darum kein zwingender Beweis.

Axiome sind gemeinsame Überzeugungen und Grundsätze, die selbstverständlich gelten, nicht beweisbar sind und prinzipiell unbewiesen bleiben. „Axiom ist ein Satz, der eines Beweises weder fähig noch bedürftig sei“, so das Historische Wörterbuch der Philosophie. Man könnte auch sagen, der gesunde Menschenverstand wird sie nicht bezweifeln, so wie jeder weiß, dass die „0“ von der „1“ unterschieden ist. Ein kleiner Haken ist allerdings dabei.

Beschäftigen wir uns mit vergangenen Epochen oder anderen Kulturen, wundern wir uns über deren Selbstverständlichkeiten und sagen vielleicht: „Das war ja alles unwissenschaftlich.“ Bei den Anderen bemerken wir deren zweifelsfreien Grundannahmen. Die eigenen Axiome bemerken wir nicht, weil wir uns wie die Fische im Wasser selbstverständlich darin bewegen und von ihnen ohne mit der Wimper zu zucken ausgehen. Lässt man sich die Irritation durch die Anderen gefallen, kann es interessant werden. Was sich denn unsere Axiome?

In der Ökonomie nehmen wir theoretisch und pragmatisch „die unsichtbare Hand des Marktes“ an. Es funktioniert ja auch. Bewiesen hat allerdings noch niemand, das aus Eigennutz Gemeinwohl wird.

In den Wissenschaften lassen wir gegenwärtig nur quantifizierbare Dinge gelten und verzichten auf Aussagen über das immaterielle Wesen eines Dinges. So wird zum Beispiel Denken auf die messbare Gehirntätigkeit reduziert, weil es jenseits des Materiellen und Quantifizierbaren nichts anderes geben darf. Ich betone, etwas Immaterielles wird prinzipiell ausgeschlossen – so unser wissenschaftliches Axiom. Paradox wird die Situation allerdings, wenn die Psychologie, also die „Wissenschaft über die Seele“, Seele prinzipiell ausschließt. Diese kleine Ironie sei mir bitte gestattet.

Die Gretchenfrage lautet: Was sind die unbewiesenen, selbstverständlichen und fundamentalen Annahmen unserer Zivilisation?