Krise und Katastrophe

Häufig werden Krise und Katastrophe verwechselt. Darum lohnt es sich, beide Wörter anzuschauen.

Krise bezeichnet eine Entscheidungssituation wie eine politische Krise oder Ehekrise. Das griechische Wort kommt vom Verb „scheiden“ und „urteilen“. Die Krise meint eine Notlage, einen Zustand, der zu einer Entscheidung bzw. zu einem Urteil drängt. Vielleicht kann man diese Situation mit dem Gerichtssaal vergleichen. In diesem Raum wird ein Urteil gefällt, das der Richter spricht; und dieser Raum hat zwei Türen – eine ins Gefängnis und eine auf den Flur.

Die Entscheidungssituation bereitet uns keine Freude, und wir erleben sie als verwirrend und chaotisch. Allerdings vergessen wir in der Regel dabei, dass in jeder kritischen Situation eine Chance, eine Lösung steckt, die sich leider nicht offensichtlich zeigt. Im Nachhinein entdecken wir dann, dass wir diese Krise bitter nötig hatten, um einen Kurswechsel zu vollziehen. Manche Krise bewahrt uns vor dem Absturz.

Das Wort Katastrophe meint genau diesen Absturz. Um wieder eine Metapher zu bemühen, kann man sich die Katastrophe bildlich als Kieloben und Untergang vorstellen, denn das griechische Wort heißt „umdrehen“ (und „zerstören“). Sie fahren mit einem Schiff, kommen in einen höllischen Sturm und das Schiff dreht sich um, so dass nicht mehr die Aufbauten, sondern das Kiel oben liegt. Alle ertrinken auf dem Schiff. Da ist nichts mehr zu retten. Es geht ohne Chance unter.

Ergo: Wir brauchen Krisen, um Katastrophen zu entgehen.

Acedia – der Tanz über dem Nichts

Dieses Laster wird im Deutschen fast immer mit Faulheit übersetzt, denn wir Deutschen sehen schon das Nichts-Tun als Laster – frei nach dem Motto „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ – an und mei­nen, fleißig sein sei schon Tugend. Sehr viele sagen „Heute war ich fleißig“ und wollen dafür gelobt sein. Da bleibt allerdings die Fragen offen: Worin war ich heute fleißig? Was habe ich fleißig verfolgt? Wahrscheinlich ist der gegenwärtige Aktionismus, der sich nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in der Politik und in der ökologischen Weltrettung austobt, die Krankheit unserer Zeit, weil Muße und Gelassenheit abhanden gekommen sind. Erstaunlicherweise rührt Aktionismus vom Laster der Acedia. Eine innere, gähnende Leere macht sich im Herzen breit, was auf die Dauer keiner aushält und sich darum in die tollsten Projekte stürzt. Äußere Rastlosigkeit soll vom Nichts im Inneren ablenken, es übertünchen und vergessen machen.

Was ist nun Acedia? Mit einem Wort kann man das im Deutschen nicht sagen, und folgende Übersetzungsversuche bieten sich an: Sorglosigkeit, Nachlässigkeit, Nichtsmachenwollen, Trägheit, Faulheit, Traurigkeit, Melancholie, Widerwille und Überdruss. Jedes dieser Worte spricht jeweils einen Aspekt an, bringt jedoch nicht das ganze Phänomen der Acedia zum Ausdruck. Sorglosigkeit wäre die genaue Übersetzung, denn das lateinische Wort „acedia“ übersetzt das griechische Wort „akedeia“ und bedeutet „ohne Sorge“. Der Geist – oder die Seele oder das Gemüt – eines Menschen ist so niedergedrückt und erschlafft, dass derjenige keine Lust und Motivation hat, etwas zu tun. Traurigkeit (tristitia) verdunkelt das Innere und macht alles „trist“, so dass die eigenen Begabungen, Talente und Charismen nicht mehr wahrgenommen und gewertschätzt werden. Wenn sie doch entdeckt werden, dann werden sie sogar verachtet und mit Widerwillen beargwöhnt. Diese maßlose Traurigkeit beschwert die Seele und alles – in der Tat alles – wird ohne nachvollziehbaren Grund zur Last. Schwere, Last, Trägheit ziehen wie die Gravitationskraft die Seele nach unten. Was zieht nach unten? Die innere Leere. Widerwille gegenüber allem folgt aus der inneren Leere.

Wenn man fragte „Wofür lohnt es sich zu leben?“, würde der Mensch, welcher der Acedia erlegen ist, „Nichts“ antworten, weil sein Herz leer ist. Dann gibt es in der Welt nichts mehr, wofür es sich lohnen würde, auch nur irgendetwas zu tun. In dieser Hinsicht ist Acedia Faulheit – ein Nichtstun aus Sinnlosigkeit. Das ist Nihilismus in seiner ethischen Form, und wie Juli Zeh in ihrem Roman „Nullpunkt“ beschreibt, tritt dieser ethische Nihilismus bei wohlhabenden und ganz besonders bei intelligenten Menschen auf. Bei ihnen äußert sich Acedia als geistreich brillierender Zynismus, der wortgewandt über alles einen Eimer Gülle ausschüttet.

Warum soll Acedia eine Todsünde oder ein kapitales Laster sein? Das Herz ist leer, weil es nicht liebt. Liebe füllt und belebt das Herz. Alles, was die Liebesfähigkeit eines Menschen korrumpiert, ist ein kapitaler moralischer Fehler. Keine Liebe, keine Kinder, keine Zukunft – was soll tödlicher sein als das?

Wie tritt Acedia nach außen? Was sind ihre Erscheinungsformen? Hoffnungslosigkeit und Ver­zweiflung; Feigheit als gespielte Bescheidenheit; Stumpfheit gegenüber seinen persönlichen Pflichten mit Faul­heit, Schläfrigkeit, Nachlässigkeit als Folge; Zynismus, Groll und Bitterkeit; Ausschweifung und Kitzel der Sinne; Rücksichtslosigkeit, Geschwätzigkeit – viele Worte um Nichts; Unruhe des Körpers, die einen unruhigen Geist offenbart; Rastlosigkeit und Wankelmut.

Anfang und Prinzip

Wenn wir das lateinische Wort „principium“ einfach ins Deutsche mit „Prinzip“ übersetzen, denken wir sofort an Logik oder an einen Prinzipienreiter. Der Lateiner hört das Wort etwas anders: „Principium“ heißt auch „Anfang“, und so beginnt die Bibel. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Genesis 1,1) und auch das Johannesevangelium fängt so an „Am Anfang war das Wort – In principio erat verbum – En arche en ho logos“ (Johannes 1,1).

Die ersten Philosophen, die sogenannten Vorsokratiker, suchten nach der „arche“ (griechisch für principium), nach dem Anfang. Thales von Milet meinte, Wasser wäre am Anfang gewesen. Sein Schüler Anaximander fand den Anfang in etwas Unbegrenztem, dem „apeiron“. Heraklit meinte, am Anfang sei Feuer. Wir modernen Menschen ziehen diesen Gedankengang weiter und sehen den Anfang im Urknall.

Warum ist der Anfang so interessant? Menschen suchen den Anfang mit einer ganz bestimmten Vermutung. Wenn man den Anfang – also das Prinzip – habe und verstehen würde, dann habe man auch den ganzen Sachverhalt verstanden. So fragen zum Beispiel nicht nur Kinder bei einem Streit: Wer hat denn angefangen? Wir vermuten nämlich, so den Streit zu verstehen und den Schuldigen zu finden.

Prinzip steckt noch in einem anderen Wort. „Princeps“ heißt der Führer, der Fürst, der Vornehmste und der Herrscher. So betitelte Niccolo Machiavelli sein berühmtes Buch „Il Principe“, zu Deutsch „Der Fürst“. Im antiken, klassischen Athen hieß der höchste Beamte der Demokratie „archont“, was nicht unbedingt „Anfänger“ bedeuten muss, sondern wohl eher „Herrscher“, weil „archein“ herrschen bedeutet. Das Prinzip regiert also die Sache, ordnet die einzelnen Teile zu einem sinnvollen Ganzen und verursacht ganz bestimmte Bewegungen.

Dann gibt es noch die Redewendung „Aller Anfang ist schwer.“ In der Tat machen wir die Beobachtung, dass zum Beispiel ein Auto beim Anfahren sehr viel Energie verbraucht, dass beim Schreiben einer Hausarbeit die erste Seite ein Riesenakt ist und dass die meisten guten Vorsätze am fehlenden Anfang scheitern. Auf den Anfang kommt es eben an. Der Start eines Flugzeugs ist gar nicht so leicht. Das finden wohl die meisten Fluggäste so. Wenn der Start gelungen ist, macht es ja der Autopilot, und kaum einer bibbert noch.

Das Prinzip scheint also der Dreh- und Angelpunkt einer Sache zu sein.

Aporie

In der Philosophie tauchen Wörter auf, die wir umgangssprachlich nicht benutzen. Dazu gehört auch „Aporie“. Häufig versteht sich so ein Wort von seiner Herkunft her.
Das griechische Wort „poros“ heißt Durchgang, Furt, Weg. Stellen Sie sich einfach einen Kaufmann vor, der mit seinem Wagen voller Seide unterwegs ist und einen Markt erreichen will, um seine Ware zu verkaufen. Da versperrt ihm ein Fluss den Weg und er kommt nicht weiter. Mit voller Aufmerksamkeit sucht er eine Furt, um auf die andere Seite des Flusses zu kommen. Es gelingt ihm nicht, einen Weg zu finden, obwohl er intensiv sucht und sich dabei alle Mühe gibt. Er bleibt stecken, weil er sich in einer Ausweglosigkeit – in einer Aporie – befindet und kann den widrigen Fluss nicht überqueren. Das griechische Wort „aporía“ heißt Unwegsamkeit, Ratlosigkeit, Verlegenheit, Not, Schwierigkeit und Unmöglichkeit. Wenn man es wörtlich nimmt, „ohne Furt“, „ohne Weg“ sein.

Auch beim Nachdenken oder im Gespräch kommen wir bisweilen in solch eine Situation. Eine Frage stellen wir uns und kommen ganz munter voran. Doch auf einmal taucht eine Schwierigkeit auf, die uns den Weg zur Lösung versperrt, und wir bleiben zum Beispiel im Pro und Contra stecken: Ist der Mensch frei? Hier lassen sich gleich viele Argumente für die These, dass der Mensch frei sei, wie für die Gegenthese, dass der Mensch nicht frei sei, anführen. Zumindest kommt Immanuel Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft hier nicht weiter.

Wie können wir mit solchen Aporien bzw. aporetischen Situationen umgehen? Eine Möglichkeit geht immer: Wir halten uns an das, was gegenwärtig gilt, an die öffentliche Meinung oder an den Mainstream. Der Vorteil dabei ist, dass das, was gegenwärtig gilt, nicht begründungspflichtig ist und wir nirgendwo anecken. Allerdings hat die öffentliche Meinung auch Nachteile: Sie liegt nicht immer richtig und ändert sich manchmal rasant schnell. Die Achtundsechziger, um bei unserem Beispiel zu bleiben, gingen von einer nahezu grenzenlosen menschlichen Freiheit aus. Gegenwärtig wird der Mensch als genoptimierende Biomaschine verstanden, welcher die Illusion menschlicher Freiheit Selektionsvorteile bringt.
Meines Erachtens hilft erstmal nur, die Aporie demütig anzuerkennen und stehen zu lassen. Auch der Kaufmann mit seinem Wagen voller Seide kommt nicht über den Fluss, wenn ständig ruft „Ich will aber“. Vielleicht braucht die Lösung Zeit und irgendwann wachsen wir in die Antwort hinein.

Eine andere und sympathische Variante der Aporie gibt es am Ende der Dialoge Platons. Nahezu alle Dialoge enden aporetisch, das heißt, ohne Ergebnis. Am Ende des Symposions schläft der Berichterstatter erschöpft ein, und so erfahren wir nicht die Lösung der Frage „Was ist der Eros?“ Warum macht das Platon so? Ist er zu faul, zuende zu denken? Meines Erachtens gibt es keine abschließende und immer gültige Antwort auf die Frage, was Liebe ist. Jede Generation oder jeder Mensch darf sich um eine Antwort auf so eine Frage mühen.

Bisweilen sind Aporien nötig, damit wir uns nicht mit Vorgekautem zufrieden geben.

Aufklärung

Bei aller Aktivität vergessen wir schnell, woher wir kommen und wohin wir gehen wollen. Ebenso schnell vergessen wir, wer wir sind und was uns wirklich wichtig ist. Darum erlaube ich mir das Thema aufzugreifen, dass ein syrischer Student im Sommersemester wählte: Er hielt ein Referat über Vernunft und die Hausarbeit schrieb er über Aufklärung, weil wir im Seminar „Management und Philosophie“ eine Sitzung dem Buch von Reinhard K. Sprenger, Das anständige Unternehmen, München 2015, und dem Aufsatz von Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? Königsberg 1784, widmeten. Wenn uns Aufklärung wirklich wichtig ist, dann lohnt es sich, Kant zu Wort kommen zu lassen, denn besser kann man es nicht formulieren:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außerdem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. …

Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“

Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Darmstadt 1983, S. 53 – 61, A 481 – 494.

Aufklärung bedeutet also nicht in erster Linie, sich von fremden Autoritäten, Repressalien oder äußeren Zwängen zu befreien. Aufklärung ist der Anspruch an eine Person, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und als mündiger, erwachsener Mensch diese Erde zu belasten. Unmündigkeit ist selbstverschuldet und artikuliert sich in der Opferrhetorik.

Ein Mensch, der für die Autorenschaft seines Lebens zeichnet, unterzieht sich den Mühen, die Kriterien seiner Entscheidungen, seine Wertrangordnung und seinen Handlungsspielraum zu kennen. Freilich erfordert dieser Anspruch an sich selbst Energie und so jemand riskiert Scheitern, Ablehnung und Irrtum. Doch immerhin darf jeder Mensch an die Wahlurne gehen, den Urlaub selbständig auswählen und sogar Kinder erziehen.

Was hindert also, auch die Verantwortung für das eigene Leben zu tragen?

Auge

Beim Wort Auge denken wir zuerst an das Organ der visuellen Wahrnehmung. Es gehört zu den fünf Vermögen der sinnlichen Wahrnehmung und ermöglicht uns neben dem Tasten, Schmecken, Riechen und Hören eben das Sehen. Die Augen nehmen visuelle Reize auf und geben das dem Intellekt weiter, was sie vom gesehenen Gegenstand aufgenommen haben. Ob dann – zum Beispiel – der gesehene Baum tatsächlich so ist, wie das Auge ihn sieht, ist eine andere Sache. Die sinnlichen Reize teilen die Augen mit, nicht mehr und nicht weniger.
Nun können die Augen auch erkranken. Dann muss eine Augenärztin aufgesucht werden, die zum Beispiel eine Bindehautentzündung diagnostiziert und kurieren kann. Wenn die Augen-krankheit behoben ist, steht das Sehvermögen wieder vollständig zur Verfügung. Bei man-chen macht sich allerdings eine Augenkrankheit wie zum Beispiel der grüne Star so breit, dass das Sehvermögen teilweise oder ganz verloren geht. Das Auge als leiblichen Organ muss also gesund sein, damit wir visuell wahrnehmen können.
Damit die Augen etwas sehen können, benötigen sie neben der Gesundheit und dem Gegen-stand noch ein Drittes: Licht. Im Dunkeln können wir zwar tasten, schmecken, riechen und hören, aber wir sehen nichts, selbst wenn die Augen gesund sind und der Gegenstand da ist. Licht benötigt die visuelle Wahrnehmung.
Nicht nur mit den leiblichen Augen sehen wir. Erinnern wir uns an etwas, dann kann das Erinnerte uns vor dem „inneren Auge“ stehen und wir sehen es. Auch wenn wir ein Buch lesen, können wir etwas sehen. Die Phantasie oder Vorstellungskraft stellt uns Bilder zur Verfügung. Selbst in einem Buch über Quantengravitation kann man lesen: „Die Physik ent-steht vor seinem geistigen Auge, und mit seinem Vorstellungsvermögen erschafft er (Fara-day) neue Welten … Er ‚sieht‘ etwas Neues.“
Eine Metapher knüpft hier an. Sprachlich heißt „wissen“ so viel wie „ich habe gesehen“. Darum benutzen wir umgangssprachlich die visuelle Wahrnehmung als Metapher für den intellektuellen Erkenntnisvorgang. Einsehen, was ein Baum ist, heißt soviel wie, ich weiß, was ein Baum ist. Dann sehe ich einen Baum vor meinem „inneren Auge“.

Nun wird es allerdings schwierig. Die Organe der sinnlichen Wahrnehmung sind mit dem Leib verbunden, und wir können sie ausmachen: Haut, Zunge, Nase, Ohren und Augen. Ist das „innere Auge“ ein Organ? Wo können wir es lokalisieren? Vom „Auge des Herzens“ und auch vom „Auge der Seele“ wird gesprochen. Dass es sich dabei nicht um ein leibliches Or-gan handelt, ist klar. Können wir mit dem Herzen und der Seele sehen? Welches Licht benö-tigt das innere Auge? Kann auch das „innere Auge“ erkranken oder gar erblinden? Was ist damit gemeint? Vielleicht bieten sich zwei Lösungen an.
a. Metaphorisch sprechen wir so von mentalen Phänomen und beschreiben Tätigkeiten wie Erinnern, Vorstellen, Denken und Erkennen. Tatsächlich gibt es ein inneres Auge nicht, auch wenn wir Bilder sehen.
b. Das innere Auge existiert wirklich, und wir stellen es uns in Analogie zum leiblichen Auge vor, weil wir es nicht anders beschreiben können. Auch wenn wir kein Organ wie den Augapfel feststellen können, nehmen wir ein geistiges Auge an, welches er-kranken und sogar erblinden, aber auch genesen und scharf sehen kann.

Authentisch

Gestritten wird, ob die Führungskraft wahrhaftig sein müsse oder nicht, ob sie lügen dürfe oder nicht, ob Verstellung angebracht sei oder nicht. Nicht nur Niccolo Machiavelli, sondern auch eine Reihe von Beratern empfehlen eine Inszenierungstechnik wie im Theater: Der Job verlange, dass die Führungskraft perfekt die jeweilige Rolle spiele, die ihr der Regisseur im Drehbuch vorschreibt. Mal müsse sie den knallharten Sanierer, den Händchenhalter oder den sozial verantwortlichen Teamleader spielen; auf Rollenpassung, überzeugenden Auftritt und auf die Wirkung beim Publikum komme es an – also auf den Schein und nicht auf das Sein. Falls es mal Schwierigkeiten mit dem Sein der Führungskraft, mit ihrem Personenkern oder Gewissen gibt, könne sie ja in der Freizeit für Ausgleich sorgen. Typisch sei der knallharte Sanierer, der sich sozial stark engagiert – und sein Gewissen beruhigt. Topmanager würden  ihre Emotionen im Job ausblenden und sie ganz gezielt an anderer Stelle ausleben.

Die Alten kannten die Tugend „virtus veritatis“, die zum Umfeld der Gerechtigkeit gehört. Was ist damit gemeint, einfach nur Wahrhaftigkeit? Die Anderen haben ein Recht darauf zu wissen, woran sie mit mir sind. Das schulden wir einander. Die Führungskraft ist demzufolge gut beraten, in den verschiedenen Aktionen auch die Persönlichkeit durchscheinen zu lassen. Die Anderen, die Untergebenen, erspüren sowieso, was das für einer ist, und ob jemand nur spielt oder es ernst meint. Da darf man die Anderen niemals für dümmer halten, als man selber ist. Freilich liegt ein gewisses Risiko in der Authentizität: Fehler, persönliche Macken und Schwächen können zutage treten. Aber die bekommen die Anderen sowieso raus. Die Frucht der Authentizität ist Vertrauen, und Vertrauen senkt die Transaktionskosten. So gewinnt die Führungskraft die Kreativität, volle Leistungs- und Leidensbereitschaft der Mitarbeiter und auch die Kundschaft. Der Authentische erhält obendrein noch einen Lohn: Er kann im Einklang mit sich selbst leben.

Eine Bemerkung sei noch gestattet: Manch einer meint, er sei ganz authentisch, wenn er seinen Emotionen freien Lauf lässt. Zum Beispiel wenn er zornig ist, dann macht er eben seinem Zorn in Beleidigungen oder Grobheiten Luft. Wegen der Verletzungen zur Rede gestellt, sagt dann jener, er sei eben authentisch und mache aus seinem Herzen keine Mördergrube. Freilich offenbart er – ganz authentisch – seine Unbeherrschtheit und seinen ungehobelten Charakter, nur ist Authentizität nicht die Einladung zum unflätigen Benehmen. Selbstbeherrschung, verstanden als vernünftige Ordnung der Stimmungen und Gefühle, könnte ja auch zu seinem Charakter gehören und „ganz authentisch“ zutage treten.

Axiom

In der Wissenschaft gehe es immer wissenschaftlich zu, das heißt, jede Aussage und Annahme wird logisch begründet und bewiesen. Mit einer Ausnahme ist das auch richtig. Was ist die Ausnahme? Die grundlegenden Annahmen, sprich Axiome, werden nicht bewiesen. Wie das deutsche Wort Grundannahme sagt, werden die Axiome angenommen. Noch deutlicher gesagt: Die grundlegenden Annahmen können nicht bewiesen werden. Was soll das?

In der Mathematik geht man davon aus, dass die „0“ von der „1“ unterschieden ist. Diese fundamentale Differenz, auf der die ganze Mathematik aufbaut, wird eben angenommen und kann nicht bewiesen werden. Unsere Computerwelt, auch das Notebook auf dem ich gerade diesen Gedanken aufschreibe, basiert auf dieser Differenz: 0 ist von 1 unterschieden; 0 kann nicht 1 sein. Nun könnte jemand sagen: „Das funktioniert doch und muss darum wahr sein.“ Richtig, doch diese Verifikation ist „ex eventu“, also im Nachhinein, und darum kein zwingender Beweis.

Axiome sind gemeinsame Überzeugungen und Grundsätze, die selbstverständlich gelten, nicht beweisbar sind und prinzipiell unbewiesen bleiben. „Axiom ist ein Satz, der eines Beweises weder fähig noch bedürftig sei“, so das Historische Wörterbuch der Philosophie. Man könnte auch sagen, der gesunde Menschenverstand wird sie nicht bezweifeln, so wie jeder weiß, dass die „0“ von der „1“ unterschieden ist. Ein kleiner Haken ist allerdings dabei.

Beschäftigen wir uns mit vergangenen Epochen oder anderen Kulturen, wundern wir uns über deren Selbstverständlichkeiten und sagen vielleicht: „Das war ja alles unwissenschaftlich.“ Bei den Anderen bemerken wir deren zweifelsfreien Grundannahmen. Die eigenen Axiome bemerken wir nicht, weil wir uns wie die Fische im Wasser selbstverständlich darin bewegen und von ihnen ohne mit der Wimper zu zucken ausgehen. Lässt man sich die Irritation durch die Anderen gefallen, kann es interessant werden. Was sich denn unsere Axiome?

In der Ökonomie nehmen wir theoretisch und pragmatisch „die unsichtbare Hand des Marktes“ an. Es funktioniert ja auch. Bewiesen hat allerdings noch niemand, das aus Eigennutz Gemeinwohl wird.

In den Wissenschaften lassen wir gegenwärtig nur quantifizierbare Dinge gelten und verzichten auf Aussagen über das immaterielle Wesen eines Dinges. So wird zum Beispiel Denken auf die messbare Gehirntätigkeit reduziert, weil es jenseits des Materiellen und Quantifizierbaren nichts anderes geben darf. Ich betone, etwas Immaterielles wird prinzipiell ausgeschlossen – so unser wissenschaftliches Axiom. Paradox wird die Situation allerdings, wenn die Psychologie, also die „Wissenschaft über die Seele“, Seele prinzipiell ausschließt. Diese kleine Ironie sei mir bitte gestattet.

Die Gretchenfrage lautet: Was sind die unbewiesenen, selbstverständlichen und fundamentalen Annahmen unserer Zivilisation?

Bauchgefühl

„Es fühlt sich gut an“, kann man von vielen Menschen hören und bei Entscheidungen, dieses zu tun und jenes zu lassen, folgen sie dann ihrem Gefühl. Abschätzig kann man vielleicht sagen, dass solche Menschen nicht überlegen und einfach oberflächliche Bauchmenschen sind, welche aus ihrem Bauch heraus Entscheidungen fällen. Gefühle sind ja an den Reiz des Augenblicks gebunden, obendrein noch leicht zu manipulieren und darum nicht immer der beste Ratgeber.

Und trotzdem: Gefühle liefern einen ersten Zugang zum Wertgehalt der Wirklichkeit. Worüber freuen wir uns? Was ekelt uns an? Was erregt unsere Aufmerksamkeit? Wovor möchten wir am liebsten weglaufen? Wie das zu bewerten ist, sei erst mal dahingestellt. Dass wir allerdings vorrational mit unseren Emotionen werten, ist eine Tatsache, die zu ignorieren nicht klug ist. Es gibt grundlegende menschliche Gefühle, weil wir schlicht und einfach Menschen sind.

Dann gibt es auch Gefühle, die aus dem Habitus – aus der Tiefe einer Person – kommen und etwas reklamieren, was die operative Vernunft im Eifer des Gefechts vielleicht übersieht. Was ist damit gemeint? Es gibt Gefühle, die von unserer inneren, persönlichen Haltung herrühren und das, was jemand ist, emotional artikulieren. Dann schämen wir uns zum Beispiel wegen einer Handlung, obwohl die Vernunft diese Handlung legitimierte.

Wie kommt das? Was ist das? Warum schämen wir uns überhaupt? Man kann zum Beispiel sagen, dass wir uns schämen, wenn der öffentliche Ruf gefährdet wird. So sagen bisweilen Jugendliche, wenn die Mutter übereifrig vor Freundinnen agiert: „Mama, das ist peinlich, ich schäme mich.“ Das ist Scham vor Schande, die berechtigt sein mag oder auch nicht. Da gibt es aber noch eine andere Scham: Das, was ich getan habe, möchte ich mir gar nicht anschauen oder darüber reden, ich möchte es einfach nur vergessen, weil im Gedanke an jene Handlung es mir die Schamröte ins Gesicht treibt. Dieses Schamgefühl artikuliert emotional glasklar: Jene Handlung passt nicht zu mir und ich bist ganz anders, als ich mich in der Handlung gezeigt habe. Die Scham reklamiert eine eklatante Abweichung vom Habitus.

Hier tritt eine Zwiespältigkeit auf. Kann ich mich überhaupt auf mein Gefühl verlassen? Im Grunde genommen kann man sich auf das Bauchgefühl verlassen, wenn der Bauch keine Blähungen hat. Wenn der Bauch nicht in Ordnung ist, dann ist er kein guter Ratgeber. So kann sich der Lustmolch wohl nicht auf sich und sein Gefühl verlassen, denn durch seine Lebensführung hat sein Habitus einen Defekt: Ihm fehlt etwas, nämlich die Scham, und darum benimmt er sich schamlos. Auch der Ungehobelte kann sich nicht auf sein Gefühl verlassen, denn es fehlt ihm etwas; er ist einfach unsensibel und unkultiviert. Das ist ein eklatanter Defekt: Das moralische Gefühl fehlt. Wer kann sich auf seine Gefühle verlassen? Der Tugendhafte darf sich auf seine Gefühle verlassen. Der Lasterhafte, sei es der Unsensible oder der Lustmolch, wird von seinen chaotischen Gefühlen sehr wahrscheinlich in die Irre geführt.

Ergo: Eine Portion Skepsis gegenüber dem Bauchgefühl ist angebracht, denn wer weiß schon genau, ob die innere, persönliche Haltung angegriffen ist oder nicht. Wem das Wort Bauch­gefühl zu platt klingt, der darf auch Intuition sagen.

Berufsethos

Unternehmer, Mitarbeiter und große Teile der Öffentlichkeit beklagen den Werteverfall und, dass die deutsche Sitte verschwunden ist. Große Unsicherheit greift um sich: Was gilt? Wohin geht die Reise? Wer bin ich? Woran bin ich mit den anderen Menschen? Diese Situation der Orientierungslosigkeit einfach zu beklagen oder zu jammern, bringt auch nicht weiter und schon gar keine Lösung. Machen wir es wie der Joker im Kartenspiel. Der Joker kann jede Karte sein und darum muss er sich zwei Fragen beantworten: 1. Was wird hier gespielt? 2. wer bin ich in diesem Spiel?
Der Berufsethos kann eine klare Antwort auf diese Orientierungsfragen geben und emotionale Zugehörigkeit stiften.

Was ist Beruf? Auf jeden Fall kein Job, denn diesen könnte man wechseln wie Unterhosen, und einen Arzt, der seinen Beruf als Job versteht, würde keiner an seinen Blinddarm heranlassen. Beruf kommt von Berufung – da hat jemand einen Ruf gehört und folgt ihm, da hat jemand sein Talent entdeckt und eine Kunstfertigkeit daraus gemacht, da widmet jemand sein Leben einer Aufgabe.
Was ist „ethos“? Wenn wir handeln, wollen wir etwas bewirken – zum Beispiel ein Brillenglas schleifen. Darüberhinaus hinterlässt eine Handlung in uns Spuren. Schleifen wir öfters ein Brillenglas, dann können wir das auch (mit verbundenen Augen), weil wir diese Fertigkeit erworben haben und schließlich kompetente Brillenschleifer sind. Handlungen hinterlassen im Handelnden Spuren: Kompetenzen, Charakterzüge und Gewohnheiten. Das griechische Wort für Gewohnheit heißt „ethos“ – und da gibt es gute Gewohnheiten, wir nennen sie Tugend, und da gibt es auch schlechte Gewohnheiten, wir nennen sie Laster. Handeln mehrere Menschen gemeinsam oder arbeiten sie zusammen, dann entstehen gemeinsame Gewohnheit. Wenn wir sie fragen „Warum macht ihr das so und nicht anders? Warum ist euch das wichtig und jenes nicht?“, werden sie sagen „Das ist bei uns so üblich. Das ist bei uns so Brauch.“ Diese gemeinsamen Gewohnheiten nennen wir Brauchtum, Sitte und auf einen Berufsstand bezogen „Berufsethos“. Übrigens brauchen Menschen gemeinsame Gewohnheiten, um miteinander leben zu können, denn Menschen wollen immer wissen, woran sie miteinander sind, sie wollen einander vertrauen können.

Warum einen Berufsethos? „Gesetze sind wie Zaunslatten; jede neue Latte schafft eine neue Lücke.“ Normen und Gesetze können Wirklichkeit nicht vollständig regeln. Auf die Haltung, die Einstellung und den Charakter kommt es an: Was bindet diese Person? Woran hängt ihr Herz? Wofür steht dieser Mensch? Einige Berufsstände wie Ärzte oder Kaufleute haben Antworten auf diese grundlegenden Fragen formuliert. Der Berufsethos des Arztes können wir im Eid des Hippokrates lesen und dort auch berufsspezifische Sätze finden. Den Berufsethos des ehrbaren Kaufmanns kann man auf die drei Worte reduzieren: „Sein Wort gilt.“ Neben technisch, handwerklichen Fertigkeiten geht es um moralische Haltungen, um Tugenden und gute, gemeinsame Gewohnheiten. Werte bzw. Güter werden benannt, die – berufsbedingt – besonders schutzbedürftig sind. Zum Beispiel wird der Kaufmann durch Gier besonders gefährdet. Unterliegt ein Kaufmann diesem Laster, verfällt er der Schande; hält er der Versuchung stand, bewahrt er seine Ehre. Der Berufsethos verfügt also über die Sanktionen Ehre und Schande. Was an diesem Geschäft schandbar war, weiß der aufmerksame Kaufmann sehr wohl, und das muss ihm nicht erst ein Gesetz beibringen.
Der Berufsethos liefert Sinnbezug und Identität. Damit können wirtschaftliche Akteure Glaubwürdigkeit und Vertrauen bei Kollegen, Mitarbeitern, beim Kunden und der Öffentlichkeit gewinnen, was sich durchaus ökonomisch positiv darstellt. Obendrein liefert der Berufsethos für die Ausbildung des Nachwuchses ein moralisches Fundament, den jeder weiß, wohin der Hase läuft.

Bewegung

Manchmal gehen wir ins Kino und das hat etwas mit Bewegung zu tun, nicht nur weil wir uns ins Kino bewegen müssen, sondern weil es dort bewegte Bilder zu sehen gibt. Darum auch der Name Kino von „kinesis“ – griechisch: Bewegung.

(1) Wir moderne Menschen verstehen unter Bewegung nahezu ausschließlich die Ortsbewegung, also wenn wir uns vom Sofa ins Kino bewegen, oder wenn sich der Film im Projektor bewegt. Da haben Menschen schon seit Jahrtausenden die Vorstellung einer vollkommenen Bewegung – und zwar die des Kreises. Der Kreis entsteht durch die Bewegung eines Zirkels um den Mittelpunkt und auf dem Kreisumfang können sich Dinge ganz gleichmäßig, ohne Anfang und Ende bewegen. Beobachten kann man solch eine vollkommene, kreisförmige Bewegung an den Planeten und Sternen.

(2) Über eine weitere Bewegung kann man auch mal nachdenken: über Werden und Vergehen. Sowohl natürliche, als auch technische Dinge entstehen und vergehen, was eben auch eine Bewegung ist.

(3) Eine dritte Bewegung können wir an Kindern beobachten, wenn sie ihre Begabungen realisieren, zum Beispiel wenn sie anfangen zu laufen. Sie haben als Menschen das Vermögen, laufen zu können, und verwirklichen dieses Potential, wenn sie tatsächlich laufen. Anfänglich ist das zwar etwas tappsich, aber mit der Zeit wachsen Muskeln, Füße sowie Beine und sie laufen ganz selbstverständlich. Diese dritte Bewegung beschreibt den Weg von der Möglichkeit zur Wirklichkeit, von „dynamis“ zu „energeia“. Ohne Bewegung kommt man nicht ans Ziel, an die vollkommene Wirklichkeit „entelecheia“. Genauso wird aus einer Eichel eine Eiche in voller Pracht.

(4) Auf die vierte Bewegung kommen wir moderne Menschen nicht, nämlich auf das Denken. Doch umgangssprachlich sagen wir einem stumpfsinnigen, gedankenträgen Menschen: „Setz doch mal deine Gedanken in Bewegung und denke nach!“ Was passiert beim Denken? Ich denke nach, bin aufmerksam und schaue gedanklich voraus. Auf jeden Fall erleben wir uns beim Denken in Bewegung.

Freilich kann man fragen, woher die Bewegung kommt und wohin sie führt. Eine Antwort: Bewegung rührt von einem Ersten her, das selbst nicht von einem anderen bewegt wird oder bewegt worden ist, weil das Erste selbst Bewegung ist. Bewegung steht am Anfang und ist ein Prinzip der Wirklichkeit, in der wir leben.