Wir handeln, wie wir sind.

In diesem Monat bin ich über einen mittelalterlichen Merksatz gestolpert: „agere sequitur esse“ – das Handeln folgt dem Sein – und diesen Satz möchte ich Ihnen mitteilen. Was ist damit gesagt?

Wie wir sind, so handeln wir. Aus dem persönlichen Sein entspringen die Handlungen. Sind wir froh gemutet, so prägt diese Zuversicht in unsere Aktionen; sind wir mit uns selbst im Klaren, so fließt diese Ordnung in unsere Handlungen ein. Darum war für Sokrates die Aufmerksamkeit und Sorge um sein inneres Sein so wichtig, dass er dafür manche Ablehnung hinnahm. Das hat mit einer egoistischen Suche nach Seelenheil nichts zu tun, denn nur derjenige, der mit sich selbst befreundet ist, kann auch mit anderen befreundet und langfristig erfolgreich sein.
Es gibt eine Ethik des Erfolgs. Der in seinem Leben Erfolgreiche ist klug, gerecht, tapfer und maßvoll. Diese Charakterzüge bzw. Haltungen bewähren sich seit dreitausend Jahren in unserer abendländischen Zivilisation und beschreiben den sittlichen Charakter dessen, der sein Ziel zu erreichen sucht. Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß gestalten das praxisorientierte Denken und den handelnden Willen. Wer sich mit diesen Tugenden in Form bringt, dem wird auch sein Leben glücken; „agere sequitur esse“ – das Tun folgt dem Sein.
Wer ist der Erfolgreiche? Der Erfolgreiche ist erstmal ein Mensch mit Haut und Haaren, mit Leib, Seele und Geist, mit Talenten, Neigungen und Leidenschaften. Darin sind wir alle gleich. Ungleich sind wir in der ganz persönlichen Art und Weise der Talente, Neigungen und Leidenschaften, auch in der konkreten Gestaltung des Leibes und der Seele sind wir schrecklich ungleich. Diese Gleichheit und Ungleichheiten sehe ich als Chance eines Reichtums. Wie können wir mit unseren unterschiedlichen Talenten wuchern?
Tugendethik, welche Verstand und Wille zuverlässig gestalten möchte, führt Menschen zur festen Haltung und zu guten Gewohnheiten, so dass sie sich auf sich selbst verlassen können. Dadurch wird Höchstleistung möglich, die persönlichen Potentiale können realisiert werden. Tugendethik nimmt das innere Sein der Person in den Blick – etwas, was sie immer bei sich hat und die Basis jeglicher Praxis ist. Sie schaut auf den Charakter eines Menschen, sozusagen auf seine zweite Haut. Ist der Charakter gut gelungen, dann sieht dieser Mensch, was zu tun ist, und hat seinen Willen so im Griff, dass er tatsächlich das tut, was er will. Die vier Dreh- und Angelpunkte des Charakters sind die Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Mut und Maß; sie qualifizieren das innere Sein eines Menschen. Ist dieses Sein in Ordnung, gelingen ihm seine Aktionen; ist der Charakter verdorben, misslingt die Praxis.
Das Glück liegt im Handeln, wenn es denn gesegnet wird, und die Qualität unseres Tuns folgt unserem inneren Sein – agere sequitur esse.

Wirklichkeit

Die Frage nach der Wirklichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Philosophie und wird Menschen auch künftig beschäftigen. Darum möchte ich auch nur einen Aspekt ansprechen, denn landläufig versteht man unter Wirklichkeit die harten Fakten und Tatsachen.

Das Wort „Wirklichkeit“ haben wir der deutschen Mystik, und so viel ich weiß Meister Eckhart aus Erfurt, zu verdanken. Wenn wir dieses Wort auseinandernehmen, heißt das so viel wie: Wirklichkeit ist das, was wirkt, was auf mich einwirkt. In der Tat wirken Dinge und Ereignisse auf mich ein, die einfach so sind, wie sie sind, und die ich nicht ändern kann. Wie kommt es, dass Meister Eckhart diesen Akzent setzte? Das mittelalterliche (Küchen)Latein hatte für das, was wir heute Wirklichkeit nennen, zwei Wörter: „realitas“ und „actualitas“.

Mit „realitas“ – von „res“ das Ding, die Sache, der Gegenstand, etwas – wurde die Dinglichkeit der Wirklichkeit betont. Darunter verstehe ich die Wand, die eben für meinen Kopf ein harter Gegenstand ist und an der ich mir den Kopf bisweilen blutig schlage, wenn ich das Vorhandensein dieser Wand nicht respektiere – also keine Rücksicht auf sie nehme.

Das andere Wort heißt „actualitas“ – von „actus“ einer lateinischen Übersetzung des griechischen Wortes „energeia“ Handlung, Akt, Aktualisierung der Möglichkeit – und betont den Wirkungszusammenhang oder die Einwirkung. Und in der Tat wirken nicht nur Gegenstände auf uns ein, sondern auch Ereignisse wie fallende Aktienkurse. Diesen Akzent der Wirkung betonte Meister Eckhart und hat das deutsche Wort Wirklichkeit im Blick.

In der Wirklichkeit geht es also nicht nur um harte Fakten, sondern auch um die Wirkung, die sie auf uns haben, denn Dinge und Ereignisse stehen nicht einfach isoliert nebeneinander. Wenn ich zum Beispiel VW-Aktien habe und der Kurs dieser Aktie steigt, ist das eine andere – und auch noch harte – Wirklichkeit als für Marianne Mustermann, die keine VW-Aktien besitzt. Mit Meister Eckhart möchte ich damit betonen, dass sich Wirklichkeit nicht nur auf Dinge und Gegenstände beschränkt, wie die platten Materialisten meiner Kindheit („Ich glaube nur an das, was ich mit beiden Händen anpacken kann.“) behaupteten; sondern auch – und vor allem – Wirkungszusammenhänge zwischen Gegenständen, Personen, Ereignissen und Fakten einbezieht.

Wahrscheinlich haben wir im Deutschen darum die beiden Worte Wirklichkeit und Realität. Summe: „Wirklichkeit ist das, was wirkt, was auf mich einwirkt, und so ist wie es ist.“

Wirklichkeit und Möglichkeit

Wenn etwas nicht ist, dann ist es noch lange nicht nichts. Was soll dieser Satz? Sitzt ein Klavierspieler im Cafe, trinkt eine Tasse Tee und liest dabei die Zeitung, dann spielt er zwar nicht Klavier, aber er könnte es – im Gegensatz zu mir, denn ich kann nicht Klavier spielen. Es macht also einen Unterschied, ob jemand etwas kann oder nicht kann, auch wenn tatsächlich nichts passiert.

Diesen Unterschied nennen die Philosophen Möglichkeit (dynamis, potentia) und Wirklichkeit (energeia, actus). So verstanden, ist die Möglichkeit eine latente Wirklichkeit, etwas, was sozusagen auf dem Sprung zur Wirklichkeit ist. Der Klavierspieler kann also von seinem Tisch aufstehen, sich ans Klavier setzen und spielen. Dann zeigt es sich, dass er ein Klavierspieler ist.

Insbesondere unsere Wirtschaftswelt lebt von dieser Differenz. Kaufleute sprechen von Marktpotentialen, die es zu finden und zu heben gilt. Dann werden Potentiale realisiert. Aber auch die Bibel (Matthäus 25, 14-30) spricht von Talenten, mit denen wir wuchern sollen. Wird das Talent vergraben oder bleibt es brach liegen, versündigt sich man sich gegenüber seinem Schöpfer.

In der Ethik, insbesondere in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles, ist die Möglichkeit (dynamis) etwas, das den Menschen speziell kennzeichnet und ihn als moralisches Wesen markiert, denn Menschen sind frei und haben Handlungsalternativen, d.h. sie können auch anders handeln. Ethik beschreibt, was Menschen sein können. Die menschliche Natur hat jedem das Vermögen, Mensch zu sein, in die Wiege gelegt. Aufgabe eines jeden ist es, dieses Vermögen zu realisieren. Mit einem infantilen Bild gesprochen: Als Kinder haben wir gefragt, warum ein Schwein nicht Rad fahren kann. Weil es keinen Daumen zum Klingeln hat, lautete die Antwort. Wir haben einen Daumen und können in der Tat Rad fahren.

Vielleicht mag das zu banal klingen, ist es aber nicht. Wirklich Mensch-Sein macht sich nicht von allein und darum werden Menschen erzogen, lernen das Sprechen und mit ihrer Hand umzugehen. Die menschliche Hand kann vieles – streicheln und schlagen, schreiben und malen … Aber sie muss es nicht. Diesen langwierigen und mühsamen Weg der Verwirklichung des menschlichen Vermögens nannten die 68er „Selbstverwirklichung“ und lagen damit gar nicht – bis auf die Überbetonung des „Selbst“ – falsch.

Zur Realität gehören – insbesondere im Bereich des Menschen – die Modalitäten Möglichkeit und Wirklichkeit.

Wofür lohnt es sich zu leben?

Wenn Sie die Frage stellen, wofür lohnt es sich zu leben, werden Sie wahrscheinlich für verrückt gehalten, und verrückt muss man schon sein, diese Frage zu stellen. Woraus „verrückt“? Wenn wir Zimmer streichen, verrücken wir Schränke, um an die Wände zu kommen. Was verrücken wir also, wenn wir uns die Frage, wofür lohnt es sich zu leben, stellen? Den alltäglichen Blick in eine Wirklichkeit, die durch Aufgaben, knappen Ressourcen usw. bestimmt wird, verrücken wir und werfen einen schrägen Blick. Gestatten Sie sich bitte diesen nichtalltäglichen Blick.

„Das Schöne selbst zu schauen, macht das Leben lebenswert“, lässt Platon die Priesterin Diotima im Symposion (211 d) sagen.

Vielleicht kommt diese Antwort zu schnell und wirft mehr Fragen auf, als sie beantworten kann. Wichtig ist, mit welcher inneren Haltung wir fragen. Es kommt alles auf ein schweigendes Hören an, dass wir uns öffnen und unsere Interessen, Wünsche, Vorstellungen loslassen. Liegt die Seele offen und schweigt sie, können wir wirklich hören, hinschauen und überhaupt etwas anderes vernehmen. Das schweigende Hinhören und Schauen nennen die Alten Kontemplation, das heißt Schauen, was allerdings nur gelingt, wenn wir innerlich stille geworden sind und nichts wollen, wenn die Intentionen und Wünsche mal schweigen. Was Schauen meint, kennen wir alle: Wir schauen einem Kind beim Spielen zu, wir sehen einen Vogel über die Weide kreisen oder wir schauen über eine Landschaft und denken nichts dabei. Im Inneren empfinden wir Freude, Frieden und Ruhe, verlassen sozusagen im Nu Raum und Zeit und vergessen uns, weil wir ganz bei dem Kind, bei dem Vogel oder in der Landschaft sind, ohne einen verwertenden Gedanken zu hegen.

Das meinten die Alten mit Kontemplation: sich versenken, schauen und staunen; und sie vermuteten, dass in diesem Blick sich ihnen die Wirklichkeit zeigt, enthüllt und vor ihren Augen ganz gegenwärtig wird, wie sie ist. Und dieses Anschauen nannten sie ein Glück, für das es sich zu leben lohnt. Auch wenn das ziemlich abgehoben klingt, kennen wir das alle und möchten es nicht missen: das Glück, das wir empfinden, wenn wir einen geliebten Menschen sehen, und dieses Glück können wir nicht einmal beschreiben. Mir scheint, dass Kontemplation nicht anderes ist als der liebende Blick, der uns ganz plötzlich dem Hier und Jetzt entreißt, für einen Augenblick in die Ewigkeit mitnimmt und uns wie ein seltener Vogel zufliegt.

Bei meiner voreiligen Antwort möchte ich zu bedenken geben, dass es auf die fragende und suchende Haltung ankommt. Lassen Sie die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, in sich lebendig bleiben und irgendwann werden Sie in Ihre Antwort hineinwachsen, irgendwann wird Ihnen die Antwort plötzlich und mühelos in den Schoß fallen. Dafür lohnt es sich zu leben, und vielleicht leben wir auch so lange, damit wir das erleben dürfen.

Wortgebrauch und Machtgebrauch

Im Dialog Gorgias nimmt Platon das Verhältnis von Wortgebraucht und Machtausübung in den Blick. Eine Politik, die Gerechtigkeit bzw. das Gemeinwohl aus den Augen verliert, gebiert den sophistischen Wortkünstler, der seine wahre Intention „Freiheit für mich und Macht über andere“ verbirgt. Die Öffentlichkeit liebt ihn, denn seine schmeichelnde Rede tut ihr unheimlich gut, und er führt sie auf seine Pfade. Wie funktioniert die sophistische Rede? Was macht er?

Der Sophist
1) trennt das Wort von der Wirklichkeit,
2) zerstört den Mitteilungscharakter des Wortes und der Rede.

  • Der Hörer wird um den Gehalt des Wortes gebracht.
  • Der Hörer wird zum Objekt der Manipulation gemacht.

3) macht das Wort zum reinen Machtmittel,
4) baut eine Schein-Wirklichkeit auf und wird dadurch schließlich zum betrogenen Betrüger.

Vom Sophisten, so Platon, können wir jedoch lernen: Auch das Gute, will gut gesagt sein.

Würde des Menschen

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ GG 1 (1). Diesen ersten Satz des Grundgesetzes kennen sehr viele und stimmen ihm wohl auch zu. Trotzdem taucht bald die Frage auf, was damit gemeint sei und wie man ihn begründen kann. Dazu schweigen die Verfassungsmütter und –väter, denn sie stellten 1949 juristisch eine Tatsache fest. Kommentare zum Grundgesetz verweisen auf den christlichen Glauben an den Menschen als Ebenbild Gottes und auf Immanuel Kant, welcher den Menschen als moralisches Subjekt beschreibt.

Nun ändert sich die intellektuelle Großwetterlage. Der Glaube an die jüdisch-christliche Gottesebenbildlich des Menschen sowie an den gemeinsamen Vernunftbesitz aller Menschen, auf den die Aufklärung setzte, ist abhandengekommen und nicht mehr nachvollziehbar. „Wenn wir nicht an eine menschliche Natur in einem Kosmos glauben, womit eine Norm vorgegeben wäre; wenn wir nicht an einen Gott glauben, als dessen Ebenbild wir uns würdig erweisen müssten – wie ist dann die, wenn man so will, entstandene Leerstelle zu füllen?“ (Eva Weber-Guskar).

Wenn wir nicht mehr weiter wissen, fragen wir nach den Anfängen. In Formulierungen wie „die Würde des Königs“ oder „die Würde des Amtes“ setzt der Gebrauch des Wortes „Würde“ (dignitas) an. Da kann sich ein Bundespräsident so benehmen, dass er die Würde des Amtes beschädigt, und da können wir uns bei einer Audienz gegenüber dieser Amtsperson würdelos benehmen. Der Würde gewisser römischer Beamter kam es zu, dass ihnen Weihrauchschwenker vorhergingen, damit nicht nur jeder sah, welche bedeutende Person auftrat, sondern damit jener Beamte auch nicht den Gestank der Straße roch. Allerdings ist die Würde des Amtes eine Zuschreibung, denn wenn Christian Wulf nicht mehr Bundespräsident ist, kann er auch nicht mehr die Würde des Amtes beschädigen. Die Last des Amtes – und damit verbunden auch die Privilegien – ist er los. Verhält es sich ebenso mit der Würde des Menschen?

In diese Richtung laufen gegenwärtig Vorschläge. „Würde ist eine Verfassung, in der sich Personen befinden können, genauer eine Haltung, die darin besteht, mit sich unter anderen [Menschen] in Einklang zu sein, indem man seinem Selbstbild entspricht“ (Eva Weber-Guskar).Wenn ich das richtig verstehe, wäre dann die Würde des Menschen das erfolgreiche Arbeitsergebnis einer Person am eigenen Selbst. Wie dem auch sei.

Dass man metaphysische und religiöse Grundannahmen gegenwärtig vermeiden möchte, lässt sich vielleicht noch nachvollziehen. Dass jedoch der historische Kontext ausgeblendet wird, irritiert gewaltig. Warum taucht „die Würde des Menschen“ seit 1948 in juristischen Dokumenten erstmalig auf? Was bedeuten „Verbrechen gegen die Menschheit“? Welches Verständnis vom Menschen benötigen wir, um angemessen mit einander – auch in Krisensituationen – umgehen zu können?

Die klassische Position ist mir sehr plausibel und tragfähig: Der Mensch hat keinen Wert, denn diesen könnte man bezahlen; er hat eine Würde, die inkommensurabel ist. Inkommensurabel heißt, nicht vergleichbar, nicht messbar und nicht aufwiegbar. Menschen sind zwar Lebewesen, allerdings anders als andere Lebewesen. Sie gehen nicht in ihrer Triebstruktur auf, sie können Alternativen entwickeln und verfolgen. Darum kann man sie als moralische Person ohne weitere Bedingungen behandeln und auch zur Rechenschaft ziehen. Diese Tatsache würdigen wir im Umgang miteinander und sprechen von der Würde des Menschen ohne Hinblick auf persönliche Besonderheiten.

Ziel

Wenn man sagt, „Erfolg ist das Erreichen selbstgesetzter Ziele“, klingt das sehr vollmundig. Trotzdem gehen wir davon aus, dass wir Ziele verfolgen, und der formulieren den Satz „Du geisterst ziellos in der Welt herum“ ist nicht gerade ein Kompliment. Was hat es mit dem Ziel auf sich?

Im Griechischen heißt Ziel „telos“ und gehört meines Erachtens zu den fundamentalen Grundannahmen unserer Zivilisation. Handeln wir, so verfolgen wir ein Ziel, auch wenn der Zweck einer Handlung – wie beim Wandern – selbst in der Handlung liegt. Die Zielursache (causa finalis) oder der Zweck einer Handlung muss als erstes geklärt werden, oder wir tun nichts. Wozu willst du das Haus bauen? Ist diese Frage geklärt, kann der Architekt eine Skizze machen und den Bauplan entwerfen. Dem Bauherren muss also klar sein, ob das Haus ein Ferienhaus, Wohnhaus oder Bürogebäude werden soll. Das Ziel bestimmt also alles weitere. So werden zum Beispiel in einem soliden Projektmanagement alle Aktionen vom Letzten, vom Erreichen des Ziels geplant.

Ziel ist also ein Letztes (to eschaton) und auch eine Grenze, nämlich die Grenze (peiras) des Möglichen. Sind dann alle Möglichkeiten auch tatsächlich realisiert worden, sagen wir „Das Ferienhaus ist gelungen, es ist vollkommen“. Das griechische Wort für „vollkommen“ heißt „teleion“ und ist vom Wort Ziel abgeleitet: Etwas ist so, wie es sein kann, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, und ist an sein Ziel gelangt. Dieses zielorientierte Denken hat man teleologische Philosophie genannt, weil es das Axiom „Alles hat ein Ziel“ zur Grundannahme macht und auch noch behauptet, dass das Ziel ein Prinzip der Wirklichkeit ist.

Der Eichenbaum drängt im Wachstum zur vollen Pracht und will dastehen, wie eben eine Eiche sein kann. Im Bereich des Lebendigen kann man diese Dynamik und Energie erkennen. Leben will leben und Leben will Leben weitergeben.

Freilich muss man zwischen vorläufigen und einem letzten Ziel differenzieren. Das Ferienhaus wäre nämlich ein vorläufiges Ziel, denn man kann ja fragen: „Wozu baust du ein Ferienhaus?“ Diese Kette von Fragen und Antworten können wir fortsetzen bis zur finalen Frage: „Was willst du mit deinem Leben?“ Eine Antwort darauf wäre dann die Mitteilung des letzten Zieles oder Sinn des Lebens. Wir tun uns schrecklich schwer mit dieser Frage und noch mehr mit einer möglichen Antwort, obwohl unsere Lebensweise vor aller Zielorientierung nur so strotzt.

Gibt es diese Zielorientierung auch im Kosmos, wie Thomas Nagel (Geist und Kosmos, Berlin 2013) fragt? Oder übertragen wir, wenn wir so fragen, einfach menschliche Verhaltensmuster (anthropomorph) auf das Universum?

Zinsen

Für das gesparte Geld bekommt man heute keine Zinsen. Da stellt sich doch die Frage, was Zinsen sind und warum sie einen zweifelhaften Ruf haben. Zinsen sind einfach der Preis für geliehenes Geld. Kauft jemand ein Haus und nimmt ein Darlehn von 150.000 € auf, dann kann er im Tilgungsplan lesen, dass ihn diese Darlehnssumme zum Beispiel 35.000 € kosten werden. Sowie man für einen Liter Milch 0,80 € bezahlen muss, muss man einen Darlehnsbetrag kaufen und der Kaufpreis heißt Zins.

Vom Zins lebt unsere moderne monitarisierte Welt. Als ich Kind war, wurde ich angehalten, Geld zu sparen, um meinen Wunsch zu erfüllen. Würden wir heute diese Haltung der deutschen Sparsamkeit aufrechterhalten, bekäme das Wirtschafswachstum einen Knick. Darum lautet jetzt die Botschaft: Erfülle Deine Wünsche sofort und bezahle später. Insbesondere in Zeiten einer Niedrigzinsphase scheint diese Empfehlung der Realität nahe zu kommen. Mal abgesehen davon, dass mit dieser Empfehlung eine hedonistische Haltung – Ich. Alles. Jetzt – gepuscht wird, verwundert es, dass insbesondere das Judentum und der Islam die Zinsen ablehnen, als seien sie ein Geschenk des Teufels.

„Diejenigen, die Zins nehmen, werden nicht anders dastehen als wie einer, der vom Satan erfasst und geschlagen ist. Dies (wird ihre Strafe) dafür (sein), dass sie sagen: ‚Kaufgeschäft und Zinsleihe sind ein und das-selbe.‘ Aber Allah hat das Kaufgeschäft erlaubt und die Zinsleihe verboten. …Diejenigen aber, die es wieder tun, werden Insassen des Höllenfeuers sein und darin weilen“ Koran, Sure 275.

„Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann.“ Deuteronomium 23, 21.

Wo liegt das Problem? Geld produziert Geld. Der Gewinn, der aus den Zinsen entsteht, rührt nicht von Arbeit her und entsteht „aus dem Nichts“. Wenn nun ohne Arbeit ein Gewinn – und zwar noch ein risikofreier und gesicherter – entsteht, benimmt sich Geld wie Gott und schafft „ex nihilo“. Das klassische Beispiel: Leiht jemand einen anderen zehn Fässern Wein, dann hat er nur Recht auf die Rückgabe von zehn Fässern Wein. Woher soll bei einer 10%igen Verzinsung das elfte Weinfass herkommen?

Die Zinserträge aus dem Geldverleih verführen den Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit zu Habgier und Geiz – also zu einer tödlichen Sünde.

Der Zinsertrag wird ohne jegliche Verpflichtung garantiert, wogegen man bei Unternehmensbeteiligungen am Risiko teilhat und haftet.

Mir scheint das Problem woanders zu liegen. „Zins nehmen für geborgtes Geld ist an sich ungerecht, denn es wird verkauft, was nicht ist, wodurch ganz offenbar eine Ungleichheit gebildet wird, die der Gerechtigkeit entgegen ist“, heißt es bei Thomas von Aquin. Zins fördert die Tendenz, dass Geld zu Geld kommt, zur „Akkumulation des Kapitals“, wie Karl Marx das nennt. Der Schuldner wird durch den Zins wie ein Sklave auf der Ruderbank festgekettet und der Gläubiger genießt die Früchte dieser Arbeit. Zins trägt die Gefahr in sich, den Ausgleich zwischen unterschiedlichen Menschen in einer Gesellschaft – genau um den Zinssatz – zu behindern und Gerechtigkeit zu verletzten. Das zur Kritik des Zinses.

Zum Lob des Zinses: Ein Darlehn ermöglicht es mittellosen Menschen ein Studium, ein Haus oder eine Unternehmensgründung zu finanzieren. Dadurch erhöht sich die Durchlässigkeit der Gesellschaft, wie es die sogenannten Mikrokredite in Bangladesch zeigen, und ein Plus an Gerechtigkeit wird gewonnen. Es muss ja einen Grund haben, warum seit der Renaissance in Westeuropa Zinsgeschäfte erlaubt sind.