Bild

Bis vor zweihundert Jahren gab es Bilder nur in Kirchen und Schlössern. Mit dem farbigen Druck änderte sich das, und seit einigen Jahren dominieren Bilder unsere Lebenswelt: auf ziemlich großen Bildschirmen im Wohnzimmern, auf Bussen im Straßenverkehr, in Smartphones und beim Öffnen einer Website. Ob wir es wollen oder nicht, unsere Augen werden gereizt und wir sehen Bilder, Ikons, Banner etc. Was passiert da? Was ist überhaupt ein Bild?

Das Bild ist erst einmal ein zweidimensionales Abbild und rührt vom Abgebildeten her. Da steht auf dem Schrank das Bild von meiner Oma Klara. Oma war aus Fleisch und Blut, dreidimensional, konnte sich bewegen und hatte auch Kinder. Anders das Bild der Oma. Auf einem mehr oder weniger zweidimensionalen Träger, der nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Fotopapier ist, sind Farbpigmente aufgetragen. Doch Oma und das Bild von ihr müssen etwas gemeinsam haben, sonst würde ich nie sagen „Das ist das Bild meiner Oma Klara.“ Bei aller ontologischen Differenz, denn ein Lebewesen ist etwas anderes, als ein Blatt Papier, haben beide das Schema gemeinsam. Das Bild beschreibt eine Relation: Das Abgebildete ist Ursprung, Ursache des Bildes. Das Bild bietet die Form des Abgebildeten, obwohl sie zwei völlig unterschiedliche Dinge sind, so dass man sagen muss: Der Unterschied zwischen Abgebildeten und Bild ist größer als die Gemeinsamkeit.

Sehe ich das Schema, die Form oder Konturen meiner Oma, dann passiert etwas in mir: Ich erinnere mich an Klara und sie ist in meinem Geist gegenwärtig. Das Bild präsentiert das Abgebildete und funktioniert wie eine Bombe; es ist „Erin­nerungs­zündstoff“ und knallt in unserem Bewusstsein – ob wir es wollen oder nicht. Diese mentale Präsens des Abgebildeten können wir kaum steuern. „Diese Bilder werde ich nicht los, sie verfolgen mich“, sagen wir dann. „Was das Wort dem Ohr, ist das Bild dem Auge.“ Nur haben die Bilder einen intensiveren, kräftigeren Zugriff auf unser Bewusstsein, weil wir Menschen „Augentiere“ sind, sie uns stärker emotionalisieren als Wort und Bilder direkt in die Seele durchmarschieren.

Nun gibt es noch wahre und falsche Bilder. Auf Griechisch heißt das wahre Bild „eikon“ und so kommt Veronika zu ihrem Namen: vera icona – wahres Bild. Auf dem Weg zur Kreuzigung hielt Veronika dem geschundenen Christus ein Tuch hin, und zum Dank hinterließ er sein Antlitz im Tuch. Das Schweißtuch der Veronika bietet ein wahres Bild Christi, ein „nicht von Menschenhand gemachtes“.

Das falsche Bild heißt auf Griechisch „eidolon“ und wir verwenden dieses Wort als „Idol“. Wenn jemand einem Idol hinterherläuft, dann verwechselt dieser etwas und lebt nicht mehr sich selbst, er lebt falsch. Ein Idol ist wie Falschgeld, welches wie Geld aussieht, aber nicht echt, sondern eine Lüge ist.

Welche Bilder muten wir uns zu?

Bettina schaut sich gerade Bilder ihrer beiden Enkelkinder an und lacht.

Bildung

Vor einem Jahr sprach ich über Erziehung und möchte daran anknüpfen. Erziehung soll den jungen Menschen in eine freundliche Welt einführen und in ihm Vertrauen wecken; sie soll ihn fähig machen, sich von der Auslieferung an den Reis des Augenblicks zu befreien, fähig, wirklich zu tun, was er will. Der junge Mensch soll lernen, sein Leben zu führen, statt gelebt zu werden und seine Möglichkeiten ins Spiel zu bringen.

Die Aufgabe der Bildung dreht sich wiederum um Wirklichkeit, um die Welt, so wie sie ist. Bildung versetzt Menschen in die Lage, Wirklichkeit wahrzunehmen und zu differenzieren. Das klingt schrecklich abstrakt, ist aber schrecklich selbstverständlich und fast eine Binsenweisheit. Ein gebildeter Mensch realisiert, dass außer ihm noch ganz viel anderes in der Welt gibt. Der Dumme lässt alles nur um sich selbst kreisen, sitzt permanent im Heimkino und bezieht alles auf sich; er kann einfach nicht von sich absehen. Das macht den Umgang mit ihm auch so ätzend. Wenn jemand von Zahnschmerzen erzählt, wird der Dumme sagen: Ja, das ging mir auch schon so und sogar noch viel schlimmer. Der Gebildete kann schweigen und zuhören, weil er zur Kenntnis genommen hat, dass außer ihm noch etwas anderes in der Welt ist, dieses andere seinen eigenen Wert hat und dass es sich lohnt, dieses kennenzulernen. Die Welt muss nicht mehr um ihn und seine Befindlichkeit tanzen, er kann sich – ganz unbefangen – für sie interessieren.

„Bildung nennen wir die Herausführung des Menschen aus der animalischen Befangenheit in sich selbst, die Objektivierung und Differenzierung seiner Interessen und damit die Steigerung zu Freude und Schmerz.“ Robert Spaemann, Moralische Grundbegriffe, München 2004, S. 38.

Eine gute Bildung hilft dem Menschen, seine Wahrnehmungen und Interessen zu differenzieren. In der Menge von Bauwerken kann er zwischen Häusern und Brücken, zwischen gut und schlecht gebauten Brücken unterscheiden und den Baustil erkennen. Um diese Differenzen wahrnehmen und das Urteilsvermögen schärfen zu können, gehen Menschen zur Schule; da will einiges gelernt und entdeckt werden, da geht es um Fakten und Einsichten, dem der Dumme nicht folgen kann, weil er immer fragen wird: Was kann ich damit machen? Bildung erschließt uns die Freude an der Wirklichkeit, am Detail und am feinen Unterschied, von dem man erst mal nichts hat – außer der Freude. Der Gebildete freut sich über eine gut gebaute Brücke, wird sich allerdings über Pfusch ärgern als jemand, der davon keine Ahnung hat.

Bildung hat es also mit Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, so wie sie ist, und auch ohne mich ist, zu tun. Menschen entwickeln Interessen, nehmen Welt und ihren Wertgehalt auf und differenzieren, das heißt, entwickeln Urteilsvermögen. Auf diesem Wege werden Fakten gelernt und verstanden, Einsichten gewonnen und Entdeckungen gemacht.

Bildung ist Selbsttätigkeit, in ihr sind Menschen äußerst aktiv und frei. Dass in der Bildung Kulturgüter vermittelt und Wissensbestände aufgenommen werden, ist selbstverständlich, aber nicht des Pudels Kern. Durch Bildung werden Menschen zu Menschen: sie nehmen Wirklichkeit auf und gestalten sich selbst.

Wie gelingt das? Im Wort – Menschen können miteinander sprechen. Im Gespräch mit Kindern und Eltern, mit Freunden und Fremden bilden wir uns. Zumindest sagt meine Beobachtung: Gibt es in einer Familie keine Gesprächsthemen außer das werte Wohlbefinden, dann verkümmern in den jungen Menschen Möglichkeiten, weil sie es sehr schwer haben werden, sich für irgendetwas – außer dem werten Wohlbefinden – zu Interessieren.

Ps. In der Karwoche werde ich ein Seminar zum Johannesevangelium und am Karfreitag zu Pasolinis Film „Das erste Evangelium nach Matthäus“ im St. Jakobushaus haben.

http://www.jakobushaus.de/veranstaltungen/veranstaltungen-chronologisch/das-johannesevangelium-830.html

 

Billigkeit

Hören wir das Wort „billig“, denken wir wohl zuerst an einen billigen Einkauf  und stellen dann wahrscheinlich fest: „Dieser Schuh war zu billig“. In dieser gängigen Bedeutung heißt „billig“, dass ich zu wenig Geld für den Schuh ausgegeben habe und wohl besser den preiswerten genommen hätte.

Auf der anderen Seiten haben wir auch die Ausdrücke „jemandem etwas zubilligen“ und „Diese Entscheidung billige ich.“ Hier hat „billigen“ die Bedeutung von „zustimmen“ und „gutheißen“.

Billigkeit ist ein Rechtsprinzip und heißt auf Griechisch „epieíkeia“ und im Lateinischen „aequitas“. Was soll dieses Rechtsprinzip und warum brauchen wir es?

Gesetze sprechen allgemein und sollen für alle möglichen Fälle oder Situationen gelten. Der Gesetzgeber wird vielleicht von einer konkreten Situation angeregt, einen Regelungsbedarf zu erkennen. Singulär soll so eine Lösung allerdings nicht bleiben, und darum wird sie als Regelung in Gesetzesform gegossen. Wie gesagt, spricht das Gesetz allgemein und kann nicht den konkreten Fall in den Blick nehmen.

An dieser Stelle kommt die Billigkeit zum Zug, denn sie wendet das allgemeine Gesetz auf eine konkrete Situation an. Dabei korrigiert sie das gesetzlich Gerechte, indem sie nicht auf den Buchstaben, sondern auf die Absicht des Gesetzgebers achtet. Die Billigkeit schließt Lücken. Gesetze sind wie Zaunslatten, sagte mein Lehrer Joachim Wanke, und jede neue Zaunslatte schafft eine neue Lücke. Hält man sich buchstabengetreu an das Gesetz, kann man zum Legalisten verkommen und ungerecht entscheiden, obwohl man formal juristisch korrekt bleibt. Davor bewahrt die Billigkeit. Sie schließt die Lücken zwischen den Zaunslatten, um bei diesem Bild zu bleiben, indem sie die Intention des Gesetzgebers nicht vergisst und der konkreten Situation mit ihren Beteiligten Aufmerksamkeit schenkt. Mit der Tendenz unnötige Härten des Gesetzes zu vermeiden, wehrt sie sich dagegen, das Gesetz kleinlich auszulegen oder gnadenlos anzuwenden, und mildert die Billigkeit das Strafmaß.

Billigkeit – so unsere europäische Tradition – ist eine Art von Gerechtigkeit, und man könnte sie auch „das situationsgerechte Urteil“ nennen. Ob sie nun das bessere Recht als das Gesetz ist, darüber kann man streiten. Meines Erachtens bedarf das eine des anderen, denn die Gesetze liefern eine Maßgabe und die Billigkeit wendet diese an, um der Situation gerecht zu werden.

Vielleicht kommt unsere landläufige Bedeutung von „billig“ daher, dass die Billigkeit die Tendenz hat, eine Strafe abzumildern und das Strafmaß herabzusetzen.

Bliss Point

Bliss-Point, auf Deutsch „Sättigungspunkt“, kommt aus der Ökonomie und bezeichnet den optimalen Zustand einer Aktion, also den Grenznutzen. Was heißt hier optimaler Nutzen? Das ist der Punkt, an dem das Bedürfnis befriedigt wird, an dem wir satt sind. Normalerweise denken wir ja „Viel hilft viel“ – schnelleres Internet, mehr Anwendermöglichkeiten, größere Speichkapazitäten, mehr Zugriffe auf die Homepage sind immer besser. So preisen sich zum Beispiel die Medien des digitalen Zeitalters an. Das mag ja richtig sein. Aber bisweilen widerspricht dem Mehr schon eine fatale Erfahrung: Wenn ich zum Beispiel zu viel von dem leckeren Gänsebraten esse, dann habe ich drei Stunden später nicht nur einen Stein im Magen liegen, sondern auch noch heftige Schmerzen.

Ökonomisch betrachtet fasst dieses Phänomen der Bliss-Point in ein Modell. Stellen Sie sich bitte ein Diagramm vor: Auf der Horizontalen steht ‚Nutzenzuwachs‘ und auf der ‚Horizontalen‘ Gütereinsatz. Nicht wie erwartet entsteht im Diagramm eine Linie von 45 Grad, sondern eine Kurve, welche ansteigt, einen Höhepunkt erreicht und dann – bei weiter steigendem Gütereinsatz – wieder abfällt. Der Gütereinsatz bringt anfangs einen Anstieg des Nutzens, bis ein Höhepunkt (der Bliss-Point) erreicht wird. Dann minimiert jedoch jedes weitere Gut den Nutzen. Als bekennender Raucher kenne ich dieses Phänomen: Die Zigarre mundet wunderbar und ich möchte gleich das Genusserlebnis mit einer weiteren Zigarre wiederholen. Doch das klappt nicht, denn die nächste Zigarre schmeckt fade. Der optimale Genuss stellt sich dann ein, wenn ich ‚die Schlagzahl‘ der Zigarren verringere und nur eine im Monat rauche. Die Ökonomie sagt dazu: Der Grenznutzen beschreibt den Nutzenzuwachs. Hermann Heinrich Gossen (1810–1858), ein Mathematiker, beschrieb dieses Phänomen mit der Formel ‚Erstes Gossensche Gesetz‘.

Wenn also der Grenznutzen den Nutzenzuwachs markiert und nicht ein Mehr an Gütern, dann drängt sich die Frage auf: Ist „je mehr, desto besser“ sinnvoll? Mehr Geld für die Bildungseinrichtungen und die Leute werden klüger und kompetenter? Das soll kein Kulturpessimismus werden und auch keine Abrechnung mit der sozialen Marktwirtschaft. Auf eine grundlegende – philosophische und theologische – Frage, die wir gar nicht oder nur ganz selten stellen, intendiere ich mit diesem Gedanken:

Was sättigt die Seele eines Menschen? Wo liegt unser Bliss-Point?

Dabei habe ich ein Bild vor Augen. Mein sieben Monate alter Enkel Ilyas ist noch ein ‚Milchmastlamm‘, weil ihn seine Mutter stillt. Wenn er Hunger hat, dann quengelt er nicht nur, er macht richtig Krawall, bis er ‚gestillt‘ wird. Danach lässt er gesättigt alle Viere baumeln und auch sein Gesicht schaut entspannt aus. Analogie: Bisweilen habe ich den Eindruck, dass meine Seele auch so ein ‚Milchmastlamm‘ ist und quengelt. Nur ist der seelische Bliss-Point weder mit Milch, Zigarren und ähnlichen Gütern zu erreichen (oder nur scheinbar, wenn ich mir was vormache.)

Was sättigt die Seele eines Menschen? „Die Schau des Schönen selbst“, bietet Platon im Symposion an. „Die Schau der Wahrheit“, sagt Aristoteles in der Nikomachischen Ethik. „Du hast uns auf Dich hin geschaffen, und unruhig ist das Herz in mir, bis es Ruhe findet in Dir“, bekennt Augustinus in den Confessiones. Was ist denn groß genug, um die Seele überhaupt (nachhaltig und nicht nur für einen Kick) ausfüllen zu können?

böse

Im September sagte ich einige Worte zu „gut“ und möchte heute mit diesem Gedankengang zum anderen Ende, zu „böse“, kommen.

Auch das Wort „böse“ benutzen wir bisweilen ohne moralische Hintergedanken. Vom „bösem Fuß“ sprechen wir, weil er schmerzt und Sorgen bereitet. Da ist etwas schlimm, unheilvoll und bereitet ein Übel, weil es schädigt und Ärger verursacht. Etwas ist nicht in Ordnung, hat nicht das richtige Maß oder etwas fehlt.

Auf der moralischen Ebene tritt „böse“ mit dem Wollen, mit dem Willen zutage. Ein böser Wille hat nicht nur seinen blinden Fleck, er ist gänzlich ohne Aufmerksamkeit und will sogar nicht wissen, was er tut. Hier geht es nicht um ein Vergessen oder ein unbewusstes Verdrängen; hier geht es um ein absichtliches Nicht-Hinsehen-Wollen, Nicht-Wahr-Haben-Wollen. Ein „böser“ Wille will nur sich selbst und sonst nichts. Das Ego steht unverrückbar im Mittelpunkt und alles andere kreist um dieses Gravitationszentrum; das Ego verleiht erst allem anderen – Situationen, Menschen, Dingen – Sinn und Würde. Diese Einstellung führt schließlich zur Empörung, dass alles nicht so ist, wie es sein soll; dass die Welt schlecht ist.
Zwei Elemente fallen am „bösen Willen“ auf. Erstens stellt er die Dinge nicht an den richtigen Platz, wertet sie unangemessen, irrt sich in ihrer wahren Bedeutung und bringt sie durcheinander. Ob dem ein Wahrnehmungs- oder Bewertungsdefizit zugrunde liegt, sei dahingestellt. Zweitens sieht und wertet der „böse Wille“ die bunte und vielfältige Wirklichkeit eindimensional; zum Beispiel reduziert er Dinge nur auf ihren Geldwert. Diese Person wird einseitig, und das kann nicht gut ausgehen, weil Irrtum die Dinge auf den falschen Platz setzt und die Ordnung zerstört. Im Ergebnis gefährdet ein „böser Wille“ Leben und zerstört es vielleicht, denn er „lebt gegen die Natur“, wie es die Stoiker sagten.
Der „böse Wille“ schädigt nicht nur die Welt, in der er sich bewegt, sondern korrumpiert und verletzt sich selbst. Seine Einstellung und Haltung wird deformiert. Insbesondere die Einseitigkeit verformt den Charakter dieser Person, die Einseitigkeit wird ihr zur Last. Meine Empfehlung: „böse“ ist das, was Leben behindert, zerstört und vernichtet. Auch wenn das abstrakt ist, haben Sie ein Kriterium.

Der moderne Midas

Die Geschichte von König Midas ist jedem wohlbekannt, der mit Hawthornes Tanglewood Tales groß geworden ist. Wegen seiner außergewöhnlichen Vorliebe für Gold gewährte ein Gott diesem ehrenwerten König das Vorrecht, dass alles, was er berührte, sich in Gold verwandelte. Anfangs war er entzückt; als er jedoch erleben musste, dass die Speisen in seinem Munde zu massivem Metall wurden, begann die Sache ihn zu beunruhigen; und als dann noch seine Tochter, der er einen Kuss gab, zur leblosen Goldsäule erstarrte, entsetzte er sich und bat den Gott, die Gabe wieder von ihm zu nehmen. Seither wusste er, dass Gold nicht das einzig Wertvolle ist.
(Bertrand Russell, Lob des Müßiggangs, Nobelpreis 1950, S. 123.)
Über den Stellenwert des Geldes geht manch einer einem Irrtum auf dem Leim. In erster Linie gehe es um Geldvermehrung. Darum würden wir arbeiten, wirtschaften und uns mühen. Bei Oswald von Nell-Breuning, dem alten Jesuiten und Erfinder des „Subsidiaritätsprinzips“, habe ich eine andere Wertschätzung des Geldes gefunden. In erster Linie arbeiten wir, um die Produkte und Dienstleistungen herzustellen, die wir zum Leben benötigen; darüber hinaus benötigen Menschen sinnvolle Tätigkeitsfelder, eben Arbeit. Erst an zweiter Stelle steht das liebe Geld. Als knappes Gut ist Geld ein Hygienefaktor und evaluiert Prozesse; als Gewinn versetzt es Unternehmen in die Lage zu investieren. Geld ist gut, es ist ein Gut, und wir benötigen es, um die Wohnung, Bücher und so weiter und so fort mieten oder erwerben zu können. Übrigens wollte noch keiner Streicheleinheiten in der Lohntüte habe, da sind uns echte Euros ganz lieb. Nur verkehrt wird es, wenn Geld den ersten Platz einnimmt; dann wird es pervers (verdreht) und diabolisch (durcheinander geworfen). Gier – avaritia – heißt dieses Laster. Geld muss einfach stimmen – im wahrsten Sinn des Wortes.

Meine Empfehlung: Lassen Sie sich nicht verrückt machen. Entzaubern Sie Geld, sonst verwandelt sich Ihr Liebstes in Gold und ist tot. Geld muss stimmen – nicht mehr und auch nicht weniger. Einen schönen Juni wünsche ich.

Der Name

Der Name eines Menschen steht für dessen Identität. Das zeigt sich schon daran, dass wir als erstes unseren Namen nennen, wenn wir uns vorstellen: „Mein Name ist Andreas Fritzsche…“ Falls wir mal nicht mit dem Namen anfangen wollen, müssen wir schon einige intellektuelle Klimmzüge machen, um einen anderen Anfang zu finden. Interessanterweise haben wir uns den Namen, der ja immerhin unsere Identität bezeichnet, nicht selbst gegeben. Der Name wurde nicht nur uns gegeben, wir mussten diesen uns sogar sagen lassen. Das, was uns kennzeichnet, wurde uns gegeben. Das ist schon ein starkes Stück und kränkt doch ziemlich die Selbstverliebtheit, denn die Namensgebung ist ein Herrschaftsakt.

„nomen est omen“
Zumindest in der griechischen Mythologie deutet der Name das Schicksal der ihn tragenden Person an. „Odysseus“ heißt „der Gehasste“, was dieser König von Ithaka auch auf seiner Odyssee leidvoll erfahren muss: Poseidon und Helios hassen ihn aus tiefsten Herzen. Übrigens gab Odysseus‘ Opa Autolykos ihm mehr oder weniger aus Spaß diesen Namen. Ein weiteres Beispiel: „Ödipus“ heißt „Schwellfuß“ und seine Eltern Laios und Iokaste zerstachen ihm als Baby die Fersen und banden beide Beine zusammen, damit er nicht fortlaufen und so ganz sicher von wilden Tieren gefressen werden konnte. Kaum einer der mythischen Heroen war so an sein Schicksal gebunden wie Ödipus. Wurde jemand in den dreißiger oder vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren und heißt Siegfried, Brunhilde oder so, kann man daran erkennen, dass die Eltern braun waren. Übrigens gibt es ab 1945 keine Kinder mehr, die Adolf heißen; bis 1945 jede Menge.

„ha schem“
Die frommen Juden scheuen sich, den Namen ihres Gottes auszusprechen, obwohl sie diesen, seit dem Moses ihn am brennenden Dornbusch zu hören bekam (Exodus 3, 14), kannten. Sie umschiffen diese Schwierigkeit mit Bezeichnungen wie „ha schem“ – der Name – oder „adonai“ – Herr. Woher diese Scheu? Wer den Namen eines Gottes kannte und ihn aussprach, hatte Zugriff auf diesen Gott und konnte durch Beschwörungen ihn gefügig machen. Auch in dem Grimmschen Märchen von Rumpelstilzchen funktioniert das so. Mit dem Aussprechen des Namens verlor Rumpelstilzchen all seine Macht.

Herrschaft
Als Gott die Tiere und den Menschen – Adam, der „Erdling“, der Mensch – geschaffen hatte, führte er die Tiere Adam vor und dieser durfte ihnen seine Namen geben (Genesis 2, 19f). Damit sagt die Bibel, dass der Mensch über die Tiere herrschen darf, weil sie nun menschliche Namen tragen. Die Namensgebung ist ein Herrschaftsakt.

Ergo: Überlegen sie bitte genau, wie sie ihr Kind oder Firma benennen wollen. Manch einer weiß nicht, was ein Aaron oder Dennis ist, und bekommt solch einen Namen verpasst, weil er einfach nur Mode war. Nur sind Moden recht flüchtig, doch der Name bleibt  – als Segen oder als Fluch?

Deutsch sprechen

Als ich ein Kind war, lernte ich in der Schule „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ und es wurde Russisch gesprochen. Vor einigen Jahren hatte ich den Eindruck „Von der englischsprachigen Welt zu lernen, heißt siegen lernen“, und es wurde Englisch (oder D-Englisch) gesprochen. Zumindest bedeutete der Verweis auf die Praxis dieser Länder, dass wir in Deutschland nicht auf der Höhe der Zeit, altbacken und irgendwie dumm sind – zumindest seien die anderen fortschrittlicher, erfolgreicher und besser. Wer seine Gedanken in Sätze einpacken konnte, die mit Anglizismen garniert (und vielleicht sogar mit Power Point präsentiert) waren, hoffte nicht ohne Grund, Eindruck zu schinden oder zu hinterlassen.

Woher dieser Hang? Verwalter des esoterischen Wissens werden auch eine esoterische Sprache benutzen, ob das nun Parteichinesisch, Kirchenlatein oder Wirtschaftsenglisch ist. Wer diese Sprache benutzt, dokumentiert, dass er „eingeweiht“ ist und damit alles andere auch kennt. Vom großen Kreis der Dummen hebt er sich ab und weiß, wie die Realität wirklich funktioniert. Er zeigt, dass er dazu gehört. Das scheint ja auch zu funktionieren, denn viele Menschen lauschen ehrfurchtsvoll diesen Äußerungen und wollen auch so sprechen können. Aber Achtung: Wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ könnte ein Kind genau hinschauen und rufen „Der Kaiser hat ja gar nichts an.“ Dann kommt es heraus: Hinter der Phrasen-Dreschmaschine steht rein nichts.

Meine Empfehlung: Sinn und Zweck der Sprache ist Verständigung. Sprechen Sie so, dass Sie verstanden werden können. Sprechen Sie die Sprache Ihrer Zuhörer, Ihrer Gesprächspartner – und das ist in der Regel die gepflegte Umgangssprache. Sicherlich hat da jeder seine Macken, seinen eignen Stil; das ist ja auch gut so und macht sympathisch, wenn es passt. Wie gesagt, sprechen wir, um uns mitzuteilen und zu verstehen. Im Deutschen haben wir sogar ein Sprachbild dafür – „eine gemeinsame Sprache sprechen“.

Seitdem in den USA eine Blase platzte, hat sich etwas geändert. Die Anglizismen sind auf dem Rückmarsch und Sie können Worte wie „der ehrbare Kaufmann“ oder „familiengeführtes Unternehmen“ wieder hören bzw. lesen. Wenn Sie deutsch sprechen, liegen Sie sogar im Trend.

Dialog

Bei Philosophie denken wohl die meisten an dicke Bücher oder Vorträge. Platon, und ihm schließe ich mich an, war da anderer Meinung. Er schrieb Dialoge und nicht Abhandlungen mit Kapiteln und Paragraphen. Warum? Bücher sind Monologe und diese neigen zu einer einseitigen Darstellung. Dabei werden Aspekte oder Perspektiven, die nicht zur monologisierten Darlegung passen, ausgeblendet oder ignoriert. So bleibt die Wahrheit auf der Strecke. Darüber hinaus sei die Schriftform problematisch. Ein Gedanke werde in tote Buchstaben gesteckt und verdorre darin. Außerdem kann man ein geschriebenes Wort nicht befragen, wenn man es nicht versteht. Eine kleine Ironie gibt es aber auch bei Platon. Seine Gedanken kennen wir nur, weil er sie aufschrieb und in toten Buchstaben beerdigte. Auch Sokrates, der Wortführer in Platons Dialogen, monologisiert gewaltig, obwohl er genau das anderen – wie Protagoras – vorwirft und verbietet.

Trotzdem trifft Platon meines Erachtens ins Schwarze. Einsichten, Erkenntnisse kommen uns eher im Gespräch als beim Lesen einer Abhandlung. Ich glaube, das hat schon jeder von uns erlebt. Da sitzen wir im Pons, trinken ein Glas Wein und unterhalten uns, oder wir wandern im Harz und führen ein Gespräch. Mitten im Gespräch geht einem ein Licht auf und erfährt das als unbeschreibliches Glück. Wahrscheinlich klappt das nur dann, wenn jemand mit einer Frage schwanger geht, und die Gesprächspartner unwissentlich wie Hebammen agieren, weil sie zuhören und nachfragen. Ob man das methodisch organisieren kann, weiß ich nicht. Plötzlich wird etwas klar. Freilich verlangt das einiges von den Gesprächspartnern ab – nämlich intellektuelle Demut und Disziplin. Aus dem Heimkino, aus der Welt der liebgewonnenen Themen und Meinungen, müssen sie heraustreten und zuhören können. Ganz Ohr sein. Dann können sie auch einen anderen Gedanken nach-denken und den Faden weiterspinnen.
Dialog. Nimm man dieses griechische Wort auseinander, dann findet man „dia“, das heißt „durch“ oder „zwischen“, und „logos“ – Wort, Rede. Dialog ist als ein „Wort dazwischen“ oder eine „Unterredung“ – ein Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen.
Dieses gesprochene Wort hat den Vorteil, dass erstens eine Person dafür steht, es also ein Gesicht hat. Das Wort bleibt im Sprechen lebendig, beseelt und persönlich. Zweitens richtet sich das gesprochene Wort an Personen, an Zuhörer, an Gesprächspartnern. Bei ihnen kann es in die Tiefe gehen, die Seele erreichen oder wie man das nennen mag. Drittens kann die Person befragt werden, wenn man das gesprochene Wort nicht verstanden hat, und die Bitte geäußert werden: Erkläre mir das noch ein Mal. Versuche es noch einmal mit anderen Worten.

Der Dialog inspiriert, und bisweilen fliegt uns im guten Gespräch etwas entgegen:
Mitten im Gespräch taucht plötzlich die Wahrheit auf wie aus einem Feuerfunken das angezündete Licht, und bricht sich dann selbst weiter seine Bahn.“ Platon, 7. Brief 341 cd

Ebenen der Wirtschaftsethik

In den vergangenen Jahren erlebten wir eine Entgrenzung von Raum und Zeit. Rund um den Globus kann zum Beispiel an einem Projekt pausenlos weitergearbeitet werden. Komponenten eines Produkts wurden möglicherweise in einem chinesischen Umerziehungslager oder von Kindern aus Pakistan hergestellt. Diese Unübersichtlichkeit verwirrt und lässt vielleicht resignieren. Vielleicht können an dieser Stelle die vier Ebenen der Ethik Klarheit bringen:

  1. Mikroebene: die Moralität der Person
  2. Mesoebene: die Unternehmenskultur
  3. Makroebene: die Volkswirtschaft und Sozialehtik
  4. Globale Ebene: der Ethos der Menschheit

Bisweilen werden die einzelnen Ebenen gegeneinander ausgespielt als habe die Moralität einer Person nichts mit der Sozialethik zu tun. Dabei gebe ich zu bedenken, dass Organisationen immer von Personen vertreten werden und ihr Image erhalten. Wie eine Person ist, so vermuten wir in der Regel, so ist es um das Unternehmen oder den Staat bestellt. Nahezu jeden Monat lassen sich dafür neue Beispiele zeigen. Unternehmens- und Sozialethik haben eine große Schnittmenge mit der Moralität der handelnden Person, und darum ist die Individualethik keine reine Privatsache (zumindest nicht bei den Machtbesitzern).