Aporie

In der Philosophie tauchen Wörter auf, die wir umgangssprachlich nicht benutzen. Dazu gehört auch „Aporie“. Häufig versteht sich so ein Wort von seiner Herkunft her.
Das griechische Wort „poros“ heißt Durchgang, Furt, Weg. Stellen Sie sich einfach einen Kaufmann vor, der mit seinem Wagen voller Seide unterwegs ist und einen Markt erreichen will, um seine Ware zu verkaufen. Da versperrt ihm ein Fluss den Weg und er kommt nicht weiter. Mit voller Aufmerksamkeit sucht er eine Furt, um auf die andere Seite des Flusses zu kommen. Es gelingt ihm nicht, einen Weg zu finden, obwohl er intensiv sucht und sich dabei alle Mühe gibt. Er bleibt stecken, weil er sich in einer Ausweglosigkeit – in einer Aporie – befindet und kann den widrigen Fluss nicht überqueren. Das griechische Wort „aporía“ heißt Unwegsamkeit, Ratlosigkeit, Verlegenheit, Not, Schwierigkeit und Unmöglichkeit. Wenn man es wörtlich nimmt, „ohne Furt“, „ohne Weg“ sein.

Auch beim Nachdenken oder im Gespräch kommen wir bisweilen in solch eine Situation. Eine Frage stellen wir uns und kommen ganz munter voran. Doch auf einmal taucht eine Schwierigkeit auf, die uns den Weg zur Lösung versperrt, und wir bleiben zum Beispiel im Pro und Contra stecken: Ist der Mensch frei? Hier lassen sich gleich viele Argumente für die These, dass der Mensch frei sei, wie für die Gegenthese, dass der Mensch nicht frei sei, anführen. Zumindest kommt Immanuel Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft hier nicht weiter.

Wie können wir mit solchen Aporien bzw. aporetischen Situationen umgehen? Eine Möglichkeit geht immer: Wir halten uns an das, was gegenwärtig gilt, an die öffentliche Meinung oder an den Mainstream. Der Vorteil dabei ist, dass das, was gegenwärtig gilt, nicht begründungspflichtig ist und wir nirgendwo anecken. Allerdings hat die öffentliche Meinung auch Nachteile: Sie liegt nicht immer richtig und ändert sich manchmal rasant schnell. Die Achtundsechziger, um bei unserem Beispiel zu bleiben, gingen von einer nahezu grenzenlosen menschlichen Freiheit aus. Gegenwärtig wird der Mensch als genoptimierende Biomaschine verstanden, welcher die Illusion menschlicher Freiheit Selektionsvorteile bringt.
Meines Erachtens hilft erstmal nur, die Aporie demütig anzuerkennen und stehen zu lassen. Auch der Kaufmann mit seinem Wagen voller Seide kommt nicht über den Fluss, wenn ständig ruft „Ich will aber“. Vielleicht braucht die Lösung Zeit und irgendwann wachsen wir in die Antwort hinein.

Eine andere und sympathische Variante der Aporie gibt es am Ende der Dialoge Platons. Nahezu alle Dialoge enden aporetisch, das heißt, ohne Ergebnis. Am Ende des Symposions schläft der Berichterstatter erschöpft ein, und so erfahren wir nicht die Lösung der Frage „Was ist der Eros?“ Warum macht das Platon so? Ist er zu faul, zuende zu denken? Meines Erachtens gibt es keine abschließende und immer gültige Antwort auf die Frage, was Liebe ist. Jede Generation oder jeder Mensch darf sich um eine Antwort auf so eine Frage mühen.

Bisweilen sind Aporien nötig, damit wir uns nicht mit Vorgekautem zufrieden geben.

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