Aufklärung

Bei aller Aktivität vergessen wir schnell, woher wir kommen und wohin wir gehen wollen. Ebenso schnell vergessen wir, wer wir sind und was uns wirklich wichtig ist. Darum erlaube ich mir das Thema aufzugreifen, dass ein syrischer Student im Sommersemester wählte: Er hielt ein Referat über Vernunft und die Hausarbeit schrieb er über Aufklärung, weil wir im Seminar „Management und Philosophie“ eine Sitzung dem Buch von Reinhard K. Sprenger, Das anständige Unternehmen, München 2015, und dem Aufsatz von Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? Königsberg 1784, widmeten. Wenn uns Aufklärung wirklich wichtig ist, dann lohnt es sich, Kant zu Wort kommen zu lassen, denn besser kann man es nicht formulieren:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außerdem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. …

Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“

Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Darmstadt 1983, S. 53 – 61, A 481 – 494.

Aufklärung bedeutet also nicht in erster Linie, sich von fremden Autoritäten, Repressalien oder äußeren Zwängen zu befreien. Aufklärung ist der Anspruch an eine Person, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und als mündiger, erwachsener Mensch diese Erde zu belasten. Unmündigkeit ist selbstverschuldet und artikuliert sich in der Opferrhetorik.

Ein Mensch, der für die Autorenschaft seines Lebens zeichnet, unterzieht sich den Mühen, die Kriterien seiner Entscheidungen, seine Wertrangordnung und seinen Handlungsspielraum zu kennen. Freilich erfordert dieser Anspruch an sich selbst Energie und so jemand riskiert Scheitern, Ablehnung und Irrtum. Doch immerhin darf jeder Mensch an die Wahlurne gehen, den Urlaub selbständig auswählen und sogar Kinder erziehen.

Was hindert also, auch die Verantwortung für das eigene Leben zu tragen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.