Auge

Beim Wort Auge denken wir zuerst an das Organ der visuellen Wahrnehmung. Es gehört zu den fünf Vermögen der sinnlichen Wahrnehmung und ermöglicht uns neben dem Tasten, Schmecken, Riechen und Hören eben das Sehen. Die Augen nehmen visuelle Reize auf und geben das dem Intellekt weiter, was sie vom gesehenen Gegenstand aufgenommen haben. Ob dann – zum Beispiel – der gesehene Baum tatsächlich so ist, wie das Auge ihn sieht, ist eine andere Sache. Die sinnlichen Reize teilen die Augen mit, nicht mehr und nicht weniger.
Nun können die Augen auch erkranken. Dann muss eine Augenärztin aufgesucht werden, die zum Beispiel eine Bindehautentzündung diagnostiziert und kurieren kann. Wenn die Augen-krankheit behoben ist, steht das Sehvermögen wieder vollständig zur Verfügung. Bei man-chen macht sich allerdings eine Augenkrankheit wie zum Beispiel der grüne Star so breit, dass das Sehvermögen teilweise oder ganz verloren geht. Das Auge als leiblichen Organ muss also gesund sein, damit wir visuell wahrnehmen können.
Damit die Augen etwas sehen können, benötigen sie neben der Gesundheit und dem Gegen-stand noch ein Drittes: Licht. Im Dunkeln können wir zwar tasten, schmecken, riechen und hören, aber wir sehen nichts, selbst wenn die Augen gesund sind und der Gegenstand da ist. Licht benötigt die visuelle Wahrnehmung.
Nicht nur mit den leiblichen Augen sehen wir. Erinnern wir uns an etwas, dann kann das Erinnerte uns vor dem „inneren Auge“ stehen und wir sehen es. Auch wenn wir ein Buch lesen, können wir etwas sehen. Die Phantasie oder Vorstellungskraft stellt uns Bilder zur Verfügung. Selbst in einem Buch über Quantengravitation kann man lesen: „Die Physik ent-steht vor seinem geistigen Auge, und mit seinem Vorstellungsvermögen erschafft er (Fara-day) neue Welten … Er ‚sieht‘ etwas Neues.“
Eine Metapher knüpft hier an. Sprachlich heißt „wissen“ so viel wie „ich habe gesehen“. Darum benutzen wir umgangssprachlich die visuelle Wahrnehmung als Metapher für den intellektuellen Erkenntnisvorgang. Einsehen, was ein Baum ist, heißt soviel wie, ich weiß, was ein Baum ist. Dann sehe ich einen Baum vor meinem „inneren Auge“.

Nun wird es allerdings schwierig. Die Organe der sinnlichen Wahrnehmung sind mit dem Leib verbunden, und wir können sie ausmachen: Haut, Zunge, Nase, Ohren und Augen. Ist das „innere Auge“ ein Organ? Wo können wir es lokalisieren? Vom „Auge des Herzens“ und auch vom „Auge der Seele“ wird gesprochen. Dass es sich dabei nicht um ein leibliches Or-gan handelt, ist klar. Können wir mit dem Herzen und der Seele sehen? Welches Licht benö-tigt das innere Auge? Kann auch das „innere Auge“ erkranken oder gar erblinden? Was ist damit gemeint? Vielleicht bieten sich zwei Lösungen an.
a. Metaphorisch sprechen wir so von mentalen Phänomen und beschreiben Tätigkeiten wie Erinnern, Vorstellen, Denken und Erkennen. Tatsächlich gibt es ein inneres Auge nicht, auch wenn wir Bilder sehen.
b. Das innere Auge existiert wirklich, und wir stellen es uns in Analogie zum leiblichen Auge vor, weil wir es nicht anders beschreiben können. Auch wenn wir kein Organ wie den Augapfel feststellen können, nehmen wir ein geistiges Auge an, welches er-kranken und sogar erblinden, aber auch genesen und scharf sehen kann.

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