Authentisch

Gestritten wird, ob die Führungskraft wahrhaftig sein müsse oder nicht, ob sie lügen dürfe oder nicht, ob Verstellung angebracht sei oder nicht. Nicht nur Niccolo Machiavelli, sondern auch eine Reihe von Beratern empfehlen eine Inszenierungstechnik wie im Theater: Der Job verlange, dass die Führungskraft perfekt die jeweilige Rolle spiele, die ihr der Regisseur im Drehbuch vorschreibt. Mal müsse sie den knallharten Sanierer, den Händchenhalter oder den sozial verantwortlichen Teamleader spielen; auf Rollenpassung, überzeugenden Auftritt und auf die Wirkung beim Publikum komme es an – also auf den Schein und nicht auf das Sein. Falls es mal Schwierigkeiten mit dem Sein der Führungskraft, mit ihrem Personenkern oder Gewissen gibt, könne sie ja in der Freizeit für Ausgleich sorgen. Typisch sei der knallharte Sanierer, der sich sozial stark engagiert – und sein Gewissen beruhigt. Topmanager würden  ihre Emotionen im Job ausblenden und sie ganz gezielt an anderer Stelle ausleben.

Die Alten kannten die Tugend „virtus veritatis“, die zum Umfeld der Gerechtigkeit gehört. Was ist damit gemeint, einfach nur Wahrhaftigkeit? Die Anderen haben ein Recht darauf zu wissen, woran sie mit mir sind. Das schulden wir einander. Die Führungskraft ist demzufolge gut beraten, in den verschiedenen Aktionen auch die Persönlichkeit durchscheinen zu lassen. Die Anderen, die Untergebenen, erspüren sowieso, was das für einer ist, und ob jemand nur spielt oder es ernst meint. Da darf man die Anderen niemals für dümmer halten, als man selber ist. Freilich liegt ein gewisses Risiko in der Authentizität: Fehler, persönliche Macken und Schwächen können zutage treten. Aber die bekommen die Anderen sowieso raus. Die Frucht der Authentizität ist Vertrauen, und Vertrauen senkt die Transaktionskosten. So gewinnt die Führungskraft die Kreativität, volle Leistungs- und Leidensbereitschaft der Mitarbeiter und auch die Kundschaft. Der Authentische erhält obendrein noch einen Lohn: Er kann im Einklang mit sich selbst leben.

Eine Bemerkung sei noch gestattet: Manch einer meint, er sei ganz authentisch, wenn er seinen Emotionen freien Lauf lässt. Zum Beispiel wenn er zornig ist, dann macht er eben seinem Zorn in Beleidigungen oder Grobheiten Luft. Wegen der Verletzungen zur Rede gestellt, sagt dann jener, er sei eben authentisch und mache aus seinem Herzen keine Mördergrube. Freilich offenbart er – ganz authentisch – seine Unbeherrschtheit und seinen ungehobelten Charakter, nur ist Authentizität nicht die Einladung zum unflätigen Benehmen. Selbstbeherrschung, verstanden als vernünftige Ordnung der Stimmungen und Gefühle, könnte ja auch zu seinem Charakter gehören und „ganz authentisch“ zutage treten.

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