Gelassenheit

Das Wort „Gelassenheit“ kommt aus der deutschen Mystik und lässt sich sowohl bei Meister Eckhard als auch bei Johannes Tauler finden:
„Das Pferd macht den Mist in dem Stall, und obgleich der Mist Unsauberkeit und üblen Geruch an sich hat, so zieht doch dasselbe Pferd denselben Mist mit großer Mühe auf das Feld; und daraus wächst der edle schöne Weizen und der edle süße Wein, der niemals so wüchse, wäre der Mist nicht da. Nun, dein Mist, das sind deine eigenen Mängel, die du nicht beseitigen, nicht überwinden noch ablegen kannst, die trage mit Mühe und Fleiß auf den Acker des liebreichen Willen Gottes in rechter Gelas senheit deiner selbst. Streue deinen Mist auf dieses edle Feld, daraus sprießt ohne allen Zweifel in demütiger Gelassenheit edle, wonnige Frucht auf“ Johannes Tauler
Der Gelassene lässt sein, er respektiert die Wirklichkeit, so wie sie ist, und sagt „ja“ zu ihr, auch wenn er sie für verbesserungswürdig hält. Der springende Punkt liegt darin: wir können erst sinnvoll handeln, wenn wir uns selbst, die Welt um uns herum und all das Material Wirklichkeit respektieren oder gar bejahen, eben akzeptieren. Wir sind ja nicht Götter, die ohne Vorlage oder Material – sozusagen „aus dem Nichts“ – etwas grundsätzlich Neues schaffen können. Die einzig sinnvolle Antwort auf diese Situation liegt in einer demütigen und bejahenden Annahme der Wirklichkeit, so wie sie ist. Ohne diese Zustimmung, ohne die Akzeptanz der Wirklichkeit landen unsere Handlungen entweder im pubertären „Ich will aber“ oder im spießbürgerlichen „Lass mich in Ruhe“.
Wie verhalten wir uns zu den Dingen, die wir nicht ändern können? Befreunden. Nur wer mit sich selbst (und mit anderen befreundet) ist, kann überhaupt sinnvoll handeln. Der Gelassene schafft es, sich selbst anzunehmen; das ist ja die Wirklichkeit, die uns am nächsten ist – wir selbst. „Nicht nur die Wirklichkeit außer uns ist, wie sie ist, auch wir selbst sind in einem gewissen Maße, wie wir sind, ohne das ändern zu können“ Robert Spaemann. Gelassenheit sagt an dieser Stelle: Der Handelnde bejaht sich selbst als sinnvolle Wirklichkeit, er kann mit sich selbst befreundet sein. Auch wenn der Handelnde sich durchaus fehlerhaft, lasterhaft oder irrend – eben als verbesserungswürdig – erachtet, liegt das Entscheidende in der Silbe im „würdig“. Das Engagement für Verbesserung ist nicht ganz sinnlos, der Einsatz lohnt sich.
Gelassenheit ist eine Tugend; ohne diese Tugend gelingt das Leben nicht. Sie bietet den Ausweg aus zwei Extremen, als Mitte zwischen diesen Extremen: Zynismus und Fanatismus. Der Gelassene weiß, dass er nicht erst „Sinn machen“ muss; er darf Sinn dankbar annehmen – einen vorgegebenen Sinn.

ein Gedanke: die Entgrenzung von Raum und Zeit

Die Entgrenzung von Raum und Zeit erleben wir gegenwärtig. Bislang wurde in der Fabrik produziert und im Bürogebäude verwaltet – in festgelegten Räumen. Bislang wurde an klar definierten Zeiten gearbeitet und dies dokumentierte der Dienstplan oder die Stechuhr. Die  Informations- und Kommunikationstechnologie des Computerzeitalters veränderten die Eingrenzung der Arbeit grundlegend. An einem Projekt kann heute rund um den Globus gleichzeitig oder pausenlos nacheinander gearbeitet werden; die Arbeit fließt kontinuierlich. Handys und UMTS-Karten im Notebook verschaffen dem Nutzer an jedem Ort Zugang zu den Datennetzen. Sie entgrenzen den Raum der Arbeit und machen diese zuhause, im Urlaub während einer Alpenwanderung oder im Auto vor dem Seminargebäude möglich. Die Tatsache, dass permanente Kommunikation möglich ist, erzeugt auch die entsprechende Erwartung, permanent und überall erreichbar zu sein, überall und jederzeit zu arbeiten: 24 Stunden am Tag, an sieben Tagen in der Woche und das an jedem Ort.

Diese Situation soll nicht beklagt werden. Darum geht es nicht. Die Konsequenzen für die persönliche Lebensführung, die Selbstorganisation und die Gestaltung des Miteinanders sollen aufgezeigt und Lösungen gefunden werden. Die neuen Kommunikationstechnologien schaffen Freiräume und Handlungsmöglichkeiten, die jedoch von uns zu gestalten sind.

  • Mit der Entgrenzung von Raum und Zeit entfallen gemeinsame Gewohnheiten und Rituale. Fast alles steht zur Disposition und Gemeinsamkeiten müssen ausgehandelt werden. Die Synchronisation zwischen Menschen erfolgt nicht mehr automatisch, sie muss erwirkt werden.
  • Die einzelne Person kann sich daher nicht auf einen gemeinsamen Rhythmus verlassen, weil arbeiten, einkaufen … überall und jederzeit möglich sind. Sie kann sich nicht einfach an gute Gewohnheiten anlehnen, sie muss sich selbst strukturieren, wenn sie ein gewisses Ziel verfolgen will.
  • Eingegrenzte Zeiten und bestimmte Orte kommunizieren gemeinsame Gewohnheiten, beschreiben für eine Gruppe von Menschen, was ihnen wichtig und was weniger wichtig ist; sie entlasten von Entscheidungen und synchronisieren. Dabei stiften sie Identität, zumindest Identifikationsmöglichkeiten.
  • Eine Vielzahl von Informationen strömt auf uns ein und hinterlässt eine irritierende Unübersichtlichkeit. Wir hätten es aber viel lieber schlicht und übersichtlich, wir wollen es einfach. Wie kann die Unübersichtlichkeit reduziert werden?
  • Angesichts grenzenloser Handlungsmöglichkeiten sind wir „zur Freiheit verdammt“. Ob wir es wollen oder nicht, wir müssen uns selber strukturieren, organisieren, verabreden und unsere Ziele definieren. Welche Orientierungsmarkierungen liegen vor? Welche Entscheidungskriterien stehen zur Verfügung? Einige empfinden diese Situation als Überforderung und erleben sich selbst gestresst. So sagte eine junge Frau: „Das ist ein riesiger Berg vor mir, und ich habe Angst davor“.

Eine Alternative gibt es: Wir verweigern uns dem Entscheidungsstress und lehnen uns bedingungslos an die Konventionen des eigenen Milieus oder der augenblicklichen Mode an; wir lassen uns leben. Der Schrei nach klar strukturierten Arbeitsabläufen wird auch immer lauter.

Insofern jenes konventionelle Leben keine echte Alternative sein soll, entsteht der Anspruch: „Ich bin der Autor meines Lebens – auch im Gelingen und Scheitern; ich bin der Täter meiner Taten.“ Dieser Anspruch mag pubertär oder existentialistisch wirken. Dem ist aber nicht so. Gerade Unternehmer wünschen sich Mitarbeiter, die ihr Leben in die Hand nehmen, Verantwortung für ihr Leben übernehmen und aufmerksam, sorgsam und ausbalanciert mit sich umgehen. Darum wird work-life-balance insbesondere bei Führungskräften als Kernkompetenz ausgezeichnet.
Diese zentrale Frage „Will ich Autor meines Lebens sein, oder lasse ich mich leben?“ zielt auf die Haltung der Verantwortlichkeit. Weil die Antwort eine grundlegende Haltung, eine Herangehensweise oder Charakterzug ist, artikuliert sie sich weniger in rationalen, bewussten Sätzen, sondern eher in der Alltagsrhetorik: „Man muss …“, „Wenn ich nur mehr Zeit hätte, …“, „Wenn ich nur einen besseren Chef hätte, …“. In dieser Hinsicht ist Sprache verräterisch. Diese Opferrhetorik gibt den Autor des Sprechens – und damit der Lebensführung – nicht zu erkennen. Konventionalismus dominiert Entscheidungen und Lebenspraxis, die Lebensführung wird aus der Hand gegeben.

Gibt es eine Alternative? Die Ethik im Fahrwasser eines Aristoteles, die eudämonistische Ethik, macht die persönliche Lebensführung zum zentralen Thema und fragt nach den Zielen des Lebens, nach Entscheidungskriterien, nach Gestaltungsmöglichkeiten und – bedingungen, nach Methoden und guten Gewohnheiten; diese Ethik stellt sich der Herausforderung, in einer differenzierten, unübersichtlichen Wirklichkeit Wege und Methoden zu finden, auf denen das Leben gelingen kann. Wie kann ich mein Leben führen, so dass es gelingt, dass es ein „gutes Leben“ wird?

Vertrauen senkt die Transaktionskosten

In der Praxis handeln immer Personen und diese benötigen in ihrem Betriebssystem Vertrauen. Warum ist das so?

  1. Wir Menschen müssen wissen können, dass es die anderen gut mit uns meinen, dass sie uns nicht belügen und betrügen. Ohne diese Handlungsgrundlage können Menschen, die ja zusammen ein Ziel erreichen wollen, nicht zielgerichtet arbeiten. Wie der Computer ein Betriebssystem benötigt, das unterschiedliche Rechenaktionen im Prozessor organisiert und synchronisiert, so benötigen kooperierende, handelnde Menschen das Vertrauen, jenes grundsätzliche Wohlwollen. Diese Einstellung gegenüber den anderen bildet die Basis der Kooperation.
  2. Handlungskontexte – insbesondere im Unternehmen – sind so komplex, dass eine Person schlicht und einfach nicht alles wissen kann. Auf die anderen sind wir angewiesen. Qualitätsmanagement, Leitbilder, Basel II, Standardisierungen … wollen Sicherheit organisieren, doch wissen wir ganz genau, dass diese nicht das Papier wert sind, auf dem sie stehen, wenn nicht ein gelebtes Vertrauen zugrunde liegt.
  3. Die unternehmerischen Ziele und deren Erreichbarkeit kann kein Manager beweisen, auch wenn er viele gute Gründe und berechtigte Annahmen vortragen kann. Gut ist er beraten, wenn er es ermöglicht, dass die anderen es glauben können. Da helfen keine Appelle wie „wir müssen vertrauensvoll zusammenarbeiten“, wenn allein der Glaube an die handelnde Person und ihre Lauterkeit fehlt. Eine gelebte Kultur des Vertrauens bewirkt das Wunder, dass der Aufsichtsrat, die Belegschaft und auch die Kundschaft in schwierigen, nahezu aussichtslosen Situationen den verantwortlichen Personen folgen – ja folgen können. Warum? Weil sie sich als vertrauenswürdig erwiesen haben und es wirklich sind.

Vertrauen bringt die Entscheider in Form, so dass andere ihnen folgen können; das sagen uns diese drei Tatsachen.

Zum Handeln gehört Vertrauen – Vertrauen darauf, dass Gutes auch zu Gutem führt, wenigstens im Allgemeinen und auf lange Sicht. Denn nur dann hat Handeln überhaupt Sinn. Vertrauen informiert uns über den Kontext und den Sinn des Ganzen. Wie soll sonst der Bauer ans Werk gehen? Im Frühjahr muss er loslegen, den Acker bestellen und säen. Er muss das tun, was an ihm liegt, und darauf vertrauen, dass seine gute Saat auch gute Ernte bringen wird. Und selbst wenn die gute Ernte ausbleibt, weil die Elbe Hochwasser hatte, welche andere Chance hätte er? Sicher ist seine Arbeit, seine Saat. Die Ernte ist unsicher, aber sehr wohl zu erwarten. Wenn wir handeln, vertrauen wir auf ein gutes Ende, selbst wenn es nicht eintritt. Wir können nicht anders.

Meine Empfehlungen:

  • Gewähre Vertrauen.
  • Zeig Dich vertrauenswürdig.
  • Nimm Vertrauen entgegen.
  • Lass dem Heiligen Geist eine Chance – vertraue Dich anderen an.
  • Vertrauen informiert uns: das Ganze hat einen Sinn.

Ebenen der Wirtschaftsethik

In den vergangenen Jahren erlebten wir eine Entgrenzung von Raum und Zeit. Rund um den Globus kann zum Beispiel an einem Projekt pausenlos weitergearbeitet werden. Komponenten eines Produkts wurden möglicherweise in einem chinesischen Umerziehungslager oder von Kindern aus Pakistan hergestellt. Diese Unübersichtlichkeit verwirrt und lässt vielleicht resignieren. Vielleicht können an dieser Stelle die vier Ebenen der Ethik Klarheit bringen:

  1. Mikroebene: die Moralität der Person
  2. Mesoebene: die Unternehmenskultur
  3. Makroebene: die Volkswirtschaft und Sozialehtik
  4. Globale Ebene: der Ethos der Menschheit

Bisweilen werden die einzelnen Ebenen gegeneinander ausgespielt als habe die Moralität einer Person nichts mit der Sozialethik zu tun. Dabei gebe ich zu bedenken, dass Organisationen immer von Personen vertreten werden und ihr Image erhalten. Wie eine Person ist, so vermuten wir in der Regel, so ist es um das Unternehmen oder den Staat bestellt. Nahezu jeden Monat lassen sich dafür neue Beispiele zeigen. Unternehmens- und Sozialethik haben eine große Schnittmenge mit der Moralität der handelnden Person, und darum ist die Individualethik keine reine Privatsache (zumindest nicht bei den Machtbesitzern).

Gewissen

Zum Umfeld der Klugheit gehört das Gewissen. Oft wird das Wort „Gewissen“ in Anspruch genommen, und darum stellt sich die Frage, was nun das Gewissen sei. Was klagt uns an, was tadelt oder foltert uns? Was spornt uns an und bindet uns? Das Gewissen ist kein Orakel in uns, sondern eher ein Organ; und Organe können verkümmern, sie können aber auch durch intensivere Nutzung kräftig und gut ausgebildet sein. Wie eine Hand, schreiben gelernt hat und schreiben kann, und darin tüchtig ist, so wird das Gewissen durch gute Entscheidungen aktive Wirklichkeit in uns.

Normalerweise richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf ein Ziel oder eine Handlung. Diese Konzentration kann andere Dimensionen ausblenden, Wirklichkeit reduzieren, die Wahrnehmung verzerren und unsere Wertungen einseitig werden lassen. So können wir Gutes wollen und trotzdem in die Irre gehen, sozusagen daneben liegen. Nachher wissen wir es häufig besser.
Gewissen heißt auf Lateinisch „conscientia“, was man mit „Zusammen-Wissen“ oder „mit anderem verbundenes Wissen“ wiedergeben kann. Das Gewissen sieht mehrere Perspektiven und größere Zeiträume, es sieht das eine, augenblickliche Ziel im Kontext des gesamten Lebens und nimmt weitere Aspekte der Handlung als nur diese eine Zielorientierung wahr. Daher kommt das Gewissen bisweilen zu anderen Wertungen als das augenblickliche Urteil, weil es umfassender den ganzen Menschen als Leib-Seele-Geist mit dessen ganzen Biographie „mit-weiß“ und in seiner Stimme aktive Wirklichkeit werden lässt.

Das Gewissen ist die moralische Authentizität einer Person, ihr ethischer Fingerabdruck, der nicht einfach heute so und morgen anders sein kann, sondern eine Person bindet und dafür sorgt, dass sie auch noch morgen mit ihrer gestrigen Entscheidung leben kann. Das Gewissen sorgt dafür, dass wir es bei uns selbst aushalten können und dass die anderen wissen, woran sie mit uns sind. Darum wird es bisweilen unerbittlich aktiv.

 

Klugheit

Die Klugheit ist in Verruf gekommen. Für viele klingt sie wie Schlitzohrigkeit – zu Unrecht, denn erfolgreiches Handeln ist ohne angemessene Erkenntnis der Situation und ohne gedankliche Vorwegnahme der Handlung nicht möglich.

„Wir denken, um handeln zu können; und das Denken muss zu einem Ende kommen, denn die Handlung will beginnen“
Aristoteles.

In der Klugheit nehmen wir Wirklichkeit wahr und bereiten Handlungen, eben Praxis, vor. Dieses Denken nimmt Unabwägbarkeiten in den Blick, denn Handlungssituationen verändern sich, und kluges Denken muss mit der knappen Ressource Zeit auskommen. Skrupel und Perfektionismus verhindern jede sinnvolle Handlung und sind einfach unklug, dumm.

Das praxisorientierte Denken will geübt sein, und wir eignen uns Klugheit durch Training und Wiederholung an. Darum ist Klugheit auch eine Tugend, und zwar die Tugend des praktischen Verstandes. Thomas von Aquin benennt drei Schritte der klugen Handlungsvorbereitung:

  • consultare – beraten: Hier liegt die Tugend im Ratschläge-annehmen-können – und nicht im Ratschläge-geben.
  • iudicare – entscheiden: Urteilsfähigkeit
  • appellare – verkünden, kundtun: Die Entscheidung muss bekannt gegeben werden, die Kommunikationsstrategie will überlegt sein.

Die Tugend der Klugheit „informiert“ den Willen, setzt ihn sozusagen „in Form“, dass der Wille gut wollen kann. Darum kann nur der Kluge gerecht, tapfer und maßvoll sein. Klugheit ist das Maß des Wollens und Wirkens; aber das Maß der Klugheit ist die Wirklichkeit selbst. Der Kluge will Wahrheit und Wirklichkeit; Klugheit richtet das Wollen und Wirken an der Wahrheit aus.
Zur Klugheit, d.h. zur sachlichen Abschätzung der konkreten Situation der Praxis, gehört die Fähigkeit, diese Wirklichkeitserkenntnis umzuformen in die konkrete Entscheidung. Damit ist die Klugheit als erste Kardinaltugend nicht nur Inbegriff der moralischen Mündigkeit, sondern auch der Inbegriff der moralischen Freiheit. Der gute Mensch ist gut kraft seiner Klugheit.

Logik des Herzens

Im Monat Juni möchte ich Sie auf einen Gedanken des Mathematikers, Physikers und Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) aufmerksam machen: logique di coer.

„Das Herz hat seine Gründe, welche die Vernunft nicht kennt; man erfährt es an tausend Dingen.“

„Das Herz hat seine Ordnung, der Geist hat die seine, die aus Grundsätzen und Beweisen besteht. Das Herz hat eine andere. Man beweist nicht, dass man geliebt werden muss, indem man die Ursachen der Liebe geordnet darlegt; das wäre lächerlich.“
Blaise Pascal. Pensées sur la Religion.

Was ist nun dieses „Herz“, das als die Quelle aller menschlichen Bewegungen bezeichnet werden kann? Das Herz ist der Ort der Wahl und des Schätzens. Das Herz liebt, wertschätzt und wertet und will geliebt, geachtet werden, und in all dem lässt es Welten entstehen und Welten untergehen. Die Form, in der das Herz seine Themen aufgreift, mutet uns „spontan“, „intuitiv“, „unmittelbar“ und „einfach“ an.

Unsere Wertungen nehmen wir sehr selten mit der Vernunft vor. In der Regel entscheiden wir mit dem Herzen, denn das Herz navigiert unsere Aufmerksamkeit und Interessen, es zieht einen Wert vor und stellt einen anderen hinten an, es liebt und hasst. Mit der Vernunft laufen wir hinterher und versuchen uns, im Nachhinein zu verantworten.

Das Herz ist das, was alles bewegt. Aber warum ist es bewegt und so bewegt, wie es ist? Das Herz symbolisiert unsere Welt der Gefühle, Emotionen, Leidenschaften und Stimmung, also das, was wir emotional sind. So wie wir sind, wertschätzen wir.

  • Kennen wir unsere Regungen des Herzens?
  • Wissen wir, was uns anzieht oder abstößt? Wollen wir es überhaupt wissen?

„Sag mir, woran Dein Herz hängt, ich sage Dir, wer Dein Gott ist.“

Das Herz navigiert uns intuitiv.

Freundschaft

In diesem Monat Mai kommt die Schönheit in der Tat zum Zug. Dieser Tage musste ich an das Thema Freundschaft denken, und da hat mir Aristoteles auf die Sprünge geholfen. Da gibt es Beziehungen, die wie Freundschaft aussehen, aber doch keine sind:

  • Freundschaft aus einem gemeinsamen Nutzen; und kommt dieser Nutzen abhanden, dann ist die „Freundschaft“ auch bald vorbei. Vielleicht sollten wir dann doch lieber „Geschäftspartner“ sagen, denn manch einer mimt „Freundschaft“ und will uns doch nur emotional einwickeln.
  • Freundschaft um der Unterhaltung willen; und kommt der Spaß abhanden, dann laufen die „Freunde“ auseinander. Vielleicht sagen wir dann doch lieber „Skatkumpel“.

Diese Beziehung, die wie Freundschaft aussehen, zielen auf eine angenehme Eigenschaft des anderen und nicht auf die Person. Das scheint mir die Gretchenfrage zu sein: meine ich den anderen als Person mit Licht und Schatten, mit Stärken und Schwächen?

Die echte Freundschaft braucht ganz viel Zeit, denn der Wille, jemand Freund zu sein reicht nicht aus. Bei aller Unterschiedlichkeit müssen gemeinsame Interesse, Wertschätzung und der Wille zur Ehrlichkeit vorhanden sein. Dann entsteht dieses emotional verankerte Vertrauen, dass unserem Leben Halt gibt. Aber Vorsicht: die Fehler beim Freund ärgern uns richtig und viel mehr als bei Menschen, die uns gleichgültig sind. Da kann es bisweilen sehr grob werden.

Aristoteles gewinnt mit „Freundschaft“ eine Beschreibung für Glück: Glücklich ist derjenige, der mit sich selbst und mit anderen befreundet ist.

Schönheit und Ethik

Mit meinem philosophischen Monatsgedanken bereite ich einigen Freude und das möchte ich im April mit einer Bemerkung zur Schönheit fortsetzen, die ich bei Thomas von Aquin gefunden habe.

Zur Schönheit gehören vier Aspekte, von den drei am schönen Gegenstand hängen, und einer am Betrachter des schönen Gegenstandes.

  1. Der schöne Gegenstand muss stimmig sein, d.h. die einzelnen Teile beziehen sich proportional aufeinander und ergeben ein stimmiges Ganzes (debitas proportio sive consonantia).
  2. Der schöne Gegenstand muss Ausstrahlung haben, d.h. ein gewisser Glanz geht von ihm aus (claritas).
  3. Der schöne Gegenstand ist so vollkommen bzw. gut wie möglich. Das ganze Potential ist realisiert (perfectio).
  4. Der Betrachter muss mit sich und seinen Leidenschaften, Interessen im Reinen sein (temperantia), ein „reines Herz“ haben, dann kann er Schönes wahrnehmen.

Die Schönheit rückt unsere Aufmerksamkeit zurecht, weil wir einfach nicht wegsehen können, und wir kommen in Kontakt mit dem Guten. So wie die Sinne, Schönes wahrnehmen wollen, so sucht unser Wollen – im Grunde genommen – Gutes und unser Intellekt Wahrheit. Ganz sympathisch ist an der Schönheit, dass Schönes uns Freude bereitet und Energie entfacht. Warum sollten wir uns das nicht gefallen lassen?

 

Wortgebrauch und Machtgebrauch

Im Dialog Gorgias nimmt Platon das Verhältnis von Wortgebraucht und Machtausübung in den Blick. Eine Politik, die Gerechtigkeit bzw. das Gemeinwohl aus den Augen verliert, gebiert den sophistischen Wortkünstler, der seine wahre Intention „Freiheit für mich und Macht über andere“ verbirgt. Die Öffentlichkeit liebt ihn, denn seine schmeichelnde Rede tut ihr unheimlich gut, und er führt sie auf seine Pfade. Wie funktioniert die sophistische Rede? Was macht er?

Der Sophist
1) trennt das Wort von der Wirklichkeit,
2) zerstört den Mitteilungscharakter des Wortes und der Rede.

  • Der Hörer wird um den Gehalt des Wortes gebracht.
  • Der Hörer wird zum Objekt der Manipulation gemacht.

3) macht das Wort zum reinen Machtmittel,
4) baut eine Schein-Wirklichkeit auf und wird dadurch schließlich zum betrogenen Betrüger.

Vom Sophisten, so Platon, können wir jedoch lernen: Auch das Gute, will gut gesagt sein.