Auge

Beim Wort Auge denken wir zuerst an das Organ der visuellen Wahrnehmung. Es gehört zu den fünf Vermögen der sinnlichen Wahrnehmung und ermöglicht uns neben dem Tasten, Schmecken, Riechen und Hören eben das Sehen. Die Augen nehmen visuelle Reize auf und geben das dem Intellekt weiter, was sie vom gesehenen Gegenstand aufgenommen haben. Ob dann – zum Beispiel – der gesehene Baum tatsächlich so ist, wie das Auge ihn sieht, ist eine andere Sache. Die sinnlichen Reize teilen die Augen mit, nicht mehr und nicht weniger.
Nun können die Augen auch erkranken. Dann muss eine Augenärztin aufgesucht werden, die zum Beispiel eine Bindehautentzündung diagnostiziert und kurieren kann. Wenn die Augen-krankheit behoben ist, steht das Sehvermögen wieder vollständig zur Verfügung. Bei man-chen macht sich allerdings eine Augenkrankheit wie zum Beispiel der grüne Star so breit, dass das Sehvermögen teilweise oder ganz verloren geht. Das Auge als leiblichen Organ muss also gesund sein, damit wir visuell wahrnehmen können.
Damit die Augen etwas sehen können, benötigen sie neben der Gesundheit und dem Gegen-stand noch ein Drittes: Licht. Im Dunkeln können wir zwar tasten, schmecken, riechen und hören, aber wir sehen nichts, selbst wenn die Augen gesund sind und der Gegenstand da ist. Licht benötigt die visuelle Wahrnehmung.
Nicht nur mit den leiblichen Augen sehen wir. Erinnern wir uns an etwas, dann kann das Erinnerte uns vor dem „inneren Auge“ stehen und wir sehen es. Auch wenn wir ein Buch lesen, können wir etwas sehen. Die Phantasie oder Vorstellungskraft stellt uns Bilder zur Verfügung. Selbst in einem Buch über Quantengravitation kann man lesen: „Die Physik ent-steht vor seinem geistigen Auge, und mit seinem Vorstellungsvermögen erschafft er (Fara-day) neue Welten … Er ‚sieht‘ etwas Neues.“
Eine Metapher knüpft hier an. Sprachlich heißt „wissen“ so viel wie „ich habe gesehen“. Darum benutzen wir umgangssprachlich die visuelle Wahrnehmung als Metapher für den intellektuellen Erkenntnisvorgang. Einsehen, was ein Baum ist, heißt soviel wie, ich weiß, was ein Baum ist. Dann sehe ich einen Baum vor meinem „inneren Auge“.

Nun wird es allerdings schwierig. Die Organe der sinnlichen Wahrnehmung sind mit dem Leib verbunden, und wir können sie ausmachen: Haut, Zunge, Nase, Ohren und Augen. Ist das „innere Auge“ ein Organ? Wo können wir es lokalisieren? Vom „Auge des Herzens“ und auch vom „Auge der Seele“ wird gesprochen. Dass es sich dabei nicht um ein leibliches Or-gan handelt, ist klar. Können wir mit dem Herzen und der Seele sehen? Welches Licht benö-tigt das innere Auge? Kann auch das „innere Auge“ erkranken oder gar erblinden? Was ist damit gemeint? Vielleicht bieten sich zwei Lösungen an.
a. Metaphorisch sprechen wir so von mentalen Phänomen und beschreiben Tätigkeiten wie Erinnern, Vorstellen, Denken und Erkennen. Tatsächlich gibt es ein inneres Auge nicht, auch wenn wir Bilder sehen.
b. Das innere Auge existiert wirklich, und wir stellen es uns in Analogie zum leiblichen Auge vor, weil wir es nicht anders beschreiben können. Auch wenn wir kein Organ wie den Augapfel feststellen können, nehmen wir ein geistiges Auge an, welches er-kranken und sogar erblinden, aber auch genesen und scharf sehen kann.

Philosophieren als Christ (2)

Wenn ein Christ die Wirklichkeit als Schöpfung aus der Hand eines Schöpfers glaubt, so sagte ich im 1. Teil, löst er einige Probleme wie zum Beispiel, warum Menschen Wirklich-keit verstehen können. Andere Probleme bzw. Ärgernisse handelt er sich allerdings durch seinen Glauben ein:
Die Welt sei nicht perfekt. Defekte wie Schuld, Sünde, Begehren des Schlechten kennzeich-nen ihre Logik. Die Welt könne nicht halten, was sie verspricht, und darum dürfe sich ein Christ nicht an sie verlieren. Eine zweite Provokation: Mein Leben endet nicht mit dem Tod, es geht viel weiter, als ich sehen kann. Drittens: Ich gehöre mir nicht selbst, und darf mit mir darum nicht machen, was ich will. Die vierte Provokation ist vielleicht am ärgerlichsten: Glück. Wenn es so etwas wie einen Bliss-Point (Sättigungspunkt) gibt, dann stellen sich die Fragen. Was sättigt mich wirklich? Wo kommt mein Begehren zur Ruhe? Was füllt meine Seele vollständig aus? Einige Philosophen wie Aristoteles sind der Meinung, durch ein gu-tes, tugendhaftes Leben erwirke ich mir mein Glück selbst. Darum haben heute Themen wie Lebensqualität und Lebenskunst Konjunktur. Ein Christ wird mit einer anderen Position konfrontiert: Dein Glück, die Erfüllung deines Lebens, kannst du nicht selbst machen, es wird Dir geschenkt. Nur Gott – der Schöpfer und Erlöser – könne deine Seele so ausfüllen, dass alles Verlangen gesättigt ist. Diese Liste der Ärgernisse oder Kränkungen unseres Selbstwertgefühls lässt sich bestimmt weiterführen.

Philosophiert ein Christ, gerät er immer in die Spannung von Glaube und Vernunft. Das Wort Gottes, insofern er es als Wahrheit glaubt, nötigt ihn und lässt ihn auflaufen. Aller-dings schützt ihn sein Glaube vor Reduktionismus, vor Ausblendungen und billiger Harmo-nisierung. Bei allem Erkenntnisgewinn und Fortschritt bleibt Wirklichkeit ein Geheimnis. Vor allem schützt ihn sein Glaube vor Resignation.

„Christliches Philosophieren stellt sich unter die Nötigung, eine über den Bereich bloßer Denkschwierigkeiten hinausreichenden Spannung durchzuhalten. Es verbietet sich, dadurch zu einleuchtenden Formulierungen zu kommen, dass man von der Wirklichkeit absieht, auswählt, weglässt. Christliches Philosophieren wird durch Of-fenbarung gezwungen, großräumiger zu denken, vor allem: sich nicht zufrieden zu geben mit der Flachheit irgendwelcher Harmonismen.“ Josef Pieper

Philosophieren als Christ (1)

Unter Philosophie verstehe ich ein staunendes Hinblicken auf die Wirklichkeit mit der Intention, zu sehen, was ist. Dieses intellektuelle Sehen geschieht frei, nämlich frei von irgendwelchen Zwecksetzungen oder Verfolgung von Interessen. So verstanden, ist Philosophie die Haltung einer Person: Offenheit, Wirklichkeit verstehen wollen und „mit der Weisheit befreundet“ sein. Dabei steht der Philosophie die Vernunft als Erkenntnisquelle zur Verfügung – eine Vernunft, die alle Menschen haben.

Auch ein Christ ist Mensch und verfügt in der Vernunft über eine Erkenntnisquelle. Bei ihm kommen jedoch zwei weitere Quellen hinzu: das Wort Gottes, an dessen Wahrheit er glaubt, und die Tradition der Christenheit, wie zum Beispiel das Glaubensbekenntnis. Darum nötigt das Wort Gottes, die Offenbarung, einen Christen, Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive zu sehen und den Horizont sehr weit zu spannen. Er steht immer in der Spannung von Glaube und Vernunft.

Deutlich wird das an den Axiomen. Ein Axiom ist eine unbewiesene Grundannahme, die angenommen bzw. geglaubt wird. Zum Beispiel ist in der Mathematik ein Axiom, dass die 0 von der 1 unterschieden ist. Christen haben um ihre Axiome gestritten, aber letztendlich im Glaubensbekenntnis ausformuliert und auf den Tisch gelegt, wodurch sie freilich angreifbar und als dogmatisch verschrien werden können:

„Ich glaube an den einen Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Und an den einen Herrn, Jesus Christus, Gottes einzig geborenen Sohn. … Durch ihn ist alles geschaffen. …“

Am Beispiel des Schöpfungsglaubens möchte ich das Philosophieren als Christ skizzieren. Ein Schöpfer, der Wirklichkeit schafft, sie bewegt, mit Vernunft ordnet und ihr so das Maß gibt, wird geglaubt. In ihm gibt es die eine, absolute Wahrheit. Die Schöpfung schafft dieser Kreator, und darum kann die Wirklichkeit als ein Ganzes (Universum) verstanden werden, in der ganz verschiedenen Geschöpfe in Symbiose leben. Insbesondere die Lebendigkeit und Schönheit der Schöpfung offenbart den Schöpfer. Ein Geschöpf hebt sich von den anderen ab – nämlich wir Menschen. Wir partizipieren an der Vernunft und können so Wirklichkeit verstehen, das heißt, menschliches Denken korrespondiert mit Wirklichkeit. Freilich irren wir auch und kommen nur zu vorläufigen Erkenntnissen und vielen hypothetischen Wahrheiten. Des weiteren verfügt dieser vernunftbegabte Mensch über Freiheit und Handlungsspielraum. Ein moralisches Subjekt ist er. Diese Schöpfung, dieses Universum, ist zwar gut, aber nicht perfekt. Sie erwartet ihre Vollendung.

Das Axiom, Wirklichkeit als die Kreatur eines Schöpfers zu verstehen, löst zwar einige durchaus philosophische Probleme, handelt sich allerdings auch neue ein und provoziert unsere Weltanschauung gehörig. Ein Christ muss im Wort Gottes einige Dinge zur Kenntnis nehmen, die ihm wahrscheinlich nicht schmecken, ihn irritieren und vielleicht sogar ärgern. Darüber möchte ich im zweiten Teil sprechen.

Ego

Egoismus hat einen schlechten Ruf, und der Satz „Du bist ein Egoist.“ ist sicherlich nicht als Kompliment gemeint. Doch mal Hand aufs Herz und ganz ehrlich gefragt: Kommen wir aus unserem Ego heraus?

Immer stehen wir im Mittelpunkt unserer Welt. Das sagen nicht nur unsere fünf Sinne, sondern auch unsere Gefühle. Die Zahnschmerzen eines anderen kann ich nicht nachempfinden, weil es eben nicht meine sind. Bestenfalls kann ich mich an meine Zahnschmerzen erinnern und eine Analogie aufbauen. Ja, dem muss es jetzt wohl genauso ergehen wie mir damals.

„Natürliche Egozentriertheit“ kann man das nennen, denn wir können dagegen nichts machen. Immer werde ich im Mittelpunkt meiner Welt stehen, und das gilt es zu respektieren. Wie kommt es zu dieser „natürlichen Egozentriertheit“?

Eine Vermutung habe ich: Weil wir Lebewesen sind, legte die Natur uns zwei Aufgaben in die Wiege: 1. Selbsterhaltung; 2. Arterhaltung – und das in dieser Reihenfolge. Darum sorgen wir uns zuallererst, dass wir am Leben bleiben. Wir sorgen uns um Essen, Schlaf, Gesundheit usw. Diese Sorge, manche sprechen sogar von „Angst um sich selbst“, werden wir nicht los. Die entscheidende Frage ist allerdings, ob die Angst um mich selbst die Zügel in der Hand hält und meinen Wagen steuert, oder ob sie auf der Ladefläche hockt.

Nicht nur Lebewesen sind wir, wir sind auch physikalische Körper: Den Raum, den ich einnehme, kann kein anderer einnehmen. Archimedes entdeckte das freudig überrascht, als er in die Badewanne stieg und Wasser über den Rand floss. Den Raum, den Archimedes in der Wanne einnimmt, kann das Wasser nicht einnehmen und wird darum verdrängt. Diese physikalische Tatsache zeigt sich allerdings auch in anderen Bereiches des Lebens: Den Arbeitsplatz, den ich habe, kann kein anderer haben. Diese Lebenschance gebe ich für andere erst wieder frei, wenn ich kündige oder in Rente gehe.

(Fatal wird es allerdings, wenn ich mein Ego wie den Mittelpunkt eines Kreises behandle und um diesen Mittelpunkt herum einen Kreis schlage. Wenn ich mich mit meinen Wahrnehmungen, Einsichten und Wertungen zum Maß aller Dinge mache. Das Essen, was mir schmeckt, muss auch anderen schmecken. Die Einsicht, die ich gewonnen habe, müssen auch andere treffen oder sie sind dumm. Aber das ist eine moralische Fehlhaltung, eben Egoismus, und ein anderes Thema.)

Wie gesagt, gilt es zu respektieren, dass ich ein Lebewesen bin und nicht nur einen Körper habe, sondern auch bin.

Nihilismus

Nihilismus kommt von dem lateinischen Wort „nihil“ – nichts – und stellt fest, da ist nichts, zumindest nichts Erkennbares oder etwas, was eine Bedeutung oder einen Sinn hat.

Nun unterhalten wir uns und formulieren sinnvolle Sätze wie zum Beispiel: „Da ist nichts“. Wie löst der Nihilismus dieses Problem? Der Zusammenhang zwischen Wirklichkeit und Sprache wird aufgelöst und sinnvolle Aussagen als Illusion entlarvt. Illusion kommt vom lateinischen Wort „ludere“ – spielen – und kann auch mit dem Synonym Täuschung wieder­gegeben werden. Die Sprache schaffe eine illusionäre Welt, weil sie einen Zusammenhang von Wirklichkeit und Wort suggeriert. Doch genau betrachtet liege der Mensch dabei einer Selbsttäuschung auf, denn es gibt keinen Zusammenhang von Sein und Erkennen. Infolge­dessen seien Wahrheit, Moral, Kultur, Wert und Sinn nur Täuschungen. Im Grund genommen sei „das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel“, so Nietzsche. Da ist nichts – kein Wesen, kein Ding an sich, kein Kosmos, kein Anfang und kein Ziel.

Der menschliche Intellekt nehme sich viel zu wichtig. Genau betrachtet, komme er nur zu kläglichen Ergebnissen, welche mächtig aufgeblasen und Wahrheit genannt werden. Der Intellekt sei nur ein Werkzeug zur Erhaltung des Individuums und in erster Linie ein Instrument zur Täuschung, wozu vor allem die sogenannte Wahrheit dient. Wahrheiten seien „Illusionen, von denen wir vergessen haben, dass sie Illusionen sind“, insbesondere „die wir lieb gewonnen haben“, stellt Nietzsche fest. Doch wir brauchen diese Täuschungen, um uns am Leben zu erhalten und es vor allem miteinander auszuhalten.

Das vorzügliche Instrument des menschlichen Intellekts ist die Sprache. Das Wort sei nur die Abbildung eines Nervenreizes und könne bestenfalls die Benennung einer Sache sein. Hier werde die Verwandlung der Welt in ein menschenartiges, nämlich sprachliches Ding deutlich. Einen Zusammenhang von Wort und Realität könne es nicht geben.

Allerdings hat der Nihilismus auch ein grundlegendes Problem, und das darf nicht verschwiegen werden. Wie will der Nihilist jemand anderem seine Einsicht mitteilen? Wenn er Wahrheit ablehnt, müsste er doch demjenigen, der dummerweise noch an Wahrheit glaubt, seinen Irrtum aufzeigen, so dass der naive Wahrheitsgläubige sich bessern und seinen Fehler einsehen kann. Das kann ja nur mit der Hoffnung auf Verstehen und mittels wahrheitsfähiger Sätze geschehen. Formuliert der Nihilist einen sinnvollen Satz, widerlegt er sich selbst, denn wer spricht oder einen Gedanken in Worte kleidet, vertraut unter der Hand darauf, dass er verstanden werden kann und damit auf die Wahrheitsfähigkeit der Sprache.

Der Nihilismus zerreißt den Zusammenhang von Sein und Denken völlig, so dass „nichts“ mehr übrig bleibt. „Das Dasein so wie es ist, ohne Sinn und Ziel“ beschreibt den Zustand der Welt, nämlich Sinnleere und Wertlosigkeit. Sinn und Ziel kann nur der Mensch ins Spiel bringen. Allerdings muss er auch Sinn machen, oder es gibt keinen.

„Es geht doch immer nur darum, dass eine, dass die Geschichte sich selbst erzählen kann. Wir alle sind nichts als leise Stimmen im kakophonen Chor, gelegentlich ein vorwitziges Solo spielend, nie mehr als wenige Sekunden, wenige Zeilen lang. Und damit ist alles gesagt.“ Juli Zeh, Spieltrieb, München 2004, [letzte Worte des Romans] S. 566.

Indikativ und dann erst der Imperativ

Viele meinen, das Christum sei eine moralische Veranstaltung. Den Fensterplatz im Himmel müsse man sich durch eine gute Lebensführung und Frömmigkeit verdienen. Diese Meinung ist ja auch kein Wunder, denn in Öffentlichkeit treten die Kirchen mit erhobenem moralischem Zeigefinger auf und ihnen wird – trotz aller Kritik und Häme – die Erziehung der Kinder zugetraut. Allerdings ist diese Meinung abgrundtief falsch, denn die Religion der Christen ist eine Erlösungsreligion mit ihrer eigenen Grammatik.

1. Zuerst der Indikativ. Als erstes sagt Jesus Christus den Menschen: Gott liebt euch, und in dieser bedingungslosen Liebe seid ihr erlöst. Die Angst um euch selbst muss euch nicht mehr beherrschen, ihre Fesseln sind schon gelöst und ihr seid erlöst und frei.
2. Dann der Imperativ. Lebt als freie Menschen! Gewährt die Liebe, die euch trägt und eure Souveränität ermöglicht, auch anderen Menschen!

Bei den philosophischen Konzepten – vor allem bei Aristoteles in der Nikomachischen Ethik – steht zuerst der Imperativ und als zweites der Indikativ: Wenn Du tugendhaft lebst und Vernunft in deiner Praxis walten lässt, dann wirst du Glück (eudaimonia) erwerben. Diese aristokratische Ethik fasziniert, provoziert und fordert heraus, ist aber trotzdem ein Konzept der Selbsterlösung. Anders betrachtet steigert sie die angstvolle Sorge (epimeleia) um den eigenen Seelenfrieden. Sie produziert Stress, und man fragt sich, ob so eine ethische Optimierung einem Menschen überhaupt möglich ist.

Freilich ist das christliche Konzept eine Zumutung oder gar Beleidung, denn es widerspricht dem gegenwärtigen „Kult des Selbst“, unserem gepflegten Individualismus. Der Indikativ des Evangeliums „Du bist schon geliebt und erlöst“ nimmt das individuelle Selbst zurück: Du hast dich nicht selbst gemacht. Du gehörst dir nicht selbst. Du verdankst deine Existenz der nichtkonditionierten Liebe Gottes. Diese „gute Botschaft“ (eu-angelion) kann dem gekränkten Ego wie eine Drohbotschaft anmuten, weil der aufgeklärte und abklärte Zeitgenosse nicht gern seine Bedingtheit akzeptieren möchte. Trotzdem sprechen die lebensweltlichen Fakten dafür, dass wir uns nicht selbst erschaffen haben, dass die Weltgeschichte nicht auf uns gewartet hat und dass sich die Erde auch nach unserem Ableben weiter drehen wird. Nur ein Pubertierender wird die Tatsache nicht akzeptieren wollen. Aus dieser Demütigung führen zwei Strategien heraus.
A: Ignoranz dieser Tatsache und (hart) arbeiten an der Oberfläche des Alltäglichen.
B: Hören des Evangeliums und Annahme des Satzes „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“.
Sphäre des Indikativs: Woher komme ich? Wie bin ich? Was wird mit mir geschehen?
Sphäre des Imperativs: Gewähre diesen Luxus des Geliebtseins auch jenen Menschen, welche dir über den Weg laufen und mit denen du dein Leben teilst! Nichts musst du ihnen beweisen!

Vor Jahren habe ich mir mal die Notiz gemacht:
Gott liebt Dich, Andreas, und darum bist Du.
Die Reaktionen der Angst kannst Du Dir also sparen und bist auch von der Zuneigung anderer unabhängig. Du kannst verlieren, vergeben und alles lassen, wie es ist.
Du bist souverän.
Lebe einfach aus der Liebe Gottes heraus!

Irrtum

Wenn man über Wahrheit und Erkenntnis spricht, muss man auch über dessen Gegenteil sprechen. „Falschheit“ steht der Wahrheit gegenüber, aber so sprechen wir nicht. Über den Irrtum reden wir schon, und der Irrtum ist noch einmal von der Lüge zu unterscheiden. Das griechische Wort für Irrtum heißt „pseudos“ und das lateinische „error“. Wer mit dem Computer arbeitet, liebt ganz besonders die Angabe „error“.

Ein Irrtum liegt vor, wenn etwas für wahr gehalten wird, was nicht wahr ist; anders gesagt, eine Aussage oder Überzeugung weicht vom Sachverhalt ab. Wenn man das Lateinische nimmt, wird der Sachverhalt prägnant deutlich. Wahrheit ist die Angleichung eines Dinges und Intellekts (Veritas est adaequatio rei et intellectus). Das Gegenteil liegt in der „inadaequatio“; in der Ungleichung besteht der Irrtum. Wenn Wahrheit in der Angleichung (adaequatio) des Dinges und des Intellekts besteht, dann liegt der Irrtum in der Ungleichheit (inaequalitatis) zwischen Ding und Intellekt.  Das Urteil des Intellekts trifft nicht zu, weil Subjekt (intellectus) und Objekt (res) nicht zusammenpassen, ein Defekt vorliegt, etwas im Urteil fehlt, oder weil der Intellekt über äußere Zeichnen oder Sinnesdaten unangemessen urteilt.

Die Gefahr des Irrtums, das heißt des inadäquaten Urteils, ist bei großer Ähnlichkeit besonders groß. Anders gesagt: Je größer die Ähnlichkeit, desto größer das Irrtumspotential. Die Falschheit, der Irrtum, lebt von der Ähnlichkeit mit der Wahrheit.

Irrtümer oder Fehleinschätzungen sind schlicht und einfach Denkfehler, und diese unterlaufen uns, wenn wir     stillschweigende Identifizierung vornehmen, gewohnheitsmäßige Analogien anwenden, unvollständige Aussagen (Disjunktionen) treffen und die ontologische Ebenen vertauschen. Letzteres höre ich sehr häufig, zum Bespiel: „Der Computer denkt“. Nun können Maschinen zwar rechnen und Informationen verarbeiten, aber nur vernunftbegabte Lebewesen können darüber hinaus auch noch denken. Lebewesen und Maschinen sind zwar Dinge, aber auf unterschiedlichen ontologischen Ebenen, wie die Philosophen das nennen. Irrtümer schleichen sich auch ein, wenn wir aus Teilerkenntnissen sogenannte All-Aussagen machen, zum Beispiel: Wir sehen einen Russen Wodka trinken und meinen dann, dass alle Russen Wodka trinken und reden dann von der russischen Seele.

Manche meinen, dass es Irrtümer aufgrund von Sinnestäuschung gibt – wie zum Beispiel den gebrochenen Handlauf im Schwimmbad. Das stimmt leider nicht, denn das Auge teilt dem Verstand das mit, was es sieht bzw. wahrnimmt. Wenn der Verstand urteilt, dass der Handlauf gebrochen ist, dann irrt er sich und unterliegt einem Fehlurteil.

Irrtümer bemerken wir leider erst im Nachhinein. Dann will ich aus dem Schwimmbecken heraussteigen, mich Handlauf der Treppe festhalten und greife daneben. Lernen können wir allerdings, und irgendwann erwische ich den Handlauf doch.

Die Lüge liegt auf einer anderen Ebene, denn der Lügner hat die Intention der Täuschung und dreht an der adäquaten Darstellung ein wenig, so dass der Belogene zu einer Fehleinschätzung verleitet wird und zu einem inadäquaten Bild der Wirklichkeit kommt. Das funktioniert am besten, wenn die Ähnlichkeit mit der Wahrheit sehr groß ist. Einer brutalen Lüge geht kaum einer auf dem Leim, schon eher der raffinierten, feinen und womöglich noch charmanten. Die schlimmste Lüge ist die Schmeichelei, denn die hören wir gern.

Glaube

Gegenwärtig hat „Glaube“ einen schlechten Ruf. Menschen, die sich zu einem Glaubensbekenntnis bekennen, seien dogmatisch, intolerant und vor allem unwissenschaftlich von gestern. So benutzen wir das Wort „glauben“ auch: Ich glaube, morgen wird es schneien. Also Glaube im Gegensatz zum Wissen. Gehen wir allerdings zur Bank, dann gibt es auch einmal den Gläubiger und den Schuldner. Auf der Bank gibt es auch einen Kredit. Wie kommt das? Leiht jemand einem anderen Geld, dann tut er das in dem Vertrauen, dass der Darlehensnehmer das geliehene Geld auch zurückzahlen wird und nicht Privatinsolvenz anmeldet. Er glaubt dem anderen, und ohne diesen Glauben kommt kein Darlehnsvertrag – sprich: Kredit – zustande. Selbst Basel I bis III oder das juristisch Kleingedruckte können den Akt des Vertrauens, den Gläubiger und Schuldner schultern müssen, ersetzen. „Vertrauen senkt die Transaktionskosten“, lautet die Formel. Glaube ist also mehr als nur „dafürhalten“ oder „meinen“.

Das griechische Wort „pisteuo“ kann man sowohl mit „ich glaube“ als auch mit “ich vertraue“ und „ich halte für wahr“ übersetzen. Darum können wir Glauben und Vertrauen synonym verwenden, wenn wir mit Glauben nicht gleich den Inhalt des Katechismus oder kommunistischen Manifests verstehen. Das lateinische Wort „credo“ bedeutet sehr wohl „ich glaube“. Es kommt von „cor dare“: Das Herz geben. Dabei meint Herz nicht die Pumpe, sondern den Kern einer Person. So benutzen wir es auch. „Ich glaube dir“ bedeutet doch „ich vertraue dir“, „ich baue auf dich“.
Glaube ist also eine fundamentale menschliche Fähigkeit ohne die Kooperation und Zusammenleben nicht möglich ist. Haben Sie im Team jemanden, der sich nicht auf andere verlassen kann und alles noch einmal überprüft, dem einfach das Grundvertrauen in die anderen fehlt, dann wird es schwierig und letztendlich die Kündigung oder Scheidung eingereicht. Auch der Schüler in der Grundschule muss dem Lehrer glauben, dass A ein A ist und die 1 von der 0 unterschieden ist, sonst lernt er nichts. Später kann und muss der Schüler freilich die Lerninhalte skeptisch anschauen. Aber das ist der zweite (und nicht der erste) Schritt. Glaube verstanden als Grundvertrauen kann man nicht einfach machen, er ist eine innere, persönliche Haltung und diese wird uns geschenkt. Manch einem Menschen ist ja der Aufbau dieser Haltung durch hässliche Dinge in der Kindheit erschwert worden, und manch eine verlor den Glauben an die Welt durch böse Ereignisse.
Am besten halte ich die Formulierung „Feststehen in dem, was man erhofft, und überzeug sein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebräer 11, 1). Worauf wir unser Leben bauen und woran wir unser Herz hängen, können wir eben nicht sehen, obwohl es doch eine Wirklichkeit ist. Und in dieser Hinsicht kenne ich keinen „ungläubigen“ Menschen. Die interessanten Fragen dabei sind, woran wir glauben, worin wir unser Leben gründen und, wie Kant das prägnant formulierte „Was darf ich hoffen?“
„Wenn der Glaube das Haus zur Tür verlässt, dann springt der Aberglaube zum Fenster herein“, lautet eine Beobachtung. Ein ausformuliertes Credo kann man reflektieren, darüber streiten oder gar ablehnen. Der Aberglaube geistert einfach rum und ist nicht zu packen bzw. zu bändigen.

Gott – ein Gattungsbegriff

In Gesprächen der jüngsten Vergangenheit fiel mir auf, dass man schön aneinander vorbeireden kann, wenn man sich über Gott unterhält. Damit das nicht passiert, scheint es mir hilfreich zu sein,die Gesprächspartner erst einmal zu fragen: Was versteht du unter Gott? Was bezeichnest du mitdem Wort „Gott“? Warum? Bis vor einigen Jahren war es ausgemacht, dass man mit „Gott“ den Gott des christlichen Glaubens meint, der in den evangelischen und katholischen Kirchen verehrt wird. Nun ist der Gott des christlichen Glaubensbekenntnisses selbst unter Christen nicht selbstverständlich. Die einen meinen einen gütigen Vater, die anderen einen strafenden Richter usw. Wenn ich jenseits der Kirchen die Literatur und öffentlichen Diskussionen beobachte, gibt es noch mehr Konnotationen: Gott als Urheber der Natur, kosmisches Prinzip, höchstes Wesen, höchste Macht, die Vorsehung, ein weiser Schöpfer, die Schönheit und Barmherzigkeit, der Sinn und so weiter und so fort. Selbst in atheistischen Modellen haben die Evolution, der Urknall, die Emergenz, die Energie, die Materie und so weiter und so fort göttliche Attribute und Machtvollkommenheit. Daneben bieten dualistische Modelle zwei Götter an – nämlichen einen guten und einen bösen Gott: Yin und Yang, Körper versus Geist, Schöpfergott versus Erlösergott.
Auch in Redewendung kommt Gott vor, so sagen wir „Gott sei Dank“. (Als ich zur Schule ging, wurden wir von der Lehrerin angehalten, nicht Gott-sei- Dank zu sagen, sondern „Marx sei Dank“. Das setzte sich allerdings nicht durch.) Selbst in amerikanischen Filmen und Einkaufshows höre ich häufig „O my god!“
Meine Empfehlung: Gott ist erstmal ein Gattungsbegriff wie Pferd, Tisch usw. Die allgemeinste Definition dieses Begriffs finde ich bei Anselm von Canterbury. „Gott ist das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann.“ Das muss man nicht nur theoretisch verstehen, man kann es auch praktisch nehmen. „Sag mir, woran dein Herz hängt, und ich sage dir, wer dein Gott ist“, kann man jemand auffordern. Jeder und auch jede hat etwas im Leben, dem die Zeit geopfert wird, das ersehnt wird und die Sonne ist, welche allem anderem im Leben Bedeutung und Würde verleiht. Zum Beispiel: Wenn an der Leuphana Universität Lüneburg die Masterzeugnisse feierlich ausgehändigt werden und der Präsident das Wort „Karriere“ in den Mund nimmt, betritt ein Gott den Saal, und die Anwesenden nehmen würdevoll an diesem Gottesdienst teil. Andere opfern ihrem Gott Gesundheit die ganze Aufmerksamkeit – beim Essen, bei der Tagesplanung, im Umgang mit anderen Menschen und in Geburtstagswünschen „Hauptsache gesund“. Diese Beobachtung mutet nicht nur lästerlich an, ist auch so gemeint.
Jedermann und Jedefrau hat so ein „Wesen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“. Man kann sich ja auch selbst im Kult des Selbst „Ich.Alles.Jetzt“ vergöttlichen. In diesen – theoretischen und lebenspraktischen – Hinsichten kann man Anselm nicht widersprechen und muss feststellen: „Gott ist das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann.“ Spannend wird es allerdings, wenn dieser Begriff „Gott“ Inhalt bekommt.

Heimkino

Folgende Situation kommt in Gesprächen häufig vor: Wir reden über ein Thema und ein Gesprächsteilnehmer fängt bei einem Stickwort an, Ich-Geschichten zu erzählen. „Ja, da war ich auch schon einmal“, und wir hören, ob wir es wollen oder nicht, Urlaubsgeschichten im Detail. Bei einigen Zeitgenossen geht das so weit, dass sie über die Grenze ihrer eigenen Zahnschmerzen, Erlebnissen und Beziehungen nicht hinauskommen. Selbst die Frage „Wie geht es Dir?“ landet nach drei Sätzen in einer Ich-Geschichte des Fragenden, und er erzählt von seinem Stress, seinen Befindlichkeiten usw. Ob das jemand hören will, spielt dabei keine Rolle. Bei ganz Hartnäckigen hören wir die Storys immer wieder. Dieses Phänomen nenne ich „Heimkino“. Ein Gespräch kommt nicht zustande, denn die Anderen dienen nur als Projektionsfläche, auf der die Welt des Redenden aufgetragen wird.

Wie rutschen wir ins Heimkino? Woher kommt das? Ich stehe immer im Mittelpunkt meiner Welt. Nur meine Zahnschmerzen empfinde ich. Die Zahnschmerzen der Anderen kann ich nicht fühlen und empfinde sie bestenfalls in Analogie zu meinen eigenen. Die Grenze meiner Haut ist der Horizont, innerhalb dessen ich lebe. Ich stehe immer im Mittelpunkt meiner Welt.

Diese Situation kann man die „natürliche Egozentriertheit des Menschen“ nennen. Mit einem Bild gesprochen: Stellen wir uns einen Menschen vor, der mit dem Schiff über den Ozean fährt. An der Reling steht er und schaut auf das Meer hinaus. Hier bemerkt er augenfällig, dass er im Mittelpunkt seiner Welt steht. Er sieht das Wasser bis zum Horizont, er riecht die salzige Luft, hört die Wellen und er denkt über seine Reise nach. Ganz bei sich bleibt er mit all den Bildern, Gerüchen und Gedanken. Die Welt, in der er lebt, wird zu seiner Umwelt. Sie umgibt ihn.

Auf einmal taucht am Horizont etwas auf und nach einer Weile sieht unser Mensch ein Schiff. Das herannahende Schiff schaut er interessiert an. Nun kann er sich vorstellen, dass auf dem anderen Schiff auch einer – so wie er – steht und sein Schiff anschaut. Perspektivwechsel nennt man das. Dazu braucht es aber so etwas wie Vernunft, weil die sinnliche Wahrnehmung uns immer nur die eigenen Empfindungen präsentiert. Die Vernunft schafft es, die Welt mit anderen Augen zu sehen und fremde Gedanken zu denken. Dazu bedarf es allerdings der Aufmerksamkeit, des Zuhörens und vor allem der Gelassenheit – nämlich seinen eigenen Willen und seine Interessen sein-lassen-zu-können. Man die Vernunft auch „Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit“ nennen. So können wir Welt gewinnen und nicht nur Umwelt haben.

Allerdings schmeißen wir ganz selten unsere Vernunft an und sind für anderes aufmerksam. Darum richten wir es uns im Heimkino so gemütlich und vertraut ein. Vielleicht ist es schon ein Gewinn, wenn ich darum weiß, dass ich in der Regel im meinem Heimkino sitze und die Anderen in ihrem.