Bauchgefühl

„Es fühlt sich gut an“, kann man von vielen Menschen hören und bei Entscheidungen, dieses zu tun und jenes zu lassen, folgen sie dann ihrem Gefühl. Abschätzig kann man vielleicht sagen, dass solche Menschen nicht überlegen und einfach oberflächliche Bauchmenschen sind, welche aus ihrem Bauch heraus Entscheidungen fällen. Gefühle sind ja an den Reiz des Augenblicks gebunden, obendrein noch leicht zu manipulieren und darum nicht immer der beste Ratgeber.

Und trotzdem: Gefühle liefern einen ersten Zugang zum Wertgehalt der Wirklichkeit. Worüber freuen wir uns? Was ekelt uns an? Was erregt unsere Aufmerksamkeit? Wovor möchten wir am liebsten weglaufen? Wie das zu bewerten ist, sei erst mal dahingestellt. Dass wir allerdings vorrational mit unseren Emotionen werten, ist eine Tatsache, die zu ignorieren nicht klug ist. Es gibt grundlegende menschliche Gefühle, weil wir schlicht und einfach Menschen sind.

Dann gibt es auch Gefühle, die aus dem Habitus – aus der Tiefe einer Person – kommen und etwas reklamieren, was die operative Vernunft im Eifer des Gefechts vielleicht übersieht. Was ist damit gemeint? Es gibt Gefühle, die von unserer inneren, persönlichen Haltung herrühren und das, was jemand ist, emotional artikulieren. Dann schämen wir uns zum Beispiel wegen einer Handlung, obwohl die Vernunft diese Handlung legitimierte.

Wie kommt das? Was ist das? Warum schämen wir uns überhaupt? Man kann zum Beispiel sagen, dass wir uns schämen, wenn der öffentliche Ruf gefährdet wird. So sagen bisweilen Jugendliche, wenn die Mutter übereifrig vor Freundinnen agiert: „Mama, das ist peinlich, ich schäme mich.“ Das ist Scham vor Schande, die berechtigt sein mag oder auch nicht. Da gibt es aber noch eine andere Scham: Das, was ich getan habe, möchte ich mir gar nicht anschauen oder darüber reden, ich möchte es einfach nur vergessen, weil im Gedanke an jene Handlung es mir die Schamröte ins Gesicht treibt. Dieses Schamgefühl artikuliert emotional glasklar: Jene Handlung passt nicht zu mir und ich bist ganz anders, als ich mich in der Handlung gezeigt habe. Die Scham reklamiert eine eklatante Abweichung vom Habitus.

Hier tritt eine Zwiespältigkeit auf. Kann ich mich überhaupt auf mein Gefühl verlassen? Im Grunde genommen kann man sich auf das Bauchgefühl verlassen, wenn der Bauch keine Blähungen hat. Wenn der Bauch nicht in Ordnung ist, dann ist er kein guter Ratgeber. So kann sich der Lustmolch wohl nicht auf sich und sein Gefühl verlassen, denn durch seine Lebensführung hat sein Habitus einen Defekt: Ihm fehlt etwas, nämlich die Scham, und darum benimmt er sich schamlos. Auch der Ungehobelte kann sich nicht auf sein Gefühl verlassen, denn es fehlt ihm etwas; er ist einfach unsensibel und unkultiviert. Das ist ein eklatanter Defekt: Das moralische Gefühl fehlt. Wer kann sich auf seine Gefühle verlassen? Der Tugendhafte darf sich auf seine Gefühle verlassen. Der Lasterhafte, sei es der Unsensible oder der Lustmolch, wird von seinen chaotischen Gefühlen sehr wahrscheinlich in die Irre geführt.

Ergo: Eine Portion Skepsis gegenüber dem Bauchgefühl ist angebracht, denn wer weiß schon genau, ob die innere, persönliche Haltung angegriffen ist oder nicht. Wem das Wort Bauch­gefühl zu platt klingt, der darf auch Intuition sagen.

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