Bliss Point

Bliss-Point, auf Deutsch „Sättigungspunkt“, kommt aus der Ökonomie und bezeichnet den optimalen Zustand einer Aktion, also den Grenznutzen. Was heißt hier optimaler Nutzen? Das ist der Punkt, an dem das Bedürfnis befriedigt wird, an dem wir satt sind. Normalerweise denken wir ja „Viel hilft viel“ – schnelleres Internet, mehr Anwendermöglichkeiten, größere Speichkapazitäten, mehr Zugriffe auf die Homepage sind immer besser. So preisen sich zum Beispiel die Medien des digitalen Zeitalters an. Das mag ja richtig sein. Aber bisweilen widerspricht dem Mehr schon eine fatale Erfahrung: Wenn ich zum Beispiel zu viel von dem leckeren Gänsebraten esse, dann habe ich drei Stunden später nicht nur einen Stein im Magen liegen, sondern auch noch heftige Schmerzen.

Ökonomisch betrachtet fasst dieses Phänomen der Bliss-Point in ein Modell. Stellen Sie sich bitte ein Diagramm vor: Auf der Horizontalen steht ‚Nutzenzuwachs‘ und auf der ‚Horizontalen‘ Gütereinsatz. Nicht wie erwartet entsteht im Diagramm eine Linie von 45 Grad, sondern eine Kurve, welche ansteigt, einen Höhepunkt erreicht und dann – bei weiter steigendem Gütereinsatz – wieder abfällt. Der Gütereinsatz bringt anfangs einen Anstieg des Nutzens, bis ein Höhepunkt (der Bliss-Point) erreicht wird. Dann minimiert jedoch jedes weitere Gut den Nutzen. Als bekennender Raucher kenne ich dieses Phänomen: Die Zigarre mundet wunderbar und ich möchte gleich das Genusserlebnis mit einer weiteren Zigarre wiederholen. Doch das klappt nicht, denn die nächste Zigarre schmeckt fade. Der optimale Genuss stellt sich dann ein, wenn ich ‚die Schlagzahl‘ der Zigarren verringere und nur eine im Monat rauche. Die Ökonomie sagt dazu: Der Grenznutzen beschreibt den Nutzenzuwachs. Hermann Heinrich Gossen (1810–1858), ein Mathematiker, beschrieb dieses Phänomen mit der Formel ‚Erstes Gossensche Gesetz‘.

Wenn also der Grenznutzen den Nutzenzuwachs markiert und nicht ein Mehr an Gütern, dann drängt sich die Frage auf: Ist „je mehr, desto besser“ sinnvoll? Mehr Geld für die Bildungseinrichtungen und die Leute werden klüger und kompetenter? Das soll kein Kulturpessimismus werden und auch keine Abrechnung mit der sozialen Marktwirtschaft. Auf eine grundlegende – philosophische und theologische – Frage, die wir gar nicht oder nur ganz selten stellen, intendiere ich mit diesem Gedanken:

Was sättigt die Seele eines Menschen? Wo liegt unser Bliss-Point?

Dabei habe ich ein Bild vor Augen. Mein sieben Monate alter Enkel Ilyas ist noch ein ‚Milchmastlamm‘, weil ihn seine Mutter stillt. Wenn er Hunger hat, dann quengelt er nicht nur, er macht richtig Krawall, bis er ‚gestillt‘ wird. Danach lässt er gesättigt alle Viere baumeln und auch sein Gesicht schaut entspannt aus. Analogie: Bisweilen habe ich den Eindruck, dass meine Seele auch so ein ‚Milchmastlamm‘ ist und quengelt. Nur ist der seelische Bliss-Point weder mit Milch, Zigarren und ähnlichen Gütern zu erreichen (oder nur scheinbar, wenn ich mir was vormache.)

Was sättigt die Seele eines Menschen? „Die Schau des Schönen selbst“, bietet Platon im Symposion an. „Die Schau der Wahrheit“, sagt Aristoteles in der Nikomachischen Ethik. „Du hast uns auf Dich hin geschaffen, und unruhig ist das Herz in mir, bis es Ruhe findet in Dir“, bekennt Augustinus in den Confessiones. Was ist denn groß genug, um die Seele überhaupt (nachhaltig und nicht nur für einen Kick) ausfüllen zu können?

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