Krise und Katastrophe

Häufig werden Krise und Katastrophe verwechselt. Darum lohnt es sich, beide Wörter anzuschauen.

Krise bezeichnet eine Entscheidungssituation wie eine politische Krise oder Ehekrise. Das griechische Wort kommt vom Verb „scheiden“ und „urteilen“. Die Krise meint eine Notlage, einen Zustand, der zu einer Entscheidung bzw. zu einem Urteil drängt. Vielleicht kann man diese Situation mit dem Gerichtssaal vergleichen. In diesem Raum wird ein Urteil gefällt, das der Richter spricht; und dieser Raum hat zwei Türen – eine ins Gefängnis und eine auf den Flur.

Die Entscheidungssituation bereitet uns keine Freude, und wir erleben sie als verwirrend und chaotisch. Allerdings vergessen wir in der Regel dabei, dass in jeder kritischen Situation eine Chance, eine Lösung steckt, die sich leider nicht offensichtlich zeigt. Im Nachhinein entdecken wir dann, dass wir diese Krise bitter nötig hatten, um einen Kurswechsel zu vollziehen. Manche Krise bewahrt uns vor dem Absturz.

Das Wort Katastrophe meint genau diesen Absturz. Um wieder eine Metapher zu bemühen, kann man sich die Katastrophe bildlich als Kieloben und Untergang vorstellen, denn das griechische Wort heißt „umdrehen“ (und „zerstören“). Sie fahren mit einem Schiff, kommen in einen höllischen Sturm und das Schiff dreht sich um, so dass nicht mehr die Aufbauten, sondern das Kiel oben liegt. Alle ertrinken auf dem Schiff. Da ist nichts mehr zu retten. Es geht ohne Chance unter.

Ergo: Wir brauchen Krisen, um Katastrophen zu entgehen.

Honorar

Honorar und Lohn werden in der Regel synonym gebraucht. Doch da gibt es einen Unterschied, der aufmerken lässt.

Eine Geldzahlung für eine erbrachte Leistung suggeriert, dass mit dem Geld die Leistung bezahlt sei. Mit dem Blick auf Lohn stimmt das ja auch. Erhalte ich zum Beispiel vom Maurer Braun eine Rechnung, auf der die Lohnstunden mit 48,00 € netto neben verschiedenen Materialien und anderen Aufwendungen angeführt werden, und ich bezahle diese Rechnung, dann ist die Leistung des Maurers abgegolten und ich bin ihm nichts mehr schuldig. Durch die Bezahlung der Rechnung ist nichts mehr offen, denn das Geld gleicht die erbrachte Leistung aus. Dafür haben die Mensch auch das Geld erfunden. Es kann als ein neutrales Maß Unterschiedliches ausgleichen, weil es Dinge und Leistungen kommensurabel machen kann. Wie sollte ich sonst dem Maurer Braun gerecht werden? Mit Philosophieseminaren ist ihm nicht geholfen, mit den Euros auf seinem Konto kann er schon etwas anfangen. Der Lohn gleicht die erbrachte Arbeit wie die vermauerten Steine vollständig aus.

Anders verhält es sich bei dem Musiker Timo. Wenn er mit seinen Freunden am Abend einer Akademietagung ein kleines Konzert gibt, dann kann ich ihm die Leistung mit einem Geldbetrag honorieren, aber nicht bezahlen. Honorar meint hier erstens die Anerkennung – also das Honorieren – seiner Bemühungen und zweitens einen Beitrag zu seinem Lebensunterhalt, denn vom Applaus kann er keine Miete bezahlen. Honorar bedeutet hier, dass mit der Geldzahlung die musikalische Leistung nicht abgegolten bzw. bezahlt ist. Warum? Sicherlich kann Geld vieles kommensurabel – vergleichbar – machen, aber eben nicht alles. Leistungen der „freien Künste“ sind inkommensurabel also unvergleichbar. Das Honorar wertschätzt die Leistung und liefert einen Beitrag zum Lebensunterhalt, geltet sie allerdings nicht durch einen Geldzahlung ab.

Karriere

Um die Karriere gehe es in unserem Leben, so der Mainstream. Da lohnt es sich schon zu fragen, was Karriere ist, wenn sie so dominant gehandelt wird. Vom lateinischen Wort „carrus“ – der vierrädrige Wagen, der Karren – kommt Karriere, auch das englische Wort „car“ – das Auto – zeugt davon. Wenn vierrädrige Wagen häufig den gleichen Weg fahren, hinterlassen sie eingefahrene Wege, Fahrspuren. In Pompei kann man das sehr schön sehen. Besonders in Straßen mit großen Steinplatten als Pflaster fräsen die Karren tiefe Spurrillen, aus denen Sie nicht wieder herauskommen, wenn Sie einmal drin sind. Die Bewegungsfrei-heit wird eingeschränkt, weil Sie in der Spur bleiben müssen. Die etymologische Herkunft des Wortes Karriere verweist auf die Bedeutung „fest eingefahrene Spurrillen“.
Wenn also jemand Karriere machen will, muss er sich an die jeweils geltenden Normen (Be-nimmregeln, Hierarchien, Kleiderordnungen, Sprachspiele, Sitten, Codes, etc.) halten. Je-weils geltend heißt, der Unternehmenskultur entsprechend, denn es macht einen Unter-schied, ob Sie bei der Stadtverwaltung oder als selbständiger Kfz-Meister, bei Greenpeace oder Rheinmetall Karriere machen wollen. Sind Sie einmal im jeweiligen System drin, dann müssen Sie den eingefahrenen Wegen folgen, also „in der Spur“ bleiben und „spuren“.
Zum Weiteren beobachte ich gegenwärtig, dass Karriere sich zum Lebensziel oder zum Sinn des Lebens gemausert hat. Nicht nur in den Samstagsausgaben der Tageszeitungen (und zwar in den Teilen „Beruf und Chance“ und Stellenanzeigen), sondern auch im Sport, in der Geschlechtergerechtigkeit und sogar in den Stellenanzeigen der Kirchen tritt Karriere als letztbegründendes Ziel beruflicher Aktivitäten auf – und das unhinterfragt. Selbst Work-Life-Balance wird als Erfolgsfaktor gehandelt und erfährt seine sinnstiftende Begründung durch den Verweis auf Karriere: Die seelische und körperliche Gesundheit gilt als Voraus-setzung für effizientes Arbeiten.
Eine weitere Beobachtung: Als der Präsident der Leuphana Universität Lüneburg die Mas-ter-Urkunden in einer feierlichen Stunde den anthrazit-grau gekleideten Absolventinnen aushändigte und in seiner Rede das Wort „Karriere“ fiel, erhob sich seine Stimme zu einem sonoren, würdevollen Ton und wurde von den Zuhörern mit andächtigen Schweigen quittiert. Etwas Heiliges betrat den Raum. Mir kam das vor wie die Erscheinung einer Götting und zwar in einer liturgischen Feier.

Exkurs: Einen letzten Zweck kann man nicht beweisen, er wird gesetzt (vielleicht findet man ihn auch) und wir glaubt an ihn, vertrauen ihm. Diesem letzten Zweck op-fert man seine Lebenszeit, seine emotionalen Bindungen, ihm öffnet man sein Portemonnaie, schenkt ihm die volle Aufmerksamkeit und vor allem sein Herz – nach dem Motto: Sag mir woran Dein Herz hängt, und ich sage Dir, wer Dein Gott ist. Die entscheidende Frage ist: Rettet dieser Gott? Erlöst diese Göttin? Lässt uns dieser letzte Zweck irgendwann allein und verzweifelt zurück, dann war es ein Idol, eine scheinbare Göttin.

Karriere packt uns an der Achillesferse Eitelkeit, denn in uns allen schlummert oder lauert der Wunsch, von anderen anerkannt, bewundert und vielleicht sogar gemocht zu werden. Karriere verspricht das nicht nur, sondern gewährt uns auch dieses Glück: Wer Karriere macht, genießt die Anerkennung der anderen und sein Ableben wird letztendlich in der Ta-gesschau kundgetan. Dieses Glück können wir sinnlich wahrnehmbar genießen, wir können es auch intellektuell kosten.
Allerdings gibt es auch kritische Fragen an dieses Karriere-Glück:
• Es gab eine Zeit vor der Karriere, es gibt eine Lebenszeit unter ihrer Herrschaft und es wird eine Zeit nach ihr geben. Welches Ziel ist hier wirklich nachhaltig?
• Wird mein Leben sinnlos, wenn das Karriereziel verfehlt ist und ich gescheitert bin?
Mein Verdacht ist, dass Karriere eine scheinbare Göttin, also ein Idol, ist, und unsere Le-benszeit und Energie aufbraucht. Letzten Endes lässt sie uns ausgesaugt und verzweifelt zurück.

Hypothese

Das griechische Wort „hypothesis“ wörtlich übersetzt heißt das „Unterlegte“ oder die „Unterstellung“. Darum verwenden wir das Wort Hypothese im Sinn einer theoretischen Annahme.  In der Erkenntnistheorie bedeutet es die Voraussetzung, die Annahme von Gründen, Ursachen, Kräften und Gesetzen. So wird häufig von einer Arbeitshypothese gesprochen, welche einer Verifizierung unterzogen wird und gegeben falls falsifiziert wird, das heißt sie wird bewahrheitet oder als falsch verworfen.

Wir bilden Hypothesen, weil wir einen Sachverhalt verstehen wollen. Ein schönes Beispiel gibt Aristoteles: „Freiheit ist eine Hypothese der Demokratie“ Politik  1317a.

Wenn Axiome fest angenommene und geglaubte Grundannahmen sind, die nichtbeweisbar sind und auch keines Beweises bedürfen, dann sind Hypothesen flexibler, denn sie werden geprüft und können auch widerlegt werden, ohne dass ein Weltbild zusammenbricht. Ändern sich Axiome, dann sprechen wir vom Paradigmenwechsel, weil ein Orientierungssystem obsolet wurde. Wenn sich Hypothesen als unhaltbar erweisen, bricht deswegen die Welt noch nicht zusammen. Dann gehen wir eben von einer anderen Annahme aus – wohl wissend, dass eine Gewissheit vorerst aussteht.

Spielwitz

Seit einigen Jahren erlebt eine mittelalterliche Vorstellung vom Menschen eine Auferstehung, die nahezu schon Mode geworden ist: der spielende Mensch „homo ludens“. An vielen Ecken hört man, dass Kinder spielend lernen sollen, dass in Unternehmen kreative Lösungen spielend gefunden werden und dass Entscheidungen in Spielsituationen generiert werden. Wie kommt es, dass der Mensch als „homo ludens“ wiederentdeckt wird? Darf man überhaupt so unernst an den Menschen herangehen? Als bekennender Spieler unternehme ich es.

Bei einem gutem Spiel, wie zum Beispiel beim Skat, werden die Karten ausgeteilt, und welche Karten man auf die Hand bekommt, unterliegt dem Zufall. Diese Zufälligkeit der Chancen akzeptieren die Spieler. Darüber hinaus hat das Spiel feste Regeln, an die sich jeder Spieler bindet, also akzeptiert. Im Spiel gilt es nun, das beste aus seinen Karten zu machen, das heißt mit Aufmerksamkeit und einer gewissen Logik – auf Sächsisch „mit Spielwitz“ – die Karten zu spielen. Mit der Zeit lernt der Spieler durch Übung und Erfahrung, nicht nur seine Karten im Blick zu haben und seine Logik zu verfolgen, sondern auf das Spiel der anderen einzugehen, sich in ihre Lage zu versetzen und ihre Gedanken zu lesen. Bemerkenswert ist auch, dass selbst ein verlorenes Spiel noch Freude bereiten kann. Wenn dieser und jener Zug gelingt, wenn man sich mit den anderen versteht und nicht „schwarz“ gespielt – also gedemütigt – wurde, kann das Spiel immer noch Freude machen. Sieg oder Gewinn sind nicht unbedingt der Lohn des Spiels, sondern die Freunde am Spielen; das heißt, Sinn und Zweck des Spiels liegen im Spielen selbst.

Nimmt man nun so ein Spiel als Metapher für das Leben eines Menschen, dann lassen sich einige Parallelen erkennen. Wir Menschen werden geboren und können uns weder die Eltern, noch den Geburtsort oder den Zeitpunkt der Geburt und vieles andere aussuchen. Mit diesen Fakten, Umständen und Chancen können wir leben, sie akzeptieren und aus ihnen etwas Sinnvolles machen. Ob wir gewinnen oder verlieren, ob wir auf dem Treppchen stehen oder das Nachsehen haben, steht auf einem anderen Blatt geschrieben, und es ist müßig, sich über schlechte Karten und das Glück der anderen zu beschweren. Einerseits spielen die Umstände, Chancen und ungleich verteilte Talente eine Rolle, andererseits aber auch die persönliche Lebensführung, die sogar aus einer scheinbaren Benachteiligung eine Stärke machen kann.

Das Spiel geht kaputt oder wird zur Spielsucht, wie das Dostojewskij sehr anschaulich im Roman „Der Spieler“ schildert, wenn man immer gewinnen will und nur den Sieg im Sinn hat. Diese Begierde saugt alle Lebensenergie aus dem Spieler und hinterlässt ihn leer wie eine Hülse. Derjenige, der immer im Spiel gewinnen will, sucht Erfüllung, findet aber nur Erschöpfung. Langfristig wird er auch verlieren. Das Glück liegt nicht im Gewinn, denn dieser suggeriert nur Glück, sondern im Spielen, in einer Tätigkeit.

Kann man diese Einsicht auch auf unser Leben übertragen? Was macht das Leben lebenswert? Worin liegt der Sinn des Lebens? Einige Angebote kann man ja mal durchgehen und mit Spielwitz prüfen: das Vermächtnis, der Fensterplatz im Himmel, die zahlreiche Nachkommenschaft, das Nicht-Vergessenwerden. Diese Angebote schmecken nach Gewinn, sind also Surrogate und haben Suchtpotential. Was macht das Leben lebenswert? Ich vermute irgendeine Tätigkeit.

transzendent – transzendental

Die Wörter „transzendent“ und „transzendental“ klingen zum Verwechseln ähnlich und werden darum auch gern synonym verwendet, was allerdings falsch ist. Darum ist die Frage nach diesen Begriffen in Philosophieprüfungen sehr beliebt, und manch einer ist darüber schon gestrauchelt. Beide Worte haben das lateinische „transcendere“ gemeinsam, was „überschreiten“ oder „hinüberschreiten“ bedeutet.

Das ältere von beiden ist „transzendent“ und bezeichnet ein Hinüberschreiten von der diesseitigen in eine jenseitige Welt. Wahrnehmungen, Erfahrungen, Bezeichnungen, Begriffe, Einsichten und Zusammenhänge aus unserer diesseitigen Lebenswelt werden genommen und auf eine jenseitige Welt übertragen, das heißt auf eine Welt, die mit unserer sinnlichen Wahrnehmung und rationalen Denkvermögen nicht erreichbar ist. Das Wahrnehmungs- und Denkvermögen bilden eine Grenze, die überschritten – also transzendiert – wird. So kann man zum Beispiel transzendent vom Urknall oder von Gott als Anfang ohne Anfang sprechen.

Das Wort „transzendental“ führte Immanuel Kant ein, um seine kritische Philosophie zu charakterisieren, die dann auch Transzendentalphilosophie heißt. Was macht menschliches Erkennen überhaupt erst möglich? Was sind die Möglichkeitsbedingungen des Erkennens? Was liegt „vor“ jeder menschlichen Erkenntnis? Die erste Antwort: Raum und Zeit sind für die sinnliche Wahrnehmung notwendig und liegen darum „transzendental“ vor jeder Erfahrung; anders gesagt: Ohne Raum und Zeit kann es keine Erfahrung geben. Darum können wir vom Urknall auch nichts aussagen, denn Raum und Zeit entstanden erst nach dem Urknall. Die zweite Antwort: Weil die Wahrnehmungsdaten noch unsortierte und nichtidentifizierte Informationen der Sinnesorgane sind, benötigen sie ein System der Zuordnung – und das ist die Vernunft mit ihren Kategorien. Im Denk- oder Erkenntnisvermögen finden wir Sortierkriterien, die „transzendental“ vor jeder Erkenntnis in der menschlichen Vernunft vorhanden sind.

Vorsicht: Das zum Verwechseln ähnliche Wort „Transzendentalien“ gehört nicht zu Kants Wortschatz; siehe den Gedanken des Monats „Transzendentalien“.

Subsidiarität

In politischen Diskussionen, insbesondere wenn es um Zuständigkeiten in der europäischen Union geht oder Verteilungsfragen im Sozialstaat geht, taucht gelegentlich das Wort Subsidiarität auf. In der Sache geht es darum, in welcher Zuständigkeit jemandem geholfen werden soll.

Weil es 1931 zum ersten Mal von Oswald von Nell-Breuning ausformuliert wurde, lasse ich ihn zu Wort kommen: „Für dieses Prinzip hat der Volksmund eine zwar scherzhaft klingende, dafür aber sehr anschauliche Wendung: ‚die Kirche nicht aus dem Dorf tragen‘. Was im Dorf, in der Ortsgemeinde geleistet werden kann, das trage man nicht an das große öffentliche Gemeinwesen Staat heran; was im engeren Kreis der Familie erledigt werden kann, damit befasse man nicht die Öffentlichkeit; was man selbst tun kann, damit behellige man nicht andere. Das sind praktische Anwendungsfällte, aus denen unmittelbar abzulesen ist, worum es beim Subsidiaritätsprinzip geht. Man kann die Reihenfolge bilden: Selbsthilfe – Nachbarschaftshilfe – Fernhilfe. Alle Vergesellschaftung soll für den Menschen ‚hilfreich‘ sein, das heißt, zu seinem Einzelwohl beitragen. Nun aber kommt dem Menschen für das, worin wesentlich sein Wohl besteht, nämlich für die Entfaltung seiner Persönlichkeit, nichts anderes so sehr zustatten wie das eigene Tun, die eigene Leistung, die Selbstbewährung. … Darum fordert das Subsidiaritätsprinzip: was der einzelne aus eigener Initiative und eigener Kraft leisten kann, darf die Gesellschaft ihm nicht entziehen und an sich reißen, ebenso wenig darf das, was das kleinere und engere soziale Gebilde zu leisten und zum guten Ende zu führen vermag, ihm entzogen und umfassenderen oder übergeordneten Sozialgebilden vorbehalten werden. Auch dieses Prinzip leitet sich unmittelbar her aus dem Verhältnis von Einzelwohl und Gemeinwohl; das Ganz soll dem Glied, soweit diesem Hilfe überhaupt dienlich sein kann, möglichst gut helfen. Die beste Gemeinschaftshilfe ist die Hilfe zur Selbsthilfe; wo immer Gemeinschaftshilfe zur Selbsthilfe möglich ist, soll daher die Selbsthilfe unterstützt, Fremdhilfe dagegen nur dann und insoweit eingesetzt werden, wie Gemeinschaftshilfe zur Selbsthilfe nicht möglich ist oder nicht ausreichen würde. … Recht verstanden hält das Subsidiaritätsprinzip genau die goldene Mitte: positiv gewendet wehrt es der individualistischen, negativ gewendet der kollektivistischen Einseitigkeit.“ Oswald von Nell-Breuning SJ, Gerechtigkeit und Freiheit, Wien 1980, S. 48-50.

 

Die Solidarität stellt den Anspruch fest, und die Subsidiarität regelt die Art und Weise der Hilfe. Wie wird geholfen? Wer hilft? Der Akzent liegt auf der Hilfe zur Selbsthilfe.

  1. Eigenverantwortung. Jeder Mensch ist der Akteur seines Lebens und hat damit auch die Pflicht, sein Leben zu führen.
  2. Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn jemand nicht in der Lage ist, sein Leben selbständig zu führen, muss ihm geholfen.
  3. Die größere soziale Einheit hilft. Wenn die Hilfe zur Selbsthilfe nicht greift, erst dann hat die nächst höhere soziale Einheit das Recht, demjenigen Aufgaben abzunehmen.

Durch die Subsidiarität wird das Recht kleiner sozialer Einheiten gewahrt, ihre Angelegenheit selbst zu regeln.

Wandern

Bisweilen kann es ja vorkommen, dass die Gedanken unsortiert im Kopf herumsausen und uns in Unruhe versetzen. Klarheit wünschen wir uns zwar, aber sie stellt sich nicht ein. Da gibt es eine Empfehlung, um wieder den Durchblick zu gewinnen: Wandern.
Beim Wandern wird der Leib in Bewegung gebracht, und zwar in eine rhythmische. Die Bewegung stimuliert den Kreislauf und die Muskeln. Wir werden hell wach. Meines Erachtens überträgt sich das nach einer gewissen Zeit auch auf den Geist. Dieser kommt in eine gleichmäßige Bewegung, und unser Denken gewinnt durch den Rhythmus des Gehens an Intensität. Wir können uns so auf einen Gedanken leichter konzentrieren und lästige Ablen-kungen ausblenden. Manches Beiläufige, das zuvor einem vielleicht den Durchblick versperrte, verfliegt, und das Wesentliche tritt in Erscheinung. Vielleicht inspiriert der freie Raum auch zu anderen Gedankengängen. Allerdings braucht das wandernde Denken etwas Geduld und Demut. Man kann es nicht machen oder erzwingen. Der klare Gedanke (oder Durchblick) stellt sich ein, wann er will, und nicht, wann ich es will.
Meine Empfehlung: Nehmen Sie beim Wandern etwas zu Schreiben mit. Manchmal blitzt ein heller Gedanke auf, der nicht wieder entweichen soll. Dann sind eine Bank, Stift und Papier sehr hilfreich.
Bei der Lektüre des Thomas von Aquin habe ich mich häufig gefragt, wie er zu so präzisen und schnörkellosen Einsichten gelangte. Als Bettelmönch durfte er keinen Wagen benutzen und musste alles zu Fuß gehen. Auf diesen Märschen durchwalkte er seinen Gedankengang, so mein Eindruck, und schrieb abends das Ergebnis auf.

Beim Wandern kann man auch sehr gut Gespräche führen. Die Gesprächspartner haben einen gemeinsamen Weg, gehen im gleichen Tempo und finden wahrscheinlich auch einen gemeinsamen Rhythmus. Sie haben vieles gemeinsam und damit eine solide Basis. Das Zuhö-ren gelingt beim Wandern viel leichter als am Tisch. Auch ist das Schweigen beim Wandern nicht peinlich. Die Gesprächspartner können wortlos eine Zeit nebeneinandergehen, ohne Angst haben zu müssen, die Kommunikation sei zerbrochen und nicht mehr möglich. Damit will ich sagen, beim Wandern gelingen Zuhören und gemeinsames Nachdenken eher als in anderen Situationen.
Platon gibt ein sehr schönes Beispiel dafür: Drei Freunde gehen in Athen vom Phaleron, dem alten Hafen, in die Stadt hinauf. Einer der Drei will wissen, was für Reden auf dem Symposion gehalten wurden, und Apollodor nutzt die Wegstrecke, um den anderen beiden zu erzählen, was er vom Symposion gehört hat. „… ist doch der Weg in die Stadt hervorragend geeignet, im Gehen sowohl zu reden als auch zu hören.“ (Platon, Symposion 173b)

Auge

Beim Wort Auge denken wir zuerst an das Organ der visuellen Wahrnehmung. Es gehört zu den fünf Vermögen der sinnlichen Wahrnehmung und ermöglicht uns neben dem Tasten, Schmecken, Riechen und Hören eben das Sehen. Die Augen nehmen visuelle Reize auf und geben das dem Intellekt weiter, was sie vom gesehenen Gegenstand aufgenommen haben. Ob dann – zum Beispiel – der gesehene Baum tatsächlich so ist, wie das Auge ihn sieht, ist eine andere Sache. Die sinnlichen Reize teilen die Augen mit, nicht mehr und nicht weniger.
Nun können die Augen auch erkranken. Dann muss eine Augenärztin aufgesucht werden, die zum Beispiel eine Bindehautentzündung diagnostiziert und kurieren kann. Wenn die Augen-krankheit behoben ist, steht das Sehvermögen wieder vollständig zur Verfügung. Bei man-chen macht sich allerdings eine Augenkrankheit wie zum Beispiel der grüne Star so breit, dass das Sehvermögen teilweise oder ganz verloren geht. Das Auge als leiblichen Organ muss also gesund sein, damit wir visuell wahrnehmen können.
Damit die Augen etwas sehen können, benötigen sie neben der Gesundheit und dem Gegen-stand noch ein Drittes: Licht. Im Dunkeln können wir zwar tasten, schmecken, riechen und hören, aber wir sehen nichts, selbst wenn die Augen gesund sind und der Gegenstand da ist. Licht benötigt die visuelle Wahrnehmung.
Nicht nur mit den leiblichen Augen sehen wir. Erinnern wir uns an etwas, dann kann das Erinnerte uns vor dem „inneren Auge“ stehen und wir sehen es. Auch wenn wir ein Buch lesen, können wir etwas sehen. Die Phantasie oder Vorstellungskraft stellt uns Bilder zur Verfügung. Selbst in einem Buch über Quantengravitation kann man lesen: „Die Physik ent-steht vor seinem geistigen Auge, und mit seinem Vorstellungsvermögen erschafft er (Fara-day) neue Welten … Er ‚sieht‘ etwas Neues.“
Eine Metapher knüpft hier an. Sprachlich heißt „wissen“ so viel wie „ich habe gesehen“. Darum benutzen wir umgangssprachlich die visuelle Wahrnehmung als Metapher für den intellektuellen Erkenntnisvorgang. Einsehen, was ein Baum ist, heißt soviel wie, ich weiß, was ein Baum ist. Dann sehe ich einen Baum vor meinem „inneren Auge“.

Nun wird es allerdings schwierig. Die Organe der sinnlichen Wahrnehmung sind mit dem Leib verbunden, und wir können sie ausmachen: Haut, Zunge, Nase, Ohren und Augen. Ist das „innere Auge“ ein Organ? Wo können wir es lokalisieren? Vom „Auge des Herzens“ und auch vom „Auge der Seele“ wird gesprochen. Dass es sich dabei nicht um ein leibliches Or-gan handelt, ist klar. Können wir mit dem Herzen und der Seele sehen? Welches Licht benö-tigt das innere Auge? Kann auch das „innere Auge“ erkranken oder gar erblinden? Was ist damit gemeint? Vielleicht bieten sich zwei Lösungen an.
a. Metaphorisch sprechen wir so von mentalen Phänomen und beschreiben Tätigkeiten wie Erinnern, Vorstellen, Denken und Erkennen. Tatsächlich gibt es ein inneres Auge nicht, auch wenn wir Bilder sehen.
b. Das innere Auge existiert wirklich, und wir stellen es uns in Analogie zum leiblichen Auge vor, weil wir es nicht anders beschreiben können. Auch wenn wir kein Organ wie den Augapfel feststellen können, nehmen wir ein geistiges Auge an, welches er-kranken und sogar erblinden, aber auch genesen und scharf sehen kann.

Philosophieren als Christ (2)

Wenn ein Christ die Wirklichkeit als Schöpfung aus der Hand eines Schöpfers glaubt, so sagte ich im 1. Teil, löst er einige Probleme wie zum Beispiel, warum Menschen Wirklich-keit verstehen können. Andere Probleme bzw. Ärgernisse handelt er sich allerdings durch seinen Glauben ein:
Die Welt sei nicht perfekt. Defekte wie Schuld, Sünde, Begehren des Schlechten kennzeich-nen ihre Logik. Die Welt könne nicht halten, was sie verspricht, und darum dürfe sich ein Christ nicht an sie verlieren. Eine zweite Provokation: Mein Leben endet nicht mit dem Tod, es geht viel weiter, als ich sehen kann. Drittens: Ich gehöre mir nicht selbst, und darf mit mir darum nicht machen, was ich will. Die vierte Provokation ist vielleicht am ärgerlichsten: Glück. Wenn es so etwas wie einen Bliss-Point (Sättigungspunkt) gibt, dann stellen sich die Fragen. Was sättigt mich wirklich? Wo kommt mein Begehren zur Ruhe? Was füllt meine Seele vollständig aus? Einige Philosophen wie Aristoteles sind der Meinung, durch ein gu-tes, tugendhaftes Leben erwirke ich mir mein Glück selbst. Darum haben heute Themen wie Lebensqualität und Lebenskunst Konjunktur. Ein Christ wird mit einer anderen Position konfrontiert: Dein Glück, die Erfüllung deines Lebens, kannst du nicht selbst machen, es wird Dir geschenkt. Nur Gott – der Schöpfer und Erlöser – könne deine Seele so ausfüllen, dass alles Verlangen gesättigt ist. Diese Liste der Ärgernisse oder Kränkungen unseres Selbstwertgefühls lässt sich bestimmt weiterführen.

Philosophiert ein Christ, gerät er immer in die Spannung von Glaube und Vernunft. Das Wort Gottes, insofern er es als Wahrheit glaubt, nötigt ihn und lässt ihn auflaufen. Aller-dings schützt ihn sein Glaube vor Reduktionismus, vor Ausblendungen und billiger Harmo-nisierung. Bei allem Erkenntnisgewinn und Fortschritt bleibt Wirklichkeit ein Geheimnis. Vor allem schützt ihn sein Glaube vor Resignation.

„Christliches Philosophieren stellt sich unter die Nötigung, eine über den Bereich bloßer Denkschwierigkeiten hinausreichenden Spannung durchzuhalten. Es verbietet sich, dadurch zu einleuchtenden Formulierungen zu kommen, dass man von der Wirklichkeit absieht, auswählt, weglässt. Christliches Philosophieren wird durch Of-fenbarung gezwungen, großräumiger zu denken, vor allem: sich nicht zufrieden zu geben mit der Flachheit irgendwelcher Harmonismen.“ Josef Pieper