Honorar

Honorar und Lohn werden in der Regel synonym gebraucht. Doch da gibt es einen Unterschied, der aufmerken lässt.

Eine Geldzahlung für eine erbrachte Leistung suggeriert, dass mit dem Geld die Leistung bezahlt sei. Mit dem Blick auf Lohn stimmt das ja auch. Erhalte ich zum Beispiel vom Maurer Braun eine Rechnung, auf der die Lohnstunden mit 48,00 € netto neben verschiedenen Materialien und anderen Aufwendungen angeführt werden, und ich bezahle diese Rechnung, dann ist die Leistung des Maurers abgegolten und ich bin ihm nichts mehr schuldig. Durch die Bezahlung der Rechnung ist nichts mehr offen, denn das Geld gleicht die erbrachte Leistung aus. Dafür haben die Mensch auch das Geld erfunden. Es kann als ein neutrales Maß Unterschiedliches ausgleichen, weil es Dinge und Leistungen kommensurabel machen kann. Wie sollte ich sonst dem Maurer Braun gerecht werden? Mit Philosophieseminaren ist ihm nicht geholfen, mit den Euros auf seinem Konto kann er schon etwas anfangen. Der Lohn gleicht die erbrachte Arbeit wie die vermauerten Steine vollständig aus.

Anders verhält es sich bei dem Musiker Timo. Wenn er mit seinen Freunden am Abend einer Akademietagung ein kleines Konzert gibt, dann kann ich ihm die Leistung mit einem Geldbetrag honorieren, aber nicht bezahlen. Honorar meint hier erstens die Anerkennung – also das Honorieren – seiner Bemühungen und zweitens einen Beitrag zu seinem Lebensunterhalt, denn vom Applaus kann er keine Miete bezahlen. Honorar bedeutet hier, dass mit der Geldzahlung die musikalische Leistung nicht abgegolten bzw. bezahlt ist. Warum? Sicherlich kann Geld vieles kommensurabel – vergleichbar – machen, aber eben nicht alles. Leistungen der „freien Künste“ sind inkommensurabel also unvergleichbar. Das Honorar wertschätzt die Leistung und liefert einen Beitrag zum Lebensunterhalt, geltet sie allerdings nicht durch einen Geldzahlung ab.

Karriere

Um die Karriere gehe es in unserem Leben, so der Mainstream. Da lohnt es sich schon zu fragen, was Karriere ist, wenn sie so dominant gehandelt wird. Vom lateinischen Wort „carrus“ – der vierrädrige Wagen, der Karren – kommt Karriere, auch das englische Wort „car“ – das Auto – zeugt davon. Wenn vierrädrige Wagen häufig den gleichen Weg fahren, hinterlassen sie eingefahrene Wege, Fahrspuren. In Pompei kann man das sehr schön sehen. Besonders in Straßen mit großen Steinplatten als Pflaster fräsen die Karren tiefe Spurrillen, aus denen Sie nicht wieder herauskommen, wenn Sie einmal drin sind. Die Bewegungsfrei-heit wird eingeschränkt, weil Sie in der Spur bleiben müssen. Die etymologische Herkunft des Wortes Karriere verweist auf die Bedeutung „fest eingefahrene Spurrillen“.
Wenn also jemand Karriere machen will, muss er sich an die jeweils geltenden Normen (Be-nimmregeln, Hierarchien, Kleiderordnungen, Sprachspiele, Sitten, Codes, etc.) halten. Je-weils geltend heißt, der Unternehmenskultur entsprechend, denn es macht einen Unter-schied, ob Sie bei der Stadtverwaltung oder als selbständiger Kfz-Meister, bei Greenpeace oder Rheinmetall Karriere machen wollen. Sind Sie einmal im jeweiligen System drin, dann müssen Sie den eingefahrenen Wegen folgen, also „in der Spur“ bleiben und „spuren“.
Zum Weiteren beobachte ich gegenwärtig, dass Karriere sich zum Lebensziel oder zum Sinn des Lebens gemausert hat. Nicht nur in den Samstagsausgaben der Tageszeitungen (und zwar in den Teilen „Beruf und Chance“ und Stellenanzeigen), sondern auch im Sport, in der Geschlechtergerechtigkeit und sogar in den Stellenanzeigen der Kirchen tritt Karriere als letztbegründendes Ziel beruflicher Aktivitäten auf – und das unhinterfragt. Selbst Work-Life-Balance wird als Erfolgsfaktor gehandelt und erfährt seine sinnstiftende Begründung durch den Verweis auf Karriere: Die seelische und körperliche Gesundheit gilt als Voraus-setzung für effizientes Arbeiten.
Eine weitere Beobachtung: Als der Präsident der Leuphana Universität Lüneburg die Mas-ter-Urkunden in einer feierlichen Stunde den anthrazit-grau gekleideten Absolventinnen aushändigte und in seiner Rede das Wort „Karriere“ fiel, erhob sich seine Stimme zu einem sonoren, würdevollen Ton und wurde von den Zuhörern mit andächtigen Schweigen quittiert. Etwas Heiliges betrat den Raum. Mir kam das vor wie die Erscheinung einer Götting und zwar in einer liturgischen Feier.

Exkurs: Einen letzten Zweck kann man nicht beweisen, er wird gesetzt (vielleicht findet man ihn auch) und wir glaubt an ihn, vertrauen ihm. Diesem letzten Zweck op-fert man seine Lebenszeit, seine emotionalen Bindungen, ihm öffnet man sein Portemonnaie, schenkt ihm die volle Aufmerksamkeit und vor allem sein Herz – nach dem Motto: Sag mir woran Dein Herz hängt, und ich sage Dir, wer Dein Gott ist. Die entscheidende Frage ist: Rettet dieser Gott? Erlöst diese Göttin? Lässt uns dieser letzte Zweck irgendwann allein und verzweifelt zurück, dann war es ein Idol, eine scheinbare Göttin.

Karriere packt uns an der Achillesferse Eitelkeit, denn in uns allen schlummert oder lauert der Wunsch, von anderen anerkannt, bewundert und vielleicht sogar gemocht zu werden. Karriere verspricht das nicht nur, sondern gewährt uns auch dieses Glück: Wer Karriere macht, genießt die Anerkennung der anderen und sein Ableben wird letztendlich in der Ta-gesschau kundgetan. Dieses Glück können wir sinnlich wahrnehmbar genießen, wir können es auch intellektuell kosten.
Allerdings gibt es auch kritische Fragen an dieses Karriere-Glück:
• Es gab eine Zeit vor der Karriere, es gibt eine Lebenszeit unter ihrer Herrschaft und es wird eine Zeit nach ihr geben. Welches Ziel ist hier wirklich nachhaltig?
• Wird mein Leben sinnlos, wenn das Karriereziel verfehlt ist und ich gescheitert bin?
Mein Verdacht ist, dass Karriere eine scheinbare Göttin, also ein Idol, ist, und unsere Le-benszeit und Energie aufbraucht. Letzten Endes lässt sie uns ausgesaugt und verzweifelt zurück.

Wandern

Bisweilen kann es ja vorkommen, dass die Gedanken unsortiert im Kopf herumsausen und uns in Unruhe versetzen. Klarheit wünschen wir uns zwar, aber sie stellt sich nicht ein. Da gibt es eine Empfehlung, um wieder den Durchblick zu gewinnen: Wandern.
Beim Wandern wird der Leib in Bewegung gebracht, und zwar in eine rhythmische. Die Bewegung stimuliert den Kreislauf und die Muskeln. Wir werden hell wach. Meines Erachtens überträgt sich das nach einer gewissen Zeit auch auf den Geist. Dieser kommt in eine gleichmäßige Bewegung, und unser Denken gewinnt durch den Rhythmus des Gehens an Intensität. Wir können uns so auf einen Gedanken leichter konzentrieren und lästige Ablen-kungen ausblenden. Manches Beiläufige, das zuvor einem vielleicht den Durchblick versperrte, verfliegt, und das Wesentliche tritt in Erscheinung. Vielleicht inspiriert der freie Raum auch zu anderen Gedankengängen. Allerdings braucht das wandernde Denken etwas Geduld und Demut. Man kann es nicht machen oder erzwingen. Der klare Gedanke (oder Durchblick) stellt sich ein, wann er will, und nicht, wann ich es will.
Meine Empfehlung: Nehmen Sie beim Wandern etwas zu Schreiben mit. Manchmal blitzt ein heller Gedanke auf, der nicht wieder entweichen soll. Dann sind eine Bank, Stift und Papier sehr hilfreich.
Bei der Lektüre des Thomas von Aquin habe ich mich häufig gefragt, wie er zu so präzisen und schnörkellosen Einsichten gelangte. Als Bettelmönch durfte er keinen Wagen benutzen und musste alles zu Fuß gehen. Auf diesen Märschen durchwalkte er seinen Gedankengang, so mein Eindruck, und schrieb abends das Ergebnis auf.

Beim Wandern kann man auch sehr gut Gespräche führen. Die Gesprächspartner haben einen gemeinsamen Weg, gehen im gleichen Tempo und finden wahrscheinlich auch einen gemeinsamen Rhythmus. Sie haben vieles gemeinsam und damit eine solide Basis. Das Zuhö-ren gelingt beim Wandern viel leichter als am Tisch. Auch ist das Schweigen beim Wandern nicht peinlich. Die Gesprächspartner können wortlos eine Zeit nebeneinandergehen, ohne Angst haben zu müssen, die Kommunikation sei zerbrochen und nicht mehr möglich. Damit will ich sagen, beim Wandern gelingen Zuhören und gemeinsames Nachdenken eher als in anderen Situationen.
Platon gibt ein sehr schönes Beispiel dafür: Drei Freunde gehen in Athen vom Phaleron, dem alten Hafen, in die Stadt hinauf. Einer der Drei will wissen, was für Reden auf dem Symposion gehalten wurden, und Apollodor nutzt die Wegstrecke, um den anderen beiden zu erzählen, was er vom Symposion gehört hat. „… ist doch der Weg in die Stadt hervorragend geeignet, im Gehen sowohl zu reden als auch zu hören.“ (Platon, Symposion 173b)

Auge

Beim Wort Auge denken wir zuerst an das Organ der visuellen Wahrnehmung. Es gehört zu den fünf Vermögen der sinnlichen Wahrnehmung und ermöglicht uns neben dem Tasten, Schmecken, Riechen und Hören eben das Sehen. Die Augen nehmen visuelle Reize auf und geben das dem Intellekt weiter, was sie vom gesehenen Gegenstand aufgenommen haben. Ob dann – zum Beispiel – der gesehene Baum tatsächlich so ist, wie das Auge ihn sieht, ist eine andere Sache. Die sinnlichen Reize teilen die Augen mit, nicht mehr und nicht weniger.
Nun können die Augen auch erkranken. Dann muss eine Augenärztin aufgesucht werden, die zum Beispiel eine Bindehautentzündung diagnostiziert und kurieren kann. Wenn die Augen-krankheit behoben ist, steht das Sehvermögen wieder vollständig zur Verfügung. Bei man-chen macht sich allerdings eine Augenkrankheit wie zum Beispiel der grüne Star so breit, dass das Sehvermögen teilweise oder ganz verloren geht. Das Auge als leiblichen Organ muss also gesund sein, damit wir visuell wahrnehmen können.
Damit die Augen etwas sehen können, benötigen sie neben der Gesundheit und dem Gegen-stand noch ein Drittes: Licht. Im Dunkeln können wir zwar tasten, schmecken, riechen und hören, aber wir sehen nichts, selbst wenn die Augen gesund sind und der Gegenstand da ist. Licht benötigt die visuelle Wahrnehmung.
Nicht nur mit den leiblichen Augen sehen wir. Erinnern wir uns an etwas, dann kann das Erinnerte uns vor dem „inneren Auge“ stehen und wir sehen es. Auch wenn wir ein Buch lesen, können wir etwas sehen. Die Phantasie oder Vorstellungskraft stellt uns Bilder zur Verfügung. Selbst in einem Buch über Quantengravitation kann man lesen: „Die Physik ent-steht vor seinem geistigen Auge, und mit seinem Vorstellungsvermögen erschafft er (Fara-day) neue Welten … Er ‚sieht‘ etwas Neues.“
Eine Metapher knüpft hier an. Sprachlich heißt „wissen“ so viel wie „ich habe gesehen“. Darum benutzen wir umgangssprachlich die visuelle Wahrnehmung als Metapher für den intellektuellen Erkenntnisvorgang. Einsehen, was ein Baum ist, heißt soviel wie, ich weiß, was ein Baum ist. Dann sehe ich einen Baum vor meinem „inneren Auge“.

Nun wird es allerdings schwierig. Die Organe der sinnlichen Wahrnehmung sind mit dem Leib verbunden, und wir können sie ausmachen: Haut, Zunge, Nase, Ohren und Augen. Ist das „innere Auge“ ein Organ? Wo können wir es lokalisieren? Vom „Auge des Herzens“ und auch vom „Auge der Seele“ wird gesprochen. Dass es sich dabei nicht um ein leibliches Or-gan handelt, ist klar. Können wir mit dem Herzen und der Seele sehen? Welches Licht benö-tigt das innere Auge? Kann auch das „innere Auge“ erkranken oder gar erblinden? Was ist damit gemeint? Vielleicht bieten sich zwei Lösungen an.
a. Metaphorisch sprechen wir so von mentalen Phänomen und beschreiben Tätigkeiten wie Erinnern, Vorstellen, Denken und Erkennen. Tatsächlich gibt es ein inneres Auge nicht, auch wenn wir Bilder sehen.
b. Das innere Auge existiert wirklich, und wir stellen es uns in Analogie zum leiblichen Auge vor, weil wir es nicht anders beschreiben können. Auch wenn wir kein Organ wie den Augapfel feststellen können, nehmen wir ein geistiges Auge an, welches er-kranken und sogar erblinden, aber auch genesen und scharf sehen kann.

Philosophieren als Christ (2)

Wenn ein Christ die Wirklichkeit als Schöpfung aus der Hand eines Schöpfers glaubt, so sagte ich im 1. Teil, löst er einige Probleme wie zum Beispiel, warum Menschen Wirklich-keit verstehen können. Andere Probleme bzw. Ärgernisse handelt er sich allerdings durch seinen Glauben ein:
Die Welt sei nicht perfekt. Defekte wie Schuld, Sünde, Begehren des Schlechten kennzeich-nen ihre Logik. Die Welt könne nicht halten, was sie verspricht, und darum dürfe sich ein Christ nicht an sie verlieren. Eine zweite Provokation: Mein Leben endet nicht mit dem Tod, es geht viel weiter, als ich sehen kann. Drittens: Ich gehöre mir nicht selbst, und darf mit mir darum nicht machen, was ich will. Die vierte Provokation ist vielleicht am ärgerlichsten: Glück. Wenn es so etwas wie einen Bliss-Point (Sättigungspunkt) gibt, dann stellen sich die Fragen. Was sättigt mich wirklich? Wo kommt mein Begehren zur Ruhe? Was füllt meine Seele vollständig aus? Einige Philosophen wie Aristoteles sind der Meinung, durch ein gu-tes, tugendhaftes Leben erwirke ich mir mein Glück selbst. Darum haben heute Themen wie Lebensqualität und Lebenskunst Konjunktur. Ein Christ wird mit einer anderen Position konfrontiert: Dein Glück, die Erfüllung deines Lebens, kannst du nicht selbst machen, es wird Dir geschenkt. Nur Gott – der Schöpfer und Erlöser – könne deine Seele so ausfüllen, dass alles Verlangen gesättigt ist. Diese Liste der Ärgernisse oder Kränkungen unseres Selbstwertgefühls lässt sich bestimmt weiterführen.

Philosophiert ein Christ, gerät er immer in die Spannung von Glaube und Vernunft. Das Wort Gottes, insofern er es als Wahrheit glaubt, nötigt ihn und lässt ihn auflaufen. Aller-dings schützt ihn sein Glaube vor Reduktionismus, vor Ausblendungen und billiger Harmo-nisierung. Bei allem Erkenntnisgewinn und Fortschritt bleibt Wirklichkeit ein Geheimnis. Vor allem schützt ihn sein Glaube vor Resignation.

„Christliches Philosophieren stellt sich unter die Nötigung, eine über den Bereich bloßer Denkschwierigkeiten hinausreichenden Spannung durchzuhalten. Es verbietet sich, dadurch zu einleuchtenden Formulierungen zu kommen, dass man von der Wirklichkeit absieht, auswählt, weglässt. Christliches Philosophieren wird durch Of-fenbarung gezwungen, großräumiger zu denken, vor allem: sich nicht zufrieden zu geben mit der Flachheit irgendwelcher Harmonismen.“ Josef Pieper

Ego

Egoismus hat einen schlechten Ruf, und der Satz „Du bist ein Egoist.“ ist sicherlich nicht als Kompliment gemeint. Doch mal Hand aufs Herz und ganz ehrlich gefragt: Kommen wir aus unserem Ego heraus?

Immer stehen wir im Mittelpunkt unserer Welt. Das sagen nicht nur unsere fünf Sinne, sondern auch unsere Gefühle. Die Zahnschmerzen eines anderen kann ich nicht nachempfinden, weil es eben nicht meine sind. Bestenfalls kann ich mich an meine Zahnschmerzen erinnern und eine Analogie aufbauen. Ja, dem muss es jetzt wohl genauso ergehen wie mir damals.

„Natürliche Egozentriertheit“ kann man das nennen, denn wir können dagegen nichts machen. Immer werde ich im Mittelpunkt meiner Welt stehen, und das gilt es zu respektieren. Wie kommt es zu dieser „natürlichen Egozentriertheit“?

Eine Vermutung habe ich: Weil wir Lebewesen sind, legte die Natur uns zwei Aufgaben in die Wiege: 1. Selbsterhaltung; 2. Arterhaltung – und das in dieser Reihenfolge. Darum sorgen wir uns zuallererst, dass wir am Leben bleiben. Wir sorgen uns um Essen, Schlaf, Gesundheit usw. Diese Sorge, manche sprechen sogar von „Angst um sich selbst“, werden wir nicht los. Die entscheidende Frage ist allerdings, ob die Angst um mich selbst die Zügel in der Hand hält und meinen Wagen steuert, oder ob sie auf der Ladefläche hockt.

Nicht nur Lebewesen sind wir, wir sind auch physikalische Körper: Den Raum, den ich einnehme, kann kein anderer einnehmen. Archimedes entdeckte das freudig überrascht, als er in die Badewanne stieg und Wasser über den Rand floss. Den Raum, den Archimedes in der Wanne einnimmt, kann das Wasser nicht einnehmen und wird darum verdrängt. Diese physikalische Tatsache zeigt sich allerdings auch in anderen Bereiches des Lebens: Den Arbeitsplatz, den ich habe, kann kein anderer haben. Diese Lebenschance gebe ich für andere erst wieder frei, wenn ich kündige oder in Rente gehe.

(Fatal wird es allerdings, wenn ich mein Ego wie den Mittelpunkt eines Kreises behandle und um diesen Mittelpunkt herum einen Kreis schlage. Wenn ich mich mit meinen Wahrnehmungen, Einsichten und Wertungen zum Maß aller Dinge mache. Das Essen, was mir schmeckt, muss auch anderen schmecken. Die Einsicht, die ich gewonnen habe, müssen auch andere treffen oder sie sind dumm. Aber das ist eine moralische Fehlhaltung, eben Egoismus, und ein anderes Thema.)

Wie gesagt, gilt es zu respektieren, dass ich ein Lebewesen bin und nicht nur einen Körper habe, sondern auch bin.

Nihilismus

Nihilismus kommt von dem lateinischen Wort „nihil“ – nichts – und stellt fest, da ist nichts, zumindest nichts Erkennbares oder etwas, was eine Bedeutung oder einen Sinn hat.

Nun unterhalten wir uns und formulieren sinnvolle Sätze wie zum Beispiel: „Da ist nichts“. Wie löst der Nihilismus dieses Problem? Der Zusammenhang zwischen Wirklichkeit und Sprache wird aufgelöst und sinnvolle Aussagen als Illusion entlarvt. Illusion kommt vom lateinischen Wort „ludere“ – spielen – und kann auch mit dem Synonym Täuschung wieder­gegeben werden. Die Sprache schaffe eine illusionäre Welt, weil sie einen Zusammenhang von Wirklichkeit und Wort suggeriert. Doch genau betrachtet liege der Mensch dabei einer Selbsttäuschung auf, denn es gibt keinen Zusammenhang von Sein und Erkennen. Infolge­dessen seien Wahrheit, Moral, Kultur, Wert und Sinn nur Täuschungen. Im Grund genommen sei „das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel“, so Nietzsche. Da ist nichts – kein Wesen, kein Ding an sich, kein Kosmos, kein Anfang und kein Ziel.

Der menschliche Intellekt nehme sich viel zu wichtig. Genau betrachtet, komme er nur zu kläglichen Ergebnissen, welche mächtig aufgeblasen und Wahrheit genannt werden. Der Intellekt sei nur ein Werkzeug zur Erhaltung des Individuums und in erster Linie ein Instrument zur Täuschung, wozu vor allem die sogenannte Wahrheit dient. Wahrheiten seien „Illusionen, von denen wir vergessen haben, dass sie Illusionen sind“, insbesondere „die wir lieb gewonnen haben“, stellt Nietzsche fest. Doch wir brauchen diese Täuschungen, um uns am Leben zu erhalten und es vor allem miteinander auszuhalten.

Das vorzügliche Instrument des menschlichen Intellekts ist die Sprache. Das Wort sei nur die Abbildung eines Nervenreizes und könne bestenfalls die Benennung einer Sache sein. Hier werde die Verwandlung der Welt in ein menschenartiges, nämlich sprachliches Ding deutlich. Einen Zusammenhang von Wort und Realität könne es nicht geben.

Allerdings hat der Nihilismus auch ein grundlegendes Problem, und das darf nicht verschwiegen werden. Wie will der Nihilist jemand anderem seine Einsicht mitteilen? Wenn er Wahrheit ablehnt, müsste er doch demjenigen, der dummerweise noch an Wahrheit glaubt, seinen Irrtum aufzeigen, so dass der naive Wahrheitsgläubige sich bessern und seinen Fehler einsehen kann. Das kann ja nur mit der Hoffnung auf Verstehen und mittels wahrheitsfähiger Sätze geschehen. Formuliert der Nihilist einen sinnvollen Satz, widerlegt er sich selbst, denn wer spricht oder einen Gedanken in Worte kleidet, vertraut unter der Hand darauf, dass er verstanden werden kann und damit auf die Wahrheitsfähigkeit der Sprache.

Der Nihilismus zerreißt den Zusammenhang von Sein und Denken völlig, so dass „nichts“ mehr übrig bleibt. „Das Dasein so wie es ist, ohne Sinn und Ziel“ beschreibt den Zustand der Welt, nämlich Sinnleere und Wertlosigkeit. Sinn und Ziel kann nur der Mensch ins Spiel bringen. Allerdings muss er auch Sinn machen, oder es gibt keinen.

„Es geht doch immer nur darum, dass eine, dass die Geschichte sich selbst erzählen kann. Wir alle sind nichts als leise Stimmen im kakophonen Chor, gelegentlich ein vorwitziges Solo spielend, nie mehr als wenige Sekunden, wenige Zeilen lang. Und damit ist alles gesagt.“ Juli Zeh, Spieltrieb, München 2004, [letzte Worte des Romans] S. 566.

Indikativ und dann erst der Imperativ

Viele meinen, das Christum sei eine moralische Veranstaltung. Den Fensterplatz im Himmel müsse man sich durch eine gute Lebensführung und Frömmigkeit verdienen. Diese Meinung ist ja auch kein Wunder, denn in Öffentlichkeit treten die Kirchen mit erhobenem moralischem Zeigefinger auf und ihnen wird – trotz aller Kritik und Häme – die Erziehung der Kinder zugetraut. Allerdings ist diese Meinung abgrundtief falsch, denn die Religion der Christen ist eine Erlösungsreligion mit ihrer eigenen Grammatik.

1. Zuerst der Indikativ. Als erstes sagt Jesus Christus den Menschen: Gott liebt euch, und in dieser bedingungslosen Liebe seid ihr erlöst. Die Angst um euch selbst muss euch nicht mehr beherrschen, ihre Fesseln sind schon gelöst und ihr seid erlöst und frei.
2. Dann der Imperativ. Lebt als freie Menschen! Gewährt die Liebe, die euch trägt und eure Souveränität ermöglicht, auch anderen Menschen!

Bei den philosophischen Konzepten – vor allem bei Aristoteles in der Nikomachischen Ethik – steht zuerst der Imperativ und als zweites der Indikativ: Wenn Du tugendhaft lebst und Vernunft in deiner Praxis walten lässt, dann wirst du Glück (eudaimonia) erwerben. Diese aristokratische Ethik fasziniert, provoziert und fordert heraus, ist aber trotzdem ein Konzept der Selbsterlösung. Anders betrachtet steigert sie die angstvolle Sorge (epimeleia) um den eigenen Seelenfrieden. Sie produziert Stress, und man fragt sich, ob so eine ethische Optimierung einem Menschen überhaupt möglich ist.

Freilich ist das christliche Konzept eine Zumutung oder gar Beleidung, denn es widerspricht dem gegenwärtigen „Kult des Selbst“, unserem gepflegten Individualismus. Der Indikativ des Evangeliums „Du bist schon geliebt und erlöst“ nimmt das individuelle Selbst zurück: Du hast dich nicht selbst gemacht. Du gehörst dir nicht selbst. Du verdankst deine Existenz der nichtkonditionierten Liebe Gottes. Diese „gute Botschaft“ (eu-angelion) kann dem gekränkten Ego wie eine Drohbotschaft anmuten, weil der aufgeklärte und abklärte Zeitgenosse nicht gern seine Bedingtheit akzeptieren möchte. Trotzdem sprechen die lebensweltlichen Fakten dafür, dass wir uns nicht selbst erschaffen haben, dass die Weltgeschichte nicht auf uns gewartet hat und dass sich die Erde auch nach unserem Ableben weiter drehen wird. Nur ein Pubertierender wird die Tatsache nicht akzeptieren wollen. Aus dieser Demütigung führen zwei Strategien heraus.
A: Ignoranz dieser Tatsache und (hart) arbeiten an der Oberfläche des Alltäglichen.
B: Hören des Evangeliums und Annahme des Satzes „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“.
Sphäre des Indikativs: Woher komme ich? Wie bin ich? Was wird mit mir geschehen?
Sphäre des Imperativs: Gewähre diesen Luxus des Geliebtseins auch jenen Menschen, welche dir über den Weg laufen und mit denen du dein Leben teilst! Nichts musst du ihnen beweisen!

Vor Jahren habe ich mir mal die Notiz gemacht:
Gott liebt Dich, Andreas, und darum bist Du.
Die Reaktionen der Angst kannst Du Dir also sparen und bist auch von der Zuneigung anderer unabhängig. Du kannst verlieren, vergeben und alles lassen, wie es ist.
Du bist souverän.
Lebe einfach aus der Liebe Gottes heraus!

Irrtum

Wenn man über Wahrheit und Erkenntnis spricht, muss man auch über dessen Gegenteil sprechen. „Falschheit“ steht der Wahrheit gegenüber, aber so sprechen wir nicht. Über den Irrtum reden wir schon, und der Irrtum ist noch einmal von der Lüge zu unterscheiden. Das griechische Wort für Irrtum heißt „pseudos“ und das lateinische „error“. Wer mit dem Computer arbeitet, liebt ganz besonders die Angabe „error“.

Ein Irrtum liegt vor, wenn etwas für wahr gehalten wird, was nicht wahr ist; anders gesagt, eine Aussage oder Überzeugung weicht vom Sachverhalt ab. Wenn man das Lateinische nimmt, wird der Sachverhalt prägnant deutlich. Wahrheit ist die Angleichung eines Dinges und Intellekts (Veritas est adaequatio rei et intellectus). Das Gegenteil liegt in der „inadaequatio“; in der Ungleichung besteht der Irrtum. Wenn Wahrheit in der Angleichung (adaequatio) des Dinges und des Intellekts besteht, dann liegt der Irrtum in der Ungleichheit (inaequalitatis) zwischen Ding und Intellekt.  Das Urteil des Intellekts trifft nicht zu, weil Subjekt (intellectus) und Objekt (res) nicht zusammenpassen, ein Defekt vorliegt, etwas im Urteil fehlt, oder weil der Intellekt über äußere Zeichnen oder Sinnesdaten unangemessen urteilt.

Die Gefahr des Irrtums, das heißt des inadäquaten Urteils, ist bei großer Ähnlichkeit besonders groß. Anders gesagt: Je größer die Ähnlichkeit, desto größer das Irrtumspotential. Die Falschheit, der Irrtum, lebt von der Ähnlichkeit mit der Wahrheit.

Irrtümer oder Fehleinschätzungen sind schlicht und einfach Denkfehler, und diese unterlaufen uns, wenn wir     stillschweigende Identifizierung vornehmen, gewohnheitsmäßige Analogien anwenden, unvollständige Aussagen (Disjunktionen) treffen und die ontologische Ebenen vertauschen. Letzteres höre ich sehr häufig, zum Bespiel: „Der Computer denkt“. Nun können Maschinen zwar rechnen und Informationen verarbeiten, aber nur vernunftbegabte Lebewesen können darüber hinaus auch noch denken. Lebewesen und Maschinen sind zwar Dinge, aber auf unterschiedlichen ontologischen Ebenen, wie die Philosophen das nennen. Irrtümer schleichen sich auch ein, wenn wir aus Teilerkenntnissen sogenannte All-Aussagen machen, zum Beispiel: Wir sehen einen Russen Wodka trinken und meinen dann, dass alle Russen Wodka trinken und reden dann von der russischen Seele.

Manche meinen, dass es Irrtümer aufgrund von Sinnestäuschung gibt – wie zum Beispiel den gebrochenen Handlauf im Schwimmbad. Das stimmt leider nicht, denn das Auge teilt dem Verstand das mit, was es sieht bzw. wahrnimmt. Wenn der Verstand urteilt, dass der Handlauf gebrochen ist, dann irrt er sich und unterliegt einem Fehlurteil.

Irrtümer bemerken wir leider erst im Nachhinein. Dann will ich aus dem Schwimmbecken heraussteigen, mich Handlauf der Treppe festhalten und greife daneben. Lernen können wir allerdings, und irgendwann erwische ich den Handlauf doch.

Die Lüge liegt auf einer anderen Ebene, denn der Lügner hat die Intention der Täuschung und dreht an der adäquaten Darstellung ein wenig, so dass der Belogene zu einer Fehleinschätzung verleitet wird und zu einem inadäquaten Bild der Wirklichkeit kommt. Das funktioniert am besten, wenn die Ähnlichkeit mit der Wahrheit sehr groß ist. Einer brutalen Lüge geht kaum einer auf dem Leim, schon eher der raffinierten, feinen und womöglich noch charmanten. Die schlimmste Lüge ist die Schmeichelei, denn die hören wir gern.

Glaube

Gegenwärtig hat „Glaube“ einen schlechten Ruf. Menschen, die sich zu einem Glaubensbekenntnis bekennen, seien dogmatisch, intolerant und vor allem unwissenschaftlich von gestern. So benutzen wir das Wort „glauben“ auch: Ich glaube, morgen wird es schneien. Also Glaube im Gegensatz zum Wissen. Gehen wir allerdings zur Bank, dann gibt es auch einmal den Gläubiger und den Schuldner. Auf der Bank gibt es auch einen Kredit. Wie kommt das? Leiht jemand einem anderen Geld, dann tut er das in dem Vertrauen, dass der Darlehensnehmer das geliehene Geld auch zurückzahlen wird und nicht Privatinsolvenz anmeldet. Er glaubt dem anderen, und ohne diesen Glauben kommt kein Darlehnsvertrag – sprich: Kredit – zustande. Selbst Basel I bis III oder das juristisch Kleingedruckte können den Akt des Vertrauens, den Gläubiger und Schuldner schultern müssen, ersetzen. „Vertrauen senkt die Transaktionskosten“, lautet die Formel. Glaube ist also mehr als nur „dafürhalten“ oder „meinen“.

Das griechische Wort „pisteuo“ kann man sowohl mit „ich glaube“ als auch mit “ich vertraue“ und „ich halte für wahr“ übersetzen. Darum können wir Glauben und Vertrauen synonym verwenden, wenn wir mit Glauben nicht gleich den Inhalt des Katechismus oder kommunistischen Manifests verstehen. Das lateinische Wort „credo“ bedeutet sehr wohl „ich glaube“. Es kommt von „cor dare“: Das Herz geben. Dabei meint Herz nicht die Pumpe, sondern den Kern einer Person. So benutzen wir es auch. „Ich glaube dir“ bedeutet doch „ich vertraue dir“, „ich baue auf dich“.
Glaube ist also eine fundamentale menschliche Fähigkeit ohne die Kooperation und Zusammenleben nicht möglich ist. Haben Sie im Team jemanden, der sich nicht auf andere verlassen kann und alles noch einmal überprüft, dem einfach das Grundvertrauen in die anderen fehlt, dann wird es schwierig und letztendlich die Kündigung oder Scheidung eingereicht. Auch der Schüler in der Grundschule muss dem Lehrer glauben, dass A ein A ist und die 1 von der 0 unterschieden ist, sonst lernt er nichts. Später kann und muss der Schüler freilich die Lerninhalte skeptisch anschauen. Aber das ist der zweite (und nicht der erste) Schritt. Glaube verstanden als Grundvertrauen kann man nicht einfach machen, er ist eine innere, persönliche Haltung und diese wird uns geschenkt. Manch einem Menschen ist ja der Aufbau dieser Haltung durch hässliche Dinge in der Kindheit erschwert worden, und manch eine verlor den Glauben an die Welt durch böse Ereignisse.
Am besten halte ich die Formulierung „Feststehen in dem, was man erhofft, und überzeug sein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebräer 11, 1). Worauf wir unser Leben bauen und woran wir unser Herz hängen, können wir eben nicht sehen, obwohl es doch eine Wirklichkeit ist. Und in dieser Hinsicht kenne ich keinen „ungläubigen“ Menschen. Die interessanten Fragen dabei sind, woran wir glauben, worin wir unser Leben gründen und, wie Kant das prägnant formulierte „Was darf ich hoffen?“
„Wenn der Glaube das Haus zur Tür verlässt, dann springt der Aberglaube zum Fenster herein“, lautet eine Beobachtung. Ein ausformuliertes Credo kann man reflektieren, darüber streiten oder gar ablehnen. Der Aberglaube geistert einfach rum und ist nicht zu packen bzw. zu bändigen.