Gott – ein Gattungsbegriff

In Gesprächen der jüngsten Vergangenheit fiel mir auf, dass man schön aneinander vorbeireden kann, wenn man sich über Gott unterhält. Damit das nicht passiert, scheint es mir hilfreich zu sein,die Gesprächspartner erst einmal zu fragen: Was versteht du unter Gott? Was bezeichnest du mitdem Wort „Gott“? Warum? Bis vor einigen Jahren war es ausgemacht, dass man mit „Gott“ den Gott des christlichen Glaubens meint, der in den evangelischen und katholischen Kirchen verehrt wird. Nun ist der Gott des christlichen Glaubensbekenntnisses selbst unter Christen nicht selbstverständlich. Die einen meinen einen gütigen Vater, die anderen einen strafenden Richter usw. Wenn ich jenseits der Kirchen die Literatur und öffentlichen Diskussionen beobachte, gibt es noch mehr Konnotationen: Gott als Urheber der Natur, kosmisches Prinzip, höchstes Wesen, höchste Macht, die Vorsehung, ein weiser Schöpfer, die Schönheit und Barmherzigkeit, der Sinn und so weiter und so fort. Selbst in atheistischen Modellen haben die Evolution, der Urknall, die Emergenz, die Energie, die Materie und so weiter und so fort göttliche Attribute und Machtvollkommenheit. Daneben bieten dualistische Modelle zwei Götter an – nämlichen einen guten und einen bösen Gott: Yin und Yang, Körper versus Geist, Schöpfergott versus Erlösergott.
Auch in Redewendung kommt Gott vor, so sagen wir „Gott sei Dank“. (Als ich zur Schule ging, wurden wir von der Lehrerin angehalten, nicht Gott-sei- Dank zu sagen, sondern „Marx sei Dank“. Das setzte sich allerdings nicht durch.) Selbst in amerikanischen Filmen und Einkaufshows höre ich häufig „O my god!“
Meine Empfehlung: Gott ist erstmal ein Gattungsbegriff wie Pferd, Tisch usw. Die allgemeinste Definition dieses Begriffs finde ich bei Anselm von Canterbury. „Gott ist das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann.“ Das muss man nicht nur theoretisch verstehen, man kann es auch praktisch nehmen. „Sag mir, woran dein Herz hängt, und ich sage dir, wer dein Gott ist“, kann man jemand auffordern. Jeder und auch jede hat etwas im Leben, dem die Zeit geopfert wird, das ersehnt wird und die Sonne ist, welche allem anderem im Leben Bedeutung und Würde verleiht. Zum Beispiel: Wenn an der Leuphana Universität Lüneburg die Masterzeugnisse feierlich ausgehändigt werden und der Präsident das Wort „Karriere“ in den Mund nimmt, betritt ein Gott den Saal, und die Anwesenden nehmen würdevoll an diesem Gottesdienst teil. Andere opfern ihrem Gott Gesundheit die ganze Aufmerksamkeit – beim Essen, bei der Tagesplanung, im Umgang mit anderen Menschen und in Geburtstagswünschen „Hauptsache gesund“. Diese Beobachtung mutet nicht nur lästerlich an, ist auch so gemeint.
Jedermann und Jedefrau hat so ein „Wesen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“. Man kann sich ja auch selbst im Kult des Selbst „Ich.Alles.Jetzt“ vergöttlichen. In diesen – theoretischen und lebenspraktischen – Hinsichten kann man Anselm nicht widersprechen und muss feststellen: „Gott ist das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann.“ Spannend wird es allerdings, wenn dieser Begriff „Gott“ Inhalt bekommt.

Heimkino

Folgende Situation kommt in Gesprächen häufig vor: Wir reden über ein Thema und ein Gesprächsteilnehmer fängt bei einem Stickwort an, Ich-Geschichten zu erzählen. „Ja, da war ich auch schon einmal“, und wir hören, ob wir es wollen oder nicht, Urlaubsgeschichten im Detail. Bei einigen Zeitgenossen geht das so weit, dass sie über die Grenze ihrer eigenen Zahnschmerzen, Erlebnissen und Beziehungen nicht hinauskommen. Selbst die Frage „Wie geht es Dir?“ landet nach drei Sätzen in einer Ich-Geschichte des Fragenden, und er erzählt von seinem Stress, seinen Befindlichkeiten usw. Ob das jemand hören will, spielt dabei keine Rolle. Bei ganz Hartnäckigen hören wir die Storys immer wieder. Dieses Phänomen nenne ich „Heimkino“. Ein Gespräch kommt nicht zustande, denn die Anderen dienen nur als Projektionsfläche, auf der die Welt des Redenden aufgetragen wird.

Wie rutschen wir ins Heimkino? Woher kommt das? Ich stehe immer im Mittelpunkt meiner Welt. Nur meine Zahnschmerzen empfinde ich. Die Zahnschmerzen der Anderen kann ich nicht fühlen und empfinde sie bestenfalls in Analogie zu meinen eigenen. Die Grenze meiner Haut ist der Horizont, innerhalb dessen ich lebe. Ich stehe immer im Mittelpunkt meiner Welt.

Diese Situation kann man die „natürliche Egozentriertheit des Menschen“ nennen. Mit einem Bild gesprochen: Stellen wir uns einen Menschen vor, der mit dem Schiff über den Ozean fährt. An der Reling steht er und schaut auf das Meer hinaus. Hier bemerkt er augenfällig, dass er im Mittelpunkt seiner Welt steht. Er sieht das Wasser bis zum Horizont, er riecht die salzige Luft, hört die Wellen und er denkt über seine Reise nach. Ganz bei sich bleibt er mit all den Bildern, Gerüchen und Gedanken. Die Welt, in der er lebt, wird zu seiner Umwelt. Sie umgibt ihn.

Auf einmal taucht am Horizont etwas auf und nach einer Weile sieht unser Mensch ein Schiff. Das herannahende Schiff schaut er interessiert an. Nun kann er sich vorstellen, dass auf dem anderen Schiff auch einer – so wie er – steht und sein Schiff anschaut. Perspektivwechsel nennt man das. Dazu braucht es aber so etwas wie Vernunft, weil die sinnliche Wahrnehmung uns immer nur die eigenen Empfindungen präsentiert. Die Vernunft schafft es, die Welt mit anderen Augen zu sehen und fremde Gedanken zu denken. Dazu bedarf es allerdings der Aufmerksamkeit, des Zuhörens und vor allem der Gelassenheit – nämlich seinen eigenen Willen und seine Interessen sein-lassen-zu-können. Man die Vernunft auch „Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit“ nennen. So können wir Welt gewinnen und nicht nur Umwelt haben.

Allerdings schmeißen wir ganz selten unsere Vernunft an und sind für anderes aufmerksam. Darum richten wir es uns im Heimkino so gemütlich und vertraut ein. Vielleicht ist es schon ein Gewinn, wenn ich darum weiß, dass ich in der Regel im meinem Heimkino sitze und die Anderen in ihrem.

Aporie

In der Philosophie tauchen Wörter auf, die wir umgangssprachlich nicht benutzen. Dazu gehört auch „Aporie“. Häufig versteht sich so ein Wort von seiner Herkunft her.
Das griechische Wort „poros“ heißt Durchgang, Furt, Weg. Stellen Sie sich einfach einen Kaufmann vor, der mit seinem Wagen voller Seide unterwegs ist und einen Markt erreichen will, um seine Ware zu verkaufen. Da versperrt ihm ein Fluss den Weg und er kommt nicht weiter. Mit voller Aufmerksamkeit sucht er eine Furt, um auf die andere Seite des Flusses zu kommen. Es gelingt ihm nicht, einen Weg zu finden, obwohl er intensiv sucht und sich dabei alle Mühe gibt. Er bleibt stecken, weil er sich in einer Ausweglosigkeit – in einer Aporie – befindet und kann den widrigen Fluss nicht überqueren. Das griechische Wort „aporía“ heißt Unwegsamkeit, Ratlosigkeit, Verlegenheit, Not, Schwierigkeit und Unmöglichkeit. Wenn man es wörtlich nimmt, „ohne Furt“, „ohne Weg“ sein.

Auch beim Nachdenken oder im Gespräch kommen wir bisweilen in solch eine Situation. Eine Frage stellen wir uns und kommen ganz munter voran. Doch auf einmal taucht eine Schwierigkeit auf, die uns den Weg zur Lösung versperrt, und wir bleiben zum Beispiel im Pro und Contra stecken: Ist der Mensch frei? Hier lassen sich gleich viele Argumente für die These, dass der Mensch frei sei, wie für die Gegenthese, dass der Mensch nicht frei sei, anführen. Zumindest kommt Immanuel Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft hier nicht weiter.

Wie können wir mit solchen Aporien bzw. aporetischen Situationen umgehen? Eine Möglichkeit geht immer: Wir halten uns an das, was gegenwärtig gilt, an die öffentliche Meinung oder an den Mainstream. Der Vorteil dabei ist, dass das, was gegenwärtig gilt, nicht begründungspflichtig ist und wir nirgendwo anecken. Allerdings hat die öffentliche Meinung auch Nachteile: Sie liegt nicht immer richtig und ändert sich manchmal rasant schnell. Die Achtundsechziger, um bei unserem Beispiel zu bleiben, gingen von einer nahezu grenzenlosen menschlichen Freiheit aus. Gegenwärtig wird der Mensch als genoptimierende Biomaschine verstanden, welcher die Illusion menschlicher Freiheit Selektionsvorteile bringt.
Meines Erachtens hilft erstmal nur, die Aporie demütig anzuerkennen und stehen zu lassen. Auch der Kaufmann mit seinem Wagen voller Seide kommt nicht über den Fluss, wenn ständig ruft „Ich will aber“. Vielleicht braucht die Lösung Zeit und irgendwann wachsen wir in die Antwort hinein.

Eine andere und sympathische Variante der Aporie gibt es am Ende der Dialoge Platons. Nahezu alle Dialoge enden aporetisch, das heißt, ohne Ergebnis. Am Ende des Symposions schläft der Berichterstatter erschöpft ein, und so erfahren wir nicht die Lösung der Frage „Was ist der Eros?“ Warum macht das Platon so? Ist er zu faul, zuende zu denken? Meines Erachtens gibt es keine abschließende und immer gültige Antwort auf die Frage, was Liebe ist. Jede Generation oder jeder Mensch darf sich um eine Antwort auf so eine Frage mühen.

Bisweilen sind Aporien nötig, damit wir uns nicht mit Vorgekautem zufrieden geben.

Philosophie

„Philosophie sind unverständliche Antworten auf nicht gestellte Fragen“, lautet die amüsanteste Antwort auf die Frage, was Philosophie sei. Ein zweifelhafter Ruf begleitet sie. Einerseits wird sie geschätzt und nahezu erhaben zelebriert. So stellen einige Unternehmen gern ihre Unternehmensphilosophie heraus, oder jemand wird als philosophischer Kopf gewürdigt, wenn er auf andere nachdenklich wirkt. Andererseits werden Erörterungen mit der Bemerkung „Jetzt hör auf, rumzuphilosophieren“ abgewürgt. Etwas Spinnertes hängt ihr an.

Das Wort Philosophie ist aus den beiden griechischen Wörtern „philia“ – die Freundschaft – und „sophia“ – die Weisheit – zusammengesetzt und heißt „mit der Weisheit befreundet sein“. Es geht also zuerst um eine Haltung oder einen Zustand: Jemand läuft in aller Freundschaft der Weisheit hinterher. Platon bemerkte dazu: Die Götter philosophieren nicht, denn sie sind schon weise. Die Dummen philosophieren auch nicht, denn Weisheit interessiert sie nicht. Der philosophierende Mensch hängt dazwischen. Er weiß, dass ihm etwas – nämlich die Weisheit – fehlt, was ja schon eine Erkenntnis ist, und sucht sie mit Leidenschaft, eben in aller  Freundschaft.

Wie kommt nun jemand zu dieser Suche? Ein Stauen oder eine Verwunderung, welche ihn erreicht und irritiert, bricht das normale Gefüge der Welt auf und provoziert die nahezu kindliche Frage: Was ist das da? Ganz zweckfrei taucht diese Frage nach der Wirklichkeit auf und nimmt beunruhigend Besitz von einem Menschen. Diese innere, persönliche Haltung äußert sich im Fragen und Suchen nach Wahrheit, im Wissen-Wollen und Nachdenken. Sie kann schon ein Person mächtig in Anspruch nehmen.

Philosophie ist auf Dialog aus und will sich verständlich machen. Darum geht es in ihr nachvollziehbar, wissenschaftlich und logisch zu. Systematisch geht Philosophie einer Frage nach. Der erste Philosoph Thales von Milet fragte, was am Anfang war, das heißt, was die Wirklichkeit im Prinzip sei. Auch wenn seine Antwort „Wasser“ uns heute wunderlich vorkommt, ging er einen Weg, denn wir auch heute noch gehen. Thales beobachtete, zog daraus Schlüsse und legte seine Argumente vor. So konnten ihn andere verstehen, ihm widersprechen und andere Argumente vortragen.

An Thales von Milet wird auch deutlich, dass alles logische Fragen nach der Wirklichkeit als Philosophie verstanden wurde. Erst in der Neuzeit emanzipierten sich die wissenschaftlichen Disziplinen wie Physik, Chemie und Biologie aus der theoretischen Philosophie und wurden selbständig. In dieser Hinsicht ist Philosophie die Mutter aller Wissenschaften. Das gilt nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern auch für die Sozialwissenschaften wie Ökonomie, Soziologie und Politik, die sich aus der praktischen Philosophie, das heißt aus der Ethik, emanzipierten.

Gegenwärtig muss sich die Philosophie um ihre Freiheit mühen, denn heute dominieren die „angewandten“ Wissenschaften. Gern wird ihr die Aufgabe der Sinnstiftung zugewiesen. Doch Philosophie kann keine Religion ersetzen und Erlösung anbieten. Ohne Muße, das heißt ohne den Raum der Zweckfreiheit, kann sie nicht gelingen, oder sie verkommt zur Handlangerin irgendeiner Ideologie.

Würde des Menschen

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ GG 1 (1). Diesen ersten Satz des Grundgesetzes kennen sehr viele und stimmen ihm wohl auch zu. Trotzdem taucht bald die Frage auf, was damit gemeint sei und wie man ihn begründen kann. Dazu schweigen die Verfassungsmütter und –väter, denn sie stellten 1949 juristisch eine Tatsache fest. Kommentare zum Grundgesetz verweisen auf den christlichen Glauben an den Menschen als Ebenbild Gottes und auf Immanuel Kant, welcher den Menschen als moralisches Subjekt beschreibt.

Nun ändert sich die intellektuelle Großwetterlage. Der Glaube an die jüdisch-christliche Gottesebenbildlich des Menschen sowie an den gemeinsamen Vernunftbesitz aller Menschen, auf den die Aufklärung setzte, ist abhandengekommen und nicht mehr nachvollziehbar. „Wenn wir nicht an eine menschliche Natur in einem Kosmos glauben, womit eine Norm vorgegeben wäre; wenn wir nicht an einen Gott glauben, als dessen Ebenbild wir uns würdig erweisen müssten – wie ist dann die, wenn man so will, entstandene Leerstelle zu füllen?“ (Eva Weber-Guskar).

Wenn wir nicht mehr weiter wissen, fragen wir nach den Anfängen. In Formulierungen wie „die Würde des Königs“ oder „die Würde des Amtes“ setzt der Gebrauch des Wortes „Würde“ (dignitas) an. Da kann sich ein Bundespräsident so benehmen, dass er die Würde des Amtes beschädigt, und da können wir uns bei einer Audienz gegenüber dieser Amtsperson würdelos benehmen. Der Würde gewisser römischer Beamter kam es zu, dass ihnen Weihrauchschwenker vorhergingen, damit nicht nur jeder sah, welche bedeutende Person auftrat, sondern damit jener Beamte auch nicht den Gestank der Straße roch. Allerdings ist die Würde des Amtes eine Zuschreibung, denn wenn Christian Wulf nicht mehr Bundespräsident ist, kann er auch nicht mehr die Würde des Amtes beschädigen. Die Last des Amtes – und damit verbunden auch die Privilegien – ist er los. Verhält es sich ebenso mit der Würde des Menschen?

In diese Richtung laufen gegenwärtig Vorschläge. „Würde ist eine Verfassung, in der sich Personen befinden können, genauer eine Haltung, die darin besteht, mit sich unter anderen [Menschen] in Einklang zu sein, indem man seinem Selbstbild entspricht“ (Eva Weber-Guskar).Wenn ich das richtig verstehe, wäre dann die Würde des Menschen das erfolgreiche Arbeitsergebnis einer Person am eigenen Selbst. Wie dem auch sei.

Dass man metaphysische und religiöse Grundannahmen gegenwärtig vermeiden möchte, lässt sich vielleicht noch nachvollziehen. Dass jedoch der historische Kontext ausgeblendet wird, irritiert gewaltig. Warum taucht „die Würde des Menschen“ seit 1948 in juristischen Dokumenten erstmalig auf? Was bedeuten „Verbrechen gegen die Menschheit“? Welches Verständnis vom Menschen benötigen wir, um angemessen mit einander – auch in Krisensituationen – umgehen zu können?

Die klassische Position ist mir sehr plausibel und tragfähig: Der Mensch hat keinen Wert, denn diesen könnte man bezahlen; er hat eine Würde, die inkommensurabel ist. Inkommensurabel heißt, nicht vergleichbar, nicht messbar und nicht aufwiegbar. Menschen sind zwar Lebewesen, allerdings anders als andere Lebewesen. Sie gehen nicht in ihrer Triebstruktur auf, sie können Alternativen entwickeln und verfolgen. Darum kann man sie als moralische Person ohne weitere Bedingungen behandeln und auch zur Rechenschaft ziehen. Diese Tatsache würdigen wir im Umgang miteinander und sprechen von der Würde des Menschen ohne Hinblick auf persönliche Besonderheiten.

Ens – das Seiende

Wo beginnt Philosophieren? Das können wir von kleinen Kindern lernen. Gehen wir mit ihnen spazieren, dann werden sie uns auf etwas aufmerksam machen, mit dem Finger darauf zeigen und uns fragen: Was ist das da? Sie wollen wissen, was „das da“ ist, und geben nicht eher Ruhe, bis wir ihnen eine Antwort geben. Auch die Philosophie geht wie ein kleines Kind vor und fragt nach dem unmittelbar Bekannten, denn es ist anscheinend etwas, was man nicht erst beweisen muss.

Kann man ein Wort finden, das für alles zutrifft, was unmittelbar bekannt ist? Für jedes Ding, für jede Situation usw. soll es ganz allgemein gelten. Ein Seiendes – griechisch: to on; lateinisch: ens – muss es sein, denn wir können nur über das sprechen, was ist. Darum benennt die klassische Philosophie dieses unmittelbar Bekannte mit dem lateinischen Wort „ens“ – ein Seiendes; „ens“ ist das Partizip Präsenz aktiv des infiniten Verbes „esse“. Umgangssprachlich benutzen wir „das Seiende“ nicht und sagen dann eher „das da“ oder „etwas“, wenn wir auf ein ganz konkretes Ding oder Gedanken hinweisen wollen: „Da ist doch etwas“. So ergeht es uns, wenn wir im ICE die Glastür nicht bemerken und auf einmal spüren, da ist doch etwas.

Wie kann man nun das Seiende – ens – genauer auffassen? Ein Seiendes, in sich betrachtet und bejahend formuliert, ist „res“ – also ein Ding, eine Sache – und „quid“ – ein etwas. Das Seiende, in sich betrachtet und verneinend ausgesagt, ist eine Individualität, ein „Nicht-Geteiltes“, und damit etwas Ganzes und eine Einheit (unum).

Das Seiende in Relation zu anderem gesehen ist, verneinend formuliert, etwas anderes (aliquid) und dabei wird die Abgrenzung von anderem Seienden betont. Jedes Seiende ist in dieser Hinsicht eines von vielen oder eines unter anderen.

Wenn uns etwas begegnet, und das mag eine Schnecke auf dem Weg oder ein Gedanke im Kopf  sein, dann muss es erst einmal da sein. In dieser altertümlichen philosophischen Sprache gesprochen: es muss ein Seiendes sein. Danach können wir von allem, was vorkommt, feststellen, dass es ein „etwas“ – ob Ding, Gedanke, Einfall … sei dahingestellt – ist. Dieses „etwas“ kann nicht mehr zergliedert, zerteilt werden, oder es ist etwas anderes. Zerteile ich ein Rind, dann habe ich nicht mehr das Rind, sondern einen Kopf, vier Beine usw. – also etwas anderes. Wenn ich das Universum zergliedere, habe ich nicht mehr das „eine Ganze“, sondern Galaxien, Spiralnebel usw. Dieses „etwas“ kann sinnvoll nur als ein individuelles (unteilbares) Ganzes genommen werden. Wenn wir später vielleicht wissen, was dieses etwas ist, geben wir ihm einen Namen.

Betrachten wir dieses „etwas“ in Beziehung zu anderen, also die Schnecke auf dem Weg, dann stellen wir fest: Die Schnecke ist etwas anderes als der Weg. Dieses „etwas“ ist „etwas anderes“ als das Danebenliegende und in dieser Hinsicht eines von vielen. Die Schnecke auf dem Weg ist eines der vielen Dinge, welche meine Enkelin auf dem Spaziergang interessant fand. Das trifft auch auf Gedanken und Worte zu, denn diese definieren – ab-grenzen – wir, um sie sinnvoll benutzen zu können.

Auch wenn das Wort „das Seiende“ philosophisch abgedreht und total abstrakt anmutet, haben wir mit ihm die allgemeinste Bestimmung von dem, was wir wahrnehmen, beobachten, handhaben … können: Es ist konkret da, und zwar ein etwas und ein unteilbares, individuelles Ganzes und damit grenzt es sich von anderen ab, ist also etwas anderes und eines von vielen sein.

Schicksal

Die Frage nach dem Schicksal bewegt selbst aufgeklärte und naturwissenschaftlich denkende Menschen und muss nicht gleich in die esoterische Ecke gestellt werden. Wir gehen ja davon aus, dass wir in einem Kosmos – also in einer schönen und geordneten Welt – und nicht im Chaos leben. So taucht irgendwann die Fragen nach meinem persönlichen Leben im Kontext des Universums und der Weltgeschichte auf. Wenn jemand Wissenschaft betreibt, nimmt er unter der Hand an, dass es Naturgesetze und Entwicklungsprozesse gibt, dass es in der Welt mit rechten Dingen zugeht und dass wir einiges erkennen und verstehen können.

Wenn dem so ist, dass wir in einer schönen und geordneten Welt leben, stellt sich doch die Fragen: Was ist mit mir? Wie bin ich in dem Ganzen verwoben? Werde auch ich – wie die Elemente durch Naturgesetze – durch ein Schicksal, oder wie man das nennen mag, geführt?Es macht doch einen Unterschied, ob jemand in Hamburg oder Nairobi geboren wird, ob jemand 2017 oder 1192 das Licht der Welt erblickt, ob eine Person als Mädchen in Indien oder in Italien zur Welt kommt, ob man Geschwister hat oder als Einzelkind aufwächst – und so weiter und so fort. Solche Fragen mit Zufall zu beantworten, befriedigt nicht wirklich. Brisant wird es, wenn sogenannte Schicksalsschläge uns erreichen. Zum Beispiel, wenn lieb gewordene Menschen sterben, und wir dann verlassen dastehen. Oder: Eine dumme, tödliche Krankheit wird diagnostiziert, obwohl man sich gesund ernährt und sportlich bewegt. Dann schreit uns die Frage nach dem Schicksal an, auch wenn wir sie nicht auf dem Zettel haben.

So wenig wie wir die Folgen unserer Handlungen kennen können, so wenig haben wir unsere Zukunft in der Hand. Wie reagieren wir? Stimmen wir unserem Schicksal zu? Nehmen wir es in aller Gelassenheit an? Ergeben wir uns? Wir können uns ja auch empören und gegen das Schicksal ankämpfen. Meines Erachtens ist Gelassenheit die einzig sinnvolle Haltung gegenüber dem Schicksal, denn was ich nicht ändern kann, geschieht ja sowieso. Ob ich das auch noch so locker sagen kann, wenn ich scheitere oder der Tod auf mich zukommt, weiß ich nicht.

Die Philosophen der Stoa, zum Beispiel Seneca, formulieren es so: „Es kommt nicht darauf an, was man erträgt, sondern wie man es erträgt.“ Sie empfehlen also eine ganz bestimmte Haltung. In innerer Freiheit und stoischer Gelassenheit mögen wir unser Schicksal annehmen und es bejahen. Auch wenn diese Auskunft sperrig und nicht gerade zeitgemäß ist und wenn ich ihr nicht gleich zustimmen will, scheint sie mir plausibel und vernünftig zu sein. Denn wie sollte ich mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen und der Welt in Freundschaft leben können, wenn ich nicht in Freundschaft mit meinem Schicksal lebe? Leichter fällt die gelassene Annahme des Schicksals, wenn ich das Vertrauen aufbringen kann, dass sich alles – und auch mein Leben – zu einem sinnvollen Ganzen fügen wird, obwohl ich das augenblicklich nicht erkennen kann.

Kann ich den Lauf der Dinge und auch mein mögliches Scheitern akzeptieren? Kann ich die Welt als sinnvolle Wirklichkeit bejahen? Kann ich mich in aller Gelassenheit in ein bejahendes Verhältnis zur unfertigen Wirklichkeit bringen und diese Haltung auch leben?

Billigkeit

Hören wir das Wort „billig“, denken wir wohl zuerst an einen billigen Einkauf  und stellen dann wahrscheinlich fest: „Dieser Schuh war zu billig“. In dieser gängigen Bedeutung heißt „billig“, dass ich zu wenig Geld für den Schuh ausgegeben habe und wohl besser den preiswerten genommen hätte.

Auf der anderen Seiten haben wir auch die Ausdrücke „jemandem etwas zubilligen“ und „Diese Entscheidung billige ich.“ Hier hat „billigen“ die Bedeutung von „zustimmen“ und „gutheißen“.

Billigkeit ist ein Rechtsprinzip und heißt auf Griechisch „epieíkeia“ und im Lateinischen „aequitas“. Was soll dieses Rechtsprinzip und warum brauchen wir es?

Gesetze sprechen allgemein und sollen für alle möglichen Fälle oder Situationen gelten. Der Gesetzgeber wird vielleicht von einer konkreten Situation angeregt, einen Regelungsbedarf zu erkennen. Singulär soll so eine Lösung allerdings nicht bleiben, und darum wird sie als Regelung in Gesetzesform gegossen. Wie gesagt, spricht das Gesetz allgemein und kann nicht den konkreten Fall in den Blick nehmen.

An dieser Stelle kommt die Billigkeit zum Zug, denn sie wendet das allgemeine Gesetz auf eine konkrete Situation an. Dabei korrigiert sie das gesetzlich Gerechte, indem sie nicht auf den Buchstaben, sondern auf die Absicht des Gesetzgebers achtet. Die Billigkeit schließt Lücken. Gesetze sind wie Zaunslatten, sagte mein Lehrer Joachim Wanke, und jede neue Zaunslatte schafft eine neue Lücke. Hält man sich buchstabengetreu an das Gesetz, kann man zum Legalisten verkommen und ungerecht entscheiden, obwohl man formal juristisch korrekt bleibt. Davor bewahrt die Billigkeit. Sie schließt die Lücken zwischen den Zaunslatten, um bei diesem Bild zu bleiben, indem sie die Intention des Gesetzgebers nicht vergisst und der konkreten Situation mit ihren Beteiligten Aufmerksamkeit schenkt. Mit der Tendenz unnötige Härten des Gesetzes zu vermeiden, wehrt sie sich dagegen, das Gesetz kleinlich auszulegen oder gnadenlos anzuwenden, und mildert die Billigkeit das Strafmaß.

Billigkeit – so unsere europäische Tradition – ist eine Art von Gerechtigkeit, und man könnte sie auch „das situationsgerechte Urteil“ nennen. Ob sie nun das bessere Recht als das Gesetz ist, darüber kann man streiten. Meines Erachtens bedarf das eine des anderen, denn die Gesetze liefern eine Maßgabe und die Billigkeit wendet diese an, um der Situation gerecht zu werden.

Vielleicht kommt unsere landläufige Bedeutung von „billig“ daher, dass die Billigkeit die Tendenz hat, eine Strafe abzumildern und das Strafmaß herabzusetzen.

Zinsen

Für das gesparte Geld bekommt man heute keine Zinsen. Da stellt sich doch die Frage, was Zinsen sind und warum sie einen zweifelhaften Ruf haben. Zinsen sind einfach der Preis für geliehenes Geld. Kauft jemand ein Haus und nimmt ein Darlehn von 150.000 € auf, dann kann er im Tilgungsplan lesen, dass ihn diese Darlehnssumme zum Beispiel 35.000 € kosten werden. Sowie man für einen Liter Milch 0,80 € bezahlen muss, muss man einen Darlehnsbetrag kaufen und der Kaufpreis heißt Zins.

Vom Zins lebt unsere moderne monitarisierte Welt. Als ich Kind war, wurde ich angehalten, Geld zu sparen, um meinen Wunsch zu erfüllen. Würden wir heute diese Haltung der deutschen Sparsamkeit aufrechterhalten, bekäme das Wirtschafswachstum einen Knick. Darum lautet jetzt die Botschaft: Erfülle Deine Wünsche sofort und bezahle später. Insbesondere in Zeiten einer Niedrigzinsphase scheint diese Empfehlung der Realität nahe zu kommen. Mal abgesehen davon, dass mit dieser Empfehlung eine hedonistische Haltung – Ich. Alles. Jetzt – gepuscht wird, verwundert es, dass insbesondere das Judentum und der Islam die Zinsen ablehnen, als seien sie ein Geschenk des Teufels.

„Diejenigen, die Zins nehmen, werden nicht anders dastehen als wie einer, der vom Satan erfasst und geschlagen ist. Dies (wird ihre Strafe) dafür (sein), dass sie sagen: ‚Kaufgeschäft und Zinsleihe sind ein und das-selbe.‘ Aber Allah hat das Kaufgeschäft erlaubt und die Zinsleihe verboten. …Diejenigen aber, die es wieder tun, werden Insassen des Höllenfeuers sein und darin weilen“ Koran, Sure 275.

„Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann.“ Deuteronomium 23, 21.

Wo liegt das Problem? Geld produziert Geld. Der Gewinn, der aus den Zinsen entsteht, rührt nicht von Arbeit her und entsteht „aus dem Nichts“. Wenn nun ohne Arbeit ein Gewinn – und zwar noch ein risikofreier und gesicherter – entsteht, benimmt sich Geld wie Gott und schafft „ex nihilo“. Das klassische Beispiel: Leiht jemand einen anderen zehn Fässern Wein, dann hat er nur Recht auf die Rückgabe von zehn Fässern Wein. Woher soll bei einer 10%igen Verzinsung das elfte Weinfass herkommen?

Die Zinserträge aus dem Geldverleih verführen den Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit zu Habgier und Geiz – also zu einer tödlichen Sünde.

Der Zinsertrag wird ohne jegliche Verpflichtung garantiert, wogegen man bei Unternehmensbeteiligungen am Risiko teilhat und haftet.

Mir scheint das Problem woanders zu liegen. „Zins nehmen für geborgtes Geld ist an sich ungerecht, denn es wird verkauft, was nicht ist, wodurch ganz offenbar eine Ungleichheit gebildet wird, die der Gerechtigkeit entgegen ist“, heißt es bei Thomas von Aquin. Zins fördert die Tendenz, dass Geld zu Geld kommt, zur „Akkumulation des Kapitals“, wie Karl Marx das nennt. Der Schuldner wird durch den Zins wie ein Sklave auf der Ruderbank festgekettet und der Gläubiger genießt die Früchte dieser Arbeit. Zins trägt die Gefahr in sich, den Ausgleich zwischen unterschiedlichen Menschen in einer Gesellschaft – genau um den Zinssatz – zu behindern und Gerechtigkeit zu verletzten. Das zur Kritik des Zinses.

Zum Lob des Zinses: Ein Darlehn ermöglicht es mittellosen Menschen ein Studium, ein Haus oder eine Unternehmensgründung zu finanzieren. Dadurch erhöht sich die Durchlässigkeit der Gesellschaft, wie es die sogenannten Mikrokredite in Bangladesch zeigen, und ein Plus an Gerechtigkeit wird gewonnen. Es muss ja einen Grund haben, warum seit der Renaissance in Westeuropa Zinsgeschäfte erlaubt sind.

Ikone

Vor einigen Monaten schrieb ich vom Bild. Das Bild ist etwas anderes als das Abgebildete, hat mit diesem – bei aller Andersartigkeit das Schema – gemeinsam. Sehen wir ein Bild, dann erinnern wir uns an das Abgebildete und benutzen es als Medium. Allerdings gibt es wahre Bilder wie das Schweißtuch der Veronika (vera icona) und falsch Lügenbilder, die wir Idole nennen. Soweit damals, und daran knüpfe ich heute an.

Die morgenländische Christenheit greift aus der Philosophie Platons das Paradigma Bild (eikon) auf, weil es auch in der Bibel vorkommt: „Lasst uns den Menschen machen nach als unser Abbild, uns ähnlich.“ (Genesis 1,26) und „Er (Jesus Christus) ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes.“ (Kolosser 1,15). Menschen geben das Bild ihres Schöpfers zwar wieder, aber doch nur unvollkommen, schemenhaft; wogegen Christus das vollkommene Bild des Vaters ist, so die Bibel.

Besuchen wir eine orthodoxe Kirche, werden wir eine Fülle von Ikonen sehen – gleich beim Eingang die Festtagsikone, die Ikonostase und auch die Fresken – sowohl innen als auch außen. Warum diese Fülle? Auf jeden Fall greifen wir mit unserer gängigen abendländischen Erklärung, diese Bilder seien eine Bibel für die armen Ungebildeten, zu kurz. Dazu bräuchte man nicht so viele Bilder und könnte auch auf die Kerzen und den Weihrauch vor den Ikonen verzichten. Die Ikone – das wahre Bild – sei ein Medium der Gotteserkenntnis, so sieht das die morgenländische Theologie:

  • Die Ikone ist ein Fenster zur Ewigkeit, denn das Abgebildete wird im Bild präsent. Überhaupt ist die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen und leben, ein Abbild der himmlischen, ewigen Wirklichkeit. Die Ikone als Repräsentant des Himmlischen durchbricht die Totalität des Irdischen, öffnet sozusagen ein Fenster und lässt uns einen Blick auf das werfen, was zwar unsichtbar, aber dennoch gegenwärtig und der Grund unserer Existenz ist.
  • Die Ikone wird in der „umgekehrten Perspektive“ gemalt, das heißt der Fluchtpunkt liegt nicht im Bildraum, wie wir es von der Zentralperspektive her kennen; der Fluchtpunkt liegt im Auge des Betrachters. Der Betrachter wird vom Abgebildeten aus der Ikone heraus angeschaut und aufgefordert, Kontakt aufzunehmen und seine Aufmerksamkeit auf das Urbild zu richten. Gelingt dies, so erhält der Betrachter Kunde aus den Tiefen des Seins und eine Erinnerung an seine geistige Heimat. Energie strömt, das Urbild wirkt im Betrachter und wird in ihm gegenwärtig.
  • Die Schönheit, die den Betrachter erreicht oder trifft, versteht die orthodoxe Christenheit als Strahl vom Quell aller Bilder, die in ihm „eine freudige Kunde aus vertrauten Tiefen des Seins, eine vergessene, aber insgeheim gehegte Erinnerung an die geistige Heimat“ bringt. Die Schönheit der Ikone führt zur geistigen, ewigen Schönheit hinauf.

„Die Ikone ist die Erinnerung an ein höheres Urbild. Aus diesem Grund kleidet sich ein oberflächliches und auf krummen Wegen erreichtes Eindringen in die geistige Welt in ungewöhnliche, rätselhaft komponierte Formen, eine Art Rebus [Bilderrätsel] der geistigen Welt; die darstellende Kunst steht an der Grenze zur verbalen Erzählung, aber ohne die verbale Klarheit.“ Pavel Florenskij, Die Ikonostase, Stuttgart 1988, Seiten 57.58 und 94.