Der Name

Der Name eines Menschen steht für dessen Identität. Das zeigt sich schon daran, dass wir als erstes unseren Namen nennen, wenn wir uns vorstellen: „Mein Name ist Andreas Fritzsche…“ Falls wir mal nicht mit dem Namen anfangen wollen, müssen wir schon einige intellektuelle Klimmzüge machen, um einen anderen Anfang zu finden. Interessanterweise haben wir uns den Namen, der ja immerhin unsere Identität bezeichnet, nicht selbst gegeben. Der Name wurde nicht nur uns gegeben, wir mussten diesen uns sogar sagen lassen. Das, was uns kennzeichnet, wurde uns gegeben. Das ist schon ein starkes Stück und kränkt doch ziemlich die Selbstverliebtheit, denn die Namensgebung ist ein Herrschaftsakt.

„nomen est omen“
Zumindest in der griechischen Mythologie deutet der Name das Schicksal der ihn tragenden Person an. „Odysseus“ heißt „der Gehasste“, was dieser König von Ithaka auch auf seiner Odyssee leidvoll erfahren muss: Poseidon und Helios hassen ihn aus tiefsten Herzen. Übrigens gab Odysseus‘ Opa Autolykos ihm mehr oder weniger aus Spaß diesen Namen. Ein weiteres Beispiel: „Ödipus“ heißt „Schwellfuß“ und seine Eltern Laios und Iokaste zerstachen ihm als Baby die Fersen und banden beide Beine zusammen, damit er nicht fortlaufen und so ganz sicher von wilden Tieren gefressen werden konnte. Kaum einer der mythischen Heroen war so an sein Schicksal gebunden wie Ödipus. Wurde jemand in den dreißiger oder vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren und heißt Siegfried, Brunhilde oder so, kann man daran erkennen, dass die Eltern braun waren. Übrigens gibt es ab 1945 keine Kinder mehr, die Adolf heißen; bis 1945 jede Menge.

„ha schem“
Die frommen Juden scheuen sich, den Namen ihres Gottes auszusprechen, obwohl sie diesen, seit dem Moses ihn am brennenden Dornbusch zu hören bekam (Exodus 3, 14), kannten. Sie umschiffen diese Schwierigkeit mit Bezeichnungen wie „ha schem“ – der Name – oder „adonai“ – Herr. Woher diese Scheu? Wer den Namen eines Gottes kannte und ihn aussprach, hatte Zugriff auf diesen Gott und konnte durch Beschwörungen ihn gefügig machen. Auch in dem Grimmschen Märchen von Rumpelstilzchen funktioniert das so. Mit dem Aussprechen des Namens verlor Rumpelstilzchen all seine Macht.

Herrschaft
Als Gott die Tiere und den Menschen – Adam, der „Erdling“, der Mensch – geschaffen hatte, führte er die Tiere Adam vor und dieser durfte ihnen seine Namen geben (Genesis 2, 19f). Damit sagt die Bibel, dass der Mensch über die Tiere herrschen darf, weil sie nun menschliche Namen tragen. Die Namensgebung ist ein Herrschaftsakt.

Ergo: Überlegen sie bitte genau, wie sie ihr Kind oder Firma benennen wollen. Manch einer weiß nicht, was ein Aaron oder Dennis ist, und bekommt solch einen Namen verpasst, weil er einfach nur Mode war. Nur sind Moden recht flüchtig, doch der Name bleibt  – als Segen oder als Fluch?

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