Ego

Egoismus hat einen schlechten Ruf, und der Satz „Du bist ein Egoist.“ ist sicherlich nicht als Kompliment gemeint. Doch mal Hand aufs Herz und ganz ehrlich gefragt: Kommen wir aus unserem Ego heraus?

Immer stehen wir im Mittelpunkt unserer Welt. Das sagen nicht nur unsere fünf Sinne, sondern auch unsere Gefühle. Die Zahnschmerzen eines anderen kann ich nicht nachempfinden, weil es eben nicht meine sind. Bestenfalls kann ich mich an meine Zahnschmerzen erinnern und eine Analogie aufbauen. Ja, dem muss es jetzt wohl genauso ergehen wie mir damals.

„Natürliche Egozentriertheit“ kann man das nennen, denn wir können dagegen nichts machen. Immer werde ich im Mittelpunkt meiner Welt stehen, und das gilt es zu respektieren. Wie kommt es zu dieser „natürlichen Egozentriertheit“?

Eine Vermutung habe ich: Weil wir Lebewesen sind, legte die Natur uns zwei Aufgaben in die Wiege: 1. Selbsterhaltung; 2. Arterhaltung – und das in dieser Reihenfolge. Darum sorgen wir uns zuallererst, dass wir am Leben bleiben. Wir sorgen uns um Essen, Schlaf, Gesundheit usw. Diese Sorge, manche sprechen sogar von „Angst um sich selbst“, werden wir nicht los. Die entscheidende Frage ist allerdings, ob die Angst um mich selbst die Zügel in der Hand hält und meinen Wagen steuert, oder ob sie auf der Ladefläche hockt.

Nicht nur Lebewesen sind wir, wir sind auch physikalische Körper: Den Raum, den ich einnehme, kann kein anderer einnehmen. Archimedes entdeckte das freudig überrascht, als er in die Badewanne stieg und Wasser über den Rand floss. Den Raum, den Archimedes in der Wanne einnimmt, kann das Wasser nicht einnehmen und wird darum verdrängt. Diese physikalische Tatsache zeigt sich allerdings auch in anderen Bereiches des Lebens: Den Arbeitsplatz, den ich habe, kann kein anderer haben. Diese Lebenschance gebe ich für andere erst wieder frei, wenn ich kündige oder in Rente gehe.

(Fatal wird es allerdings, wenn ich mein Ego wie den Mittelpunkt eines Kreises behandle und um diesen Mittelpunkt herum einen Kreis schlage. Wenn ich mich mit meinen Wahrnehmungen, Einsichten und Wertungen zum Maß aller Dinge mache. Das Essen, was mir schmeckt, muss auch anderen schmecken. Die Einsicht, die ich gewonnen habe, müssen auch andere treffen oder sie sind dumm. Aber das ist eine moralische Fehlhaltung, eben Egoismus, und ein anderes Thema.)

Wie gesagt, gilt es zu respektieren, dass ich ein Lebewesen bin und nicht nur einen Körper habe, sondern auch bin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.