Erste und zweite Ursachen

Aristoteles spricht in der sogenannten Metaphysik von ewigen und vergänglichen Ursachen oder von ersten und erzeugbaren Prinzipien. Kommt hier etwas durcheinander? Später nennt man das erste und zweite Ursachen. Was kann man darunter verstehen?

Vielleicht hilft ein Beispiel. Wenn wir im Kino sitzen, wollen wir einen Film sehen und diesen genießen. Wir sehen die bewegten Bilder und hören Töne, wir verfolgen die Handlung und sind mitten drin im Film. Mit den Personen gehen wir mit, finden sie vielleicht sympathisch oder denken unseren Teil über den Film. Dabei merken wir gar nicht, dass es eigentlich nur bewegte Bilder auf der Leinwand und Töne durch die Lautsprecher sind.

Plötzlich fällt der Strom aus. Nichts passiert, und wir sitzen verdutzt in einem dunklen, stillen  Raum. Was ist passiert? Der Projektor steht aus irgendwelchen Gründen still, und nichts ist – zumindest kein Film. Dann fangen wir an nachzudenken und bemerken, dass der Projektor die fundamentale Ursache der bewegten Bilder und Töne ist.

Verhält es sich mit der Wirklichkeit, in der wir leben, ebenso? Ganz selbstverständlich gehen wir davon aus, dass etwas ist, dass die Naturgesetze funktionieren, dass die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht, oder dass ich mir auf die Fußspitzen schauen kann. Ein Mann aus Hannover frug einmal: „Warum ist überhaupt etwas, es könnte ja auch nichts sein.“

Eben das will das Paradigma der ersten und zweiten Ursachen klären. So wie der Filmprojektor die notwendige und erste Ursache dafür ist, dass wir einen Film sehen und erleben können, so müsse es erste Ursachen für die Existenz der Wirklichkeit, in der wir leben, geben.

Die ersten Ursachen liegen auf einer anderen (ontologischen) Ebene als die Wirklichkeit, konstituieren diese jedoch und gehen in ihr nicht auf. Wir bewegen uns auf der Ebene der Wirklichkeit. Die technischen Geräte funktionieren, die natürlichen Dinge überraschen uns zwar manchmal, bleiben aber ganz zuverlässig, was sie sind, die Naturgesetze zeigen sich stabil und verlässlich. Auch unser Denken lässt uns nicht ganz im Stich. Das soll gar nicht ironisch oder böse gemeint sein. Wir bewegen uns selbstverständlich in dieser Wirklichkeit wie die Fische im Wasser. Da stimmen einfach unsere Erkenntnisse, Aussagen und Entscheidungen. Trotzdem fragen Menschen: Warum ist das so?

Wissen die Punkte auf dem Kreisumfang, dass es einen Mittelpunkt gibt, der sie konstituiert und anordnet? Denken wir im Kino an die Daseinsgrundlage des Films? Nein, und trotzdem ist die erste, sogar notwendige Ursache des Kreises ein Mittelpunkt und ein Projektor ist Ursache des Filmgenusses.

Freilich kann man sagen, das sei eine unangemessene Metapher und solche Fragen nach ersten Anfängen und Ursachen seien sinnlos. Gut, dann braucht man auch nicht weiter zu fragen und schaut sich eine Computersimulationen von schwarzer Materie an. Dann hat man wenigstens etwas Handfestes.

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