Führen

Nachdem vor einigen Jahrzehnten der Führer abhandenkam, wird heute wieder von Führen, Führung und vor allem von Führungskompetenzen gesprochen. Darum gestatte ich mir die Frage, was Führung überhaupt ist.

Führung ist Machtausübung, denn es gibt ein Gefälle zwischen dem Führenden und den Geführten. Dafür hat das Arbeitsrecht verschiedene juristische Begriffe wie Weisungsbefugnis. Nun leben wir in einer Demokratie, welche eine Grundannahme hat: Es gibt Freiheit und die Menschen sind frei. Angenommen, wir akzeptieren diese Unterstellung, dann drängt sich die Frage auf: Was rechtfertigt die Herrschaft von Menschen über freie Menschen? Warum nehmen wir das Machtgefälle hin? Die klassische Antwort, der ich mich anschließe lautet: Das Engagement um das Gemeinwohl (bonum commune) rechtfertigt Herrschaft, Machtausübung und Führung, denn nicht alle können gleichzeitig die Verantwortung für das Gemeinwohl zeichnen und zuständig sein.

Im Kontext der Ökonomie ist das „bonum commune“ in der Regel das Unternehmenswohl. Der Unternehmer oder die Führungskraft erhält mit dem Verweis auf das Unternehmenswohl – und nichts anderem – die Machtfülle, Menschen einzustellen und zu kündigen, Beurteilungen (und kein Feedback) zu formulieren, überhaupt Entscheidungen zu fällen und Anweisungen zu geben. Der Grund dieser Machtfülle liegt im Unternehmenswohl und in nichts anderem.

Worin liegen die Führungsaufgaben aus dem Blickwinkel einer vernünftigen Ethik? Meines Erachtens:

Die führende Person ist klug beraten, eine „Kultur des Vertrauens“ ins Leben zu rufen. Vertrauen senkt die Transaktionskosten. Misstrauen ergibt keine Kooperationsbasis und verplempert Geld und Zeit – eben die knappen Ressourcen.
Die führende Person muss die anderen orientieren, denn diese brauchen jemand mit Überblick. Dabei ist sie klug, wenn sie sich intensiv beraten lässt, couragiert selbst die Entscheidung fällt und diese dann auch klar kommuniziert. Menschen wollen wissen, was los ist und wohin der Hase läuft.
Nicht motivieren, denn das ist manipulieren, soll die führende Person, sondern überlegen, warum die Mitarbeiter ihre Potentiale nicht ausleben. Wo gibt es Demotivatoren, also Blockaden der Motivation, im Unternehmen? Was behindert die Menschen, ihre Energie fließen zu lassen?
Häufig wird „Wertschätzung“ genannt und das ist richtig. Allerdings besteht Wertschätzung nicht allein im Loben, sondern auch im Tadeln. Hier geht es um Wahrheit und Wirklichkeit. Alles andere – nämlich der Verzicht auf Tadel und Sanktionen – ist für mündige und aufgeklärte Menschen unwürdig. Übrigens, ehe man Mitarbeiter lobt, muss man sie erstmal als Person (und nicht nur als AK-Stelle) wahrgenommen haben. Die führende Person muss Controlling betreiben, und das darf nicht mit Kontrolle verwechselt werden.

Der Führer führt. Bekanntlich ist es an der Spitze eines Berges einsam und zugig; ebenso an der Spitze eines Unternehmens. Darum die essentielle Frage: Wer führt den Führer? Wer führt mich?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.