Berufsethos

Unternehmer, Mitarbeiter und große Teile der Öffentlichkeit beklagen den Werteverfall und, dass die deutsche Sitte verschwunden ist. Große Unsicherheit greift um sich: Was gilt? Wohin geht die Reise? Wer bin ich? Woran bin ich mit den anderen Menschen? Diese Situation der Orientierungslosigkeit einfach zu beklagen oder zu jammern, bringt auch nicht weiter und schon gar keine Lösung. Machen wir es wie der Joker im Kartenspiel. Der Joker kann jede Karte sein und darum muss er sich zwei Fragen beantworten: 1. Was wird hier gespielt? 2. wer bin ich in diesem Spiel?
Der Berufsethos kann eine klare Antwort auf diese Orientierungsfragen geben und emotionale Zugehörigkeit stiften.

Was ist Beruf? Auf jeden Fall kein Job, denn diesen könnte man wechseln wie Unterhosen, und einen Arzt, der seinen Beruf als Job versteht, würde keiner an seinen Blinddarm heranlassen. Beruf kommt von Berufung – da hat jemand einen Ruf gehört und folgt ihm, da hat jemand sein Talent entdeckt und eine Kunstfertigkeit daraus gemacht, da widmet jemand sein Leben einer Aufgabe.
Was ist „ethos“? Wenn wir handeln, wollen wir etwas bewirken – zum Beispiel ein Brillenglas schleifen. Darüberhinaus hinterlässt eine Handlung in uns Spuren. Schleifen wir öfters ein Brillenglas, dann können wir das auch (mit verbundenen Augen), weil wir diese Fertigkeit erworben haben und schließlich kompetente Brillenschleifer sind. Handlungen hinterlassen im Handelnden Spuren: Kompetenzen, Charakterzüge und Gewohnheiten. Das griechische Wort für Gewohnheit heißt „ethos“ – und da gibt es gute Gewohnheiten, wir nennen sie Tugend, und da gibt es auch schlechte Gewohnheiten, wir nennen sie Laster. Handeln mehrere Menschen gemeinsam oder arbeiten sie zusammen, dann entstehen gemeinsame Gewohnheit. Wenn wir sie fragen „Warum macht ihr das so und nicht anders? Warum ist euch das wichtig und jenes nicht?“, werden sie sagen „Das ist bei uns so üblich. Das ist bei uns so Brauch.“ Diese gemeinsamen Gewohnheiten nennen wir Brauchtum, Sitte und auf einen Berufsstand bezogen „Berufsethos“. Übrigens brauchen Menschen gemeinsame Gewohnheiten, um miteinander leben zu können, denn Menschen wollen immer wissen, woran sie miteinander sind, sie wollen einander vertrauen können.

Warum einen Berufsethos? „Gesetze sind wie Zaunslatten; jede neue Latte schafft eine neue Lücke.“ Normen und Gesetze können Wirklichkeit nicht vollständig regeln. Auf die Haltung, die Einstellung und den Charakter kommt es an: Was bindet diese Person? Woran hängt ihr Herz? Wofür steht dieser Mensch? Einige Berufsstände wie Ärzte oder Kaufleute haben Antworten auf diese grundlegenden Fragen formuliert. Der Berufsethos des Arztes können wir im Eid des Hippokrates lesen und dort auch berufsspezifische Sätze finden. Den Berufsethos des ehrbaren Kaufmanns kann man auf die drei Worte reduzieren: „Sein Wort gilt.“ Neben technisch, handwerklichen Fertigkeiten geht es um moralische Haltungen, um Tugenden und gute, gemeinsame Gewohnheiten. Werte bzw. Güter werden benannt, die – berufsbedingt – besonders schutzbedürftig sind. Zum Beispiel wird der Kaufmann durch Gier besonders gefährdet. Unterliegt ein Kaufmann diesem Laster, verfällt er der Schande; hält er der Versuchung stand, bewahrt er seine Ehre. Der Berufsethos verfügt also über die Sanktionen Ehre und Schande. Was an diesem Geschäft schandbar war, weiß der aufmerksame Kaufmann sehr wohl, und das muss ihm nicht erst ein Gesetz beibringen.
Der Berufsethos liefert Sinnbezug und Identität. Damit können wirtschaftliche Akteure Glaubwürdigkeit und Vertrauen bei Kollegen, Mitarbeitern, beim Kunden und der Öffentlichkeit gewinnen, was sich durchaus ökonomisch positiv darstellt. Obendrein liefert der Berufsethos für die Ausbildung des Nachwuchses ein moralisches Fundament, den jeder weiß, wohin der Hase läuft.

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