gut

Im Zeitalter der Toleranz halten wir uns mit Wertungen zurück. Trotzdem benutzen wir das Wörtchen „gut“ sehr häufig – ungefähr vier Mal in der Stunde. Die Urteile „gut“ und „böse“ benötigen wir, um uns im Leben zu navigieren. Übrigens können wir uns sogar über „gut“ und „böse“ streiten. Da muss doch etwas sein, worüber wir uns streiten.

Zuallererst benutzen wir „gut“ ohne moralische Hintergedanken. Gute Schuhe wollen wir kaufen, um meinen damit Schuhe, die passen, schön aussehen und dem Fuß wohl tun. Ein gutes Messer muss scharf sein, also dazu taugen und fähig sein, wozu es gedacht ist: richtig und sauber schneiden. Wenn wir mit solchen Dingen umgehen, dann wissen wir ganz genau, was dieses kleine und schrecklich abstrakte Wort „gut“ bezeichnet: stimmig, passend, schön, wohltuend, tüchtig, richtig, in Ordnung, „so muss es sein“ – und manchmal auch reichlich, wenn jemand „gut eingeschenkt“ hat. Die Umgangssprache zeigt ganz deutlich, dass und wie wir Urteile fällen, denn das Leben fordert Entscheidung und wir wählen – und hoffentlich das Gute.

Die moralische Ebene löst sich nicht von der sachlichen Ebene. Darum können wir bei den alltäglichen Urteilen anknüpfen. Die Wertung „gut“ verdient eine Sache oder Handlung, wenn sie der Wirklichkeit, ihrem Wesen oder ihrer Natur entspricht, in Ordnung ist und angemessen geschieht. Sie ist, wie sie sein kann und soll; die Wesensform ist erfüllt. Das nennen wir dann auch „schön und gut“ oder „sinnvoll“. Freilich bleiben weitere Kriterien und Maßstäbe zu diskutieren. Wichtig ist allerdings auch, wie wir handeln und welche Haltung wir einnehmen. Mit der Haltung kommt die Moralität ins Spiel, denn die Güte einer Handlung zeigt sich u.a. im Respekt, in der Aufmerksamkeit, in der Wahrhaftigkeit und auch in der Demut des Handelnden. Dem Guten wird sein Handeln – mit großer Wahrscheinlichkeit und so Gott will – gelingen.

Nun sehen und wertschätzen unterschiedliche Menschen Gutes bisweilen unterschiedlich. Darum sind Differenzierungen auf der Ebene des Guten sinnvoll: 1. Was ist „gut“ für mich? Einer überarbeiteten und gestressten Frau wird ein Wochenende im Bett gut tun, für einen trägen, antrieblosen jungen Mann ist das gerade nicht gut. 2. Was ist „gut“ für uns? Hier haben wir schon viel größere gemeinsame Schnittmengen, weil es um Gemeinschaft geht. Einer Familie, die mit einem festen zinsgebundenen Darlehen ein Haus gekauft hat, wird steigende Inflation eher Freude bereiten als einer Familie, die so ihr Vermögen angelegt hat. 3. Was ist „gut“ an sich? Auch der hartnäckigste Relativist (dem alles gleich gültig ist) wird Gesundheit als ein Gut an sich (unter anderen Gütern) ansehen; das sagt der gesunde Menschenverstand. Ob es allerdings das Gute schlechthin, das höchste Gut, gibt und welches es ist, bleibt offen.

Meine Empfehlung: „gut“ ist das, was Leben lässt, was Leben fördert und ermöglicht. Einen schönen und guten Sonntag wünsche ich.

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