Deutsch sprechen

Als ich ein Kind war, lernte ich in der Schule „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ und es wurde Russisch gesprochen. Vor einigen Jahren hatte ich den Eindruck „Von der englischsprachigen Welt zu lernen, heißt siegen lernen“, und es wurde Englisch (oder D-Englisch) gesprochen. Zumindest bedeutete der Verweis auf die Praxis dieser Länder, dass wir in Deutschland nicht auf der Höhe der Zeit, altbacken und irgendwie dumm sind – zumindest seien die anderen fortschrittlicher, erfolgreicher und besser. Wer seine Gedanken in Sätze einpacken konnte, die mit Anglizismen garniert (und vielleicht sogar mit Power Point präsentiert) waren, hoffte nicht ohne Grund, Eindruck zu schinden oder zu hinterlassen.

Woher dieser Hang? Verwalter des esoterischen Wissens werden auch eine esoterische Sprache benutzen, ob das nun Parteichinesisch, Kirchenlatein oder Wirtschaftsenglisch ist. Wer diese Sprache benutzt, dokumentiert, dass er „eingeweiht“ ist und damit alles andere auch kennt. Vom großen Kreis der Dummen hebt er sich ab und weiß, wie die Realität wirklich funktioniert. Er zeigt, dass er dazu gehört. Das scheint ja auch zu funktionieren, denn viele Menschen lauschen ehrfurchtsvoll diesen Äußerungen und wollen auch so sprechen können. Aber Achtung: Wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ könnte ein Kind genau hinschauen und rufen „Der Kaiser hat ja gar nichts an.“ Dann kommt es heraus: Hinter der Phrasen-Dreschmaschine steht rein nichts.

Meine Empfehlung: Sinn und Zweck der Sprache ist Verständigung. Sprechen Sie so, dass Sie verstanden werden können. Sprechen Sie die Sprache Ihrer Zuhörer, Ihrer Gesprächspartner – und das ist in der Regel die gepflegte Umgangssprache. Sicherlich hat da jeder seine Macken, seinen eignen Stil; das ist ja auch gut so und macht sympathisch, wenn es passt. Wie gesagt, sprechen wir, um uns mitzuteilen und zu verstehen. Im Deutschen haben wir sogar ein Sprachbild dafür – „eine gemeinsame Sprache sprechen“.

Seitdem in den USA eine Blase platzte, hat sich etwas geändert. Die Anglizismen sind auf dem Rückmarsch und Sie können Worte wie „der ehrbare Kaufmann“ oder „familiengeführtes Unternehmen“ wieder hören bzw. lesen. Wenn Sie deutsch sprechen, liegen Sie sogar im Trend.

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