Gibt es einen Gott?

„Gott ist tot, und die Trauerzeit ist auch vorbei.“ Juli Zeh

„‘Sie wollen alles wissen‘, sagt er. ‚Natürlich will ich‘, sage ich. ‚Es liegt in der menschlichen Natur, immer alles wissen zu wollen, und es müsste eigentlich im Wesen menschlicher Vernunft liegen, sich diesem Verlangen zu widersetzen. Ich arbeite daran.‘“ Juli Zeh

Die Frage nach Gott begleitet uns Menschen seit Anbeginn, und alle Kulturen haben irgendeine Vorstellung von Gott. Selbst der Gottesleugner, der Atheist, redet über Gott und hat ein Bild von Gott, sonst könnte er ja nichts leugnen oder ablehnen. Auch diejenigen die keine heiligen Schriften wie die Bibel oder den Koran haben, sprechen von ihm. Wie kommt es, dass Menschen von Gott reden?

Das muss doch mit dem zu tun haben, was uns Menschen von allem anderen und auch von allen anderen Lebewesen abhebt; und doch muss es etwas sein, dass allen Menschen gemeinsam ist. Weil Menschen über Worte verfügen, sich unterhalten, streiten und sogar verstehen können, verfügen sie über ein ganz besonderes Vermögen, das sie als Menschen auszeichnet und kennzeichnet: Vernunft nennt man dieses Vermögen.

Ist dieses Vermögen Vernunft in Gang, stellen sich diese Fragen: Was ist das da? Schnee, Baum, Spuren im Schnee, Licht, Glasscheibe. Woher kommt das alles? Gibt es einen Grund dafür, dass das alles ist? Es könnte ja auch einfach nichts sein, so wie im Kino alles dunkel ist, wenn der Strom ausfällt. So fragt Vernunft, wenn ihr das Fragen nicht verboten wird, und sie sucht auch nach Antworten. Dabei fängt die Vernunft immer mit dem Konkreten an, also beim Schnee, der Glasscheibe usw. Interessanterweise gehen wir so in Irritationen vor, wenn ich zum Beispiel in Berlin bin und mich dort nicht so gut wie in Goslar auskenne: Dann frage ich nach der Straße und versuche meinen Standort zu fixieren, um den Weg zur gesuchten Straße zu finden. So kann ich in meinem Denken das Schema aufnehmen und zielgerichtet suchen.

Dabei fängt die Vernunft immer mit dem Konkreten an, so wie mit den Spuren im Schnee: War das eine Katze? ein Vogel? Michi – das Nachbarskind? Wir verfolgen den Weg zurück und abstrahieren von der konkreten Spur. Darum fragen – zwar nicht alle, doch immerhin – recht viele Menschen.

1. Woher kommt die Bewegung? Alles ist ja bewegt, verändert sich, wird und vergeht. Gibt es einen ersten Impuls?

2. Vor hundert Jahren war ich nicht und in hundert Jahren werde ich nicht sein; und trotzdem wird  sich die Erde auch ohne mich weiterdrehen. Von mir hängt das Universum sicherlich nicht ab. Alles, was ich sehe, ist genau so beiläufig: Alles ist nicht notwendig [kontingent]. Aber gibt es etwas, was unbedingt notwendig ist? Gibt es etwas, ohne das absolut nichts wäre?

3.Alles, was mir begegnet, hat eine Richtung, wenn ich es im Großem und Ganzem betrachte. So sprechen wir von Evolution, um die Zielgerichtetheit und Struktur zu beschreiben. Aber woher kommt die Richtung? Wo führt das hin? Wer gibt hier den Ton an?

Gerade heute Morgen überraschen mich der Schnee, die klare Luft und die Morgenröte. Über diese Schönheit staune ich.

Will sagen: Die Vernunft bekniet mich mit ihren Fragen nach dem Ursprung der Bewegung, nach der Zielgerichtetheit der Evolution und nach einem wirklich Notwendigem sowie im Staunen über die Schönheit und sie drängt mir die Antwort „Gott“ auf. Allerdings ist die Vernunft auch so bescheiden bzw. skeptisch, dass sie mir beibringt: Nicht was oder wer Gott ist, erkenne ich, sondern nur, wie er sich mir darstellt. Wer mehr zu wissen vorgibt, betrügt.

Darum ist „Gott“ auch nur ein Gattungsbegriff und kein Name. „Dass Gott ist, wissen wir“, sagt uns die Vernunft, und „wer oder was Gott ist, können wir nicht wissen“. Das muss uns erst gesagt werden.

Quintessens: Wenn wir die Frage nach Gott still stellen, sie beerdigen oder uns verbieten, dann gibt es Gott nicht; aber nur dann.

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