Glaube

Gegenwärtig hat „Glaube“ einen schlechten Ruf. Menschen, die sich zu einem Glaubensbekenntnis bekennen, seien dogmatisch, intolerant und vor allem unwissenschaftlich von gestern. So benutzen wir das Wort „glauben“ auch: Ich glaube, morgen wird es schneien. Also Glaube im Gegensatz zum Wissen. Gehen wir allerdings zur Bank, dann gibt es auch einmal den Gläubiger und den Schuldner. Auf der Bank gibt es auch einen Kredit. Wie kommt das? Leiht jemand einem anderen Geld, dann tut er das in dem Vertrauen, dass der Darlehensnehmer das geliehene Geld auch zurückzahlen wird und nicht Privatinsolvenz anmeldet. Er glaubt dem anderen, und ohne diesen Glauben kommt kein Darlehnsvertrag – sprich: Kredit – zustande. Selbst Basel I bis III oder das juristisch Kleingedruckte können den Akt des Vertrauens, den Gläubiger und Schuldner schultern müssen, ersetzen. „Vertrauen senkt die Transaktionskosten“, lautet die Formel. Glaube ist also mehr als nur „dafürhalten“ oder „meinen“.

Das griechische Wort „pisteuo“ kann man sowohl mit „ich glaube“ als auch mit “ich vertraue“ und „ich halte für wahr“ übersetzen. Darum können wir Glauben und Vertrauen synonym verwenden, wenn wir mit Glauben nicht gleich den Inhalt des Katechismus oder kommunistischen Manifests verstehen. Das lateinische Wort „credo“ bedeutet sehr wohl „ich glaube“. Es kommt von „cor dare“: Das Herz geben. Dabei meint Herz nicht die Pumpe, sondern den Kern einer Person. So benutzen wir es auch. „Ich glaube dir“ bedeutet doch „ich vertraue dir“, „ich baue auf dich“.
Glaube ist also eine fundamentale menschliche Fähigkeit ohne die Kooperation und Zusammenleben nicht möglich ist. Haben Sie im Team jemanden, der sich nicht auf andere verlassen kann und alles noch einmal überprüft, dem einfach das Grundvertrauen in die anderen fehlt, dann wird es schwierig und letztendlich die Kündigung oder Scheidung eingereicht. Auch der Schüler in der Grundschule muss dem Lehrer glauben, dass A ein A ist und die 1 von der 0 unterschieden ist, sonst lernt er nichts. Später kann und muss der Schüler freilich die Lerninhalte skeptisch anschauen. Aber das ist der zweite (und nicht der erste) Schritt. Glaube verstanden als Grundvertrauen kann man nicht einfach machen, er ist eine innere, persönliche Haltung und diese wird uns geschenkt. Manch einem Menschen ist ja der Aufbau dieser Haltung durch hässliche Dinge in der Kindheit erschwert worden, und manch eine verlor den Glauben an die Welt durch böse Ereignisse.
Am besten halte ich die Formulierung „Feststehen in dem, was man erhofft, und überzeug sein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebräer 11, 1). Worauf wir unser Leben bauen und woran wir unser Herz hängen, können wir eben nicht sehen, obwohl es doch eine Wirklichkeit ist. Und in dieser Hinsicht kenne ich keinen „ungläubigen“ Menschen. Die interessanten Fragen dabei sind, woran wir glauben, worin wir unser Leben gründen und, wie Kant das prägnant formulierte „Was darf ich hoffen?“
„Wenn der Glaube das Haus zur Tür verlässt, dann springt der Aberglaube zum Fenster herein“, lautet eine Beobachtung. Ein ausformuliertes Credo kann man reflektieren, darüber streiten oder gar ablehnen. Der Aberglaube geistert einfach rum und ist nicht zu packen bzw. zu bändigen.

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