Heimkino

Folgende Situation kommt in Gesprächen häufig vor: Wir reden über ein Thema und ein Gesprächsteilnehmer fängt bei einem Stickwort an, Ich-Geschichten zu erzählen. „Ja, da war ich auch schon einmal“, und wir hören, ob wir es wollen oder nicht, Urlaubsgeschichten im Detail. Bei einigen Zeitgenossen geht das so weit, dass sie über die Grenze ihrer eigenen Zahnschmerzen, Erlebnissen und Beziehungen nicht hinauskommen. Selbst die Frage „Wie geht es Dir?“ landet nach drei Sätzen in einer Ich-Geschichte des Fragenden, und er erzählt von seinem Stress, seinen Befindlichkeiten usw. Ob das jemand hören will, spielt dabei keine Rolle. Bei ganz Hartnäckigen hören wir die Storys immer wieder. Dieses Phänomen nenne ich „Heimkino“. Ein Gespräch kommt nicht zustande, denn die Anderen dienen nur als Projektionsfläche, auf der die Welt des Redenden aufgetragen wird.

Wie rutschen wir ins Heimkino? Woher kommt das? Ich stehe immer im Mittelpunkt meiner Welt. Nur meine Zahnschmerzen empfinde ich. Die Zahnschmerzen der Anderen kann ich nicht fühlen und empfinde sie bestenfalls in Analogie zu meinen eigenen. Die Grenze meiner Haut ist der Horizont, innerhalb dessen ich lebe. Ich stehe immer im Mittelpunkt meiner Welt.

Diese Situation kann man die „natürliche Egozentriertheit des Menschen“ nennen. Mit einem Bild gesprochen: Stellen wir uns einen Menschen vor, der mit dem Schiff über den Ozean fährt. An der Reling steht er und schaut auf das Meer hinaus. Hier bemerkt er augenfällig, dass er im Mittelpunkt seiner Welt steht. Er sieht das Wasser bis zum Horizont, er riecht die salzige Luft, hört die Wellen und er denkt über seine Reise nach. Ganz bei sich bleibt er mit all den Bildern, Gerüchen und Gedanken. Die Welt, in der er lebt, wird zu seiner Umwelt. Sie umgibt ihn.

Auf einmal taucht am Horizont etwas auf und nach einer Weile sieht unser Mensch ein Schiff. Das herannahende Schiff schaut er interessiert an. Nun kann er sich vorstellen, dass auf dem anderen Schiff auch einer – so wie er – steht und sein Schiff anschaut. Perspektivwechsel nennt man das. Dazu braucht es aber so etwas wie Vernunft, weil die sinnliche Wahrnehmung uns immer nur die eigenen Empfindungen präsentiert. Die Vernunft schafft es, die Welt mit anderen Augen zu sehen und fremde Gedanken zu denken. Dazu bedarf es allerdings der Aufmerksamkeit, des Zuhörens und vor allem der Gelassenheit – nämlich seinen eigenen Willen und seine Interessen sein-lassen-zu-können. Man die Vernunft auch „Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit“ nennen. So können wir Welt gewinnen und nicht nur Umwelt haben.

Allerdings schmeißen wir ganz selten unsere Vernunft an und sind für anderes aufmerksam. Darum richten wir es uns im Heimkino so gemütlich und vertraut ein. Vielleicht ist es schon ein Gewinn, wenn ich darum weiß, dass ich in der Regel im meinem Heimkino sitze und die Anderen in ihrem.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.