Herz

Im Deutschen ist es mit dem Herz schwer, weil sich das Wort Herz auf Schmerz reimt, und so sitzt man gleich in der Wernesgrüner Musikantenschenke. Was ist mit Herz gemeint? Auf jeden Fall meine ich jetzt nicht die Pumpe, die das Blut in den Adern zirkulieren lässt.

Der junge König Salomon, so erzählt die Bibel, bittet Gott um „ein hörendes Herz, damit dein Knecht dein Volk regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden vermag“, und der Herr schenkt ihm, weil er nicht um Reichtum, Ruhm und Macht gebeten hat, „ein so weises und verständiges Herz, dass keiner vor dir war und keiner nach dir kommen wird, der dir gleicht“ (1 Könige 3, 5 -12 ).

Daniel Goleman (Emotionale Intelligenz, München 2001 ff) beschreibt Herz recht gut, so dass ich seinen Gedankengang wiedergeben möchte: Herz ist die „emotionale Seele“. Die emotionale Seele ist sehr viel schneller als die rationale Seele (Vernunft); das Herz handeln augenblicklich, ohne auch nur eine Sekunde lang abzuwägen, was sie tut. Ihre Promptheit schließt die bedächtige, analytische Reflexion aus, die das Kennzeichen der denkenden Seele ist.

Das Herz nimmt Situationen und die in ihr enthaltenen Menschen unmittelbar wahr. Dieser Wahrnehmung folgt eine prompte Bewertung und Einschätzung des Handlungsbedarfs. Allerdings verzichte die rasche Wahrnehmung auf Genauigkeit, sie verlässt sich auf die ersten Eindrücke und reagiert auf den Gesamteindruck oder auf die auffälligsten Aspekte. Sie nimmt die Dinge auf einmal und ganzheitlich auf und reagiert, ohne sich die Zeit für eine bedächtige Analyse zu nehmen. Dabei kann es passieren, dass hervorstechende Elemente den Eindruck bestimmen und sich gegen eine sorgfältige Bewertung des Details durchsetzen.

Der große Vorteil ist, dass die emotionale Seele eine moralische Realität – er ist mir böse; sie lügt; dies macht ihn traurig – auf der Stelle erfassen kann und Wertungen trifft, vor wem wir uns in acht nehmen müssen, wem wir vertrauen können oder wer Kummer hat.

Das Herz ist auch unser Radar für Gefahren. Würden wir warten, bis die Vernunft eine Beurteilung trifft, dann würden wir uns möglicherweise nicht nur irren, wir würden wahrscheinlich schon tot sein. Der Nachteil ist, dass diese Wahrnehmungen, Wertschätzungen und Urteile des Herzens, weil sie im Handumdrehen gewonnen bzw. getroffen werden, falsch oder irreführend sein können. Soweit Daniel Goleman.

„Auch auch das, was du nicht erbeten hast, will ich dir geben: Reichtum und Ehre, so dass zu deinen Lebzeiten keiner unter den Königen dir gleicht“, endet der Herr. Wenn die Basis für ökonomischen Erfolg und Karriere in einem „hörenden und verständigen Herzen“ liegen, dann gehört das Thema Herz eher in die Führungsetagen als in die Wernesgrüner Musi­kan­ten­schenke. Anders gesagt: Wer die Lufthoheit über die Herzen anderer Menschen hat, der verfügt in der Tat über Macht.

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