Ikone

Vor einigen Monaten schrieb ich vom Bild. Das Bild ist etwas anderes als das Abgebildete, hat mit diesem – bei aller Andersartigkeit das Schema – gemeinsam. Sehen wir ein Bild, dann erinnern wir uns an das Abgebildete und benutzen es als Medium. Allerdings gibt es wahre Bilder wie das Schweißtuch der Veronika (vera icona) und falsch Lügenbilder, die wir Idole nennen. Soweit damals, und daran knüpfe ich heute an.

Die morgenländische Christenheit greift aus der Philosophie Platons das Paradigma Bild (eikon) auf, weil es auch in der Bibel vorkommt: „Lasst uns den Menschen machen nach als unser Abbild, uns ähnlich.“ (Genesis 1,26) und „Er (Jesus Christus) ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes.“ (Kolosser 1,15). Menschen geben das Bild ihres Schöpfers zwar wieder, aber doch nur unvollkommen, schemenhaft; wogegen Christus das vollkommene Bild des Vaters ist, so die Bibel.

Besuchen wir eine orthodoxe Kirche, werden wir eine Fülle von Ikonen sehen – gleich beim Eingang die Festtagsikone, die Ikonostase und auch die Fresken – sowohl innen als auch außen. Warum diese Fülle? Auf jeden Fall greifen wir mit unserer gängigen abendländischen Erklärung, diese Bilder seien eine Bibel für die armen Ungebildeten, zu kurz. Dazu bräuchte man nicht so viele Bilder und könnte auch auf die Kerzen und den Weihrauch vor den Ikonen verzichten. Die Ikone – das wahre Bild – sei ein Medium der Gotteserkenntnis, so sieht das die morgenländische Theologie:

  • Die Ikone ist ein Fenster zur Ewigkeit, denn das Abgebildete wird im Bild präsent. Überhaupt ist die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen und leben, ein Abbild der himmlischen, ewigen Wirklichkeit. Die Ikone als Repräsentant des Himmlischen durchbricht die Totalität des Irdischen, öffnet sozusagen ein Fenster und lässt uns einen Blick auf das werfen, was zwar unsichtbar, aber dennoch gegenwärtig und der Grund unserer Existenz ist.
  • Die Ikone wird in der „umgekehrten Perspektive“ gemalt, das heißt der Fluchtpunkt liegt nicht im Bildraum, wie wir es von der Zentralperspektive her kennen; der Fluchtpunkt liegt im Auge des Betrachters. Der Betrachter wird vom Abgebildeten aus der Ikone heraus angeschaut und aufgefordert, Kontakt aufzunehmen und seine Aufmerksamkeit auf das Urbild zu richten. Gelingt dies, so erhält der Betrachter Kunde aus den Tiefen des Seins und eine Erinnerung an seine geistige Heimat. Energie strömt, das Urbild wirkt im Betrachter und wird in ihm gegenwärtig.
  • Die Schönheit, die den Betrachter erreicht oder trifft, versteht die orthodoxe Christenheit als Strahl vom Quell aller Bilder, die in ihm „eine freudige Kunde aus vertrauten Tiefen des Seins, eine vergessene, aber insgeheim gehegte Erinnerung an die geistige Heimat“ bringt. Die Schönheit der Ikone führt zur geistigen, ewigen Schönheit hinauf.

„Die Ikone ist die Erinnerung an ein höheres Urbild. Aus diesem Grund kleidet sich ein oberflächliches und auf krummen Wegen erreichtes Eindringen in die geistige Welt in ungewöhnliche, rätselhaft komponierte Formen, eine Art Rebus [Bilderrätsel] der geistigen Welt; die darstellende Kunst steht an der Grenze zur verbalen Erzählung, aber ohne die verbale Klarheit.“ Pavel Florenskij, Die Ikonostase, Stuttgart 1988, Seiten 57.58 und 94.

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