Indikativ und dann erst der Imperativ

Viele meinen, das Christum sei eine moralische Veranstaltung. Den Fensterplatz im Himmel müsse man sich durch eine gute Lebensführung und Frömmigkeit verdienen. Diese Meinung ist ja auch kein Wunder, denn in Öffentlichkeit treten die Kirchen mit erhobenem moralischem Zeigefinger auf und ihnen wird – trotz aller Kritik und Häme – die Erziehung der Kinder zugetraut. Allerdings ist diese Meinung abgrundtief falsch, denn die Religion der Christen ist eine Erlösungsreligion mit ihrer eigenen Grammatik.

1. Zuerst der Indikativ. Als erstes sagt Jesus Christus den Menschen: Gott liebt euch, und in dieser bedingungslosen Liebe seid ihr erlöst. Die Angst um euch selbst muss euch nicht mehr beherrschen, ihre Fesseln sind schon gelöst und ihr seid erlöst und frei.
2. Dann der Imperativ. Lebt als freie Menschen! Gewährt die Liebe, die euch trägt und eure Souveränität ermöglicht, auch anderen Menschen!

Bei den philosophischen Konzepten – vor allem bei Aristoteles in der Nikomachischen Ethik – steht zuerst der Imperativ und als zweites der Indikativ: Wenn Du tugendhaft lebst und Vernunft in deiner Praxis walten lässt, dann wirst du Glück (eudaimonia) erwerben. Diese aristokratische Ethik fasziniert, provoziert und fordert heraus, ist aber trotzdem ein Konzept der Selbsterlösung. Anders betrachtet steigert sie die angstvolle Sorge (epimeleia) um den eigenen Seelenfrieden. Sie produziert Stress, und man fragt sich, ob so eine ethische Optimierung einem Menschen überhaupt möglich ist.

Freilich ist das christliche Konzept eine Zumutung oder gar Beleidung, denn es widerspricht dem gegenwärtigen „Kult des Selbst“, unserem gepflegten Individualismus. Der Indikativ des Evangeliums „Du bist schon geliebt und erlöst“ nimmt das individuelle Selbst zurück: Du hast dich nicht selbst gemacht. Du gehörst dir nicht selbst. Du verdankst deine Existenz der nichtkonditionierten Liebe Gottes. Diese „gute Botschaft“ (eu-angelion) kann dem gekränkten Ego wie eine Drohbotschaft anmuten, weil der aufgeklärte und abklärte Zeitgenosse nicht gern seine Bedingtheit akzeptieren möchte. Trotzdem sprechen die lebensweltlichen Fakten dafür, dass wir uns nicht selbst erschaffen haben, dass die Weltgeschichte nicht auf uns gewartet hat und dass sich die Erde auch nach unserem Ableben weiter drehen wird. Nur ein Pubertierender wird die Tatsache nicht akzeptieren wollen. Aus dieser Demütigung führen zwei Strategien heraus.
A: Ignoranz dieser Tatsache und (hart) arbeiten an der Oberfläche des Alltäglichen.
B: Hören des Evangeliums und Annahme des Satzes „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“.
Sphäre des Indikativs: Woher komme ich? Wie bin ich? Was wird mit mir geschehen?
Sphäre des Imperativs: Gewähre diesen Luxus des Geliebtseins auch jenen Menschen, welche dir über den Weg laufen und mit denen du dein Leben teilst! Nichts musst du ihnen beweisen!

Vor Jahren habe ich mir mal die Notiz gemacht:
Gott liebt Dich, Andreas, und darum bist Du.
Die Reaktionen der Angst kannst Du Dir also sparen und bist auch von der Zuneigung anderer unabhängig. Du kannst verlieren, vergeben und alles lassen, wie es ist.
Du bist souverän.
Lebe einfach aus der Liebe Gottes heraus!

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