Irrtum

Wenn man über Wahrheit und Erkenntnis spricht, muss man auch über dessen Gegenteil sprechen. „Falschheit“ steht der Wahrheit gegenüber, aber so sprechen wir nicht. Über den Irrtum reden wir schon, und der Irrtum ist noch einmal von der Lüge zu unterscheiden. Das griechische Wort für Irrtum heißt „pseudos“ und das lateinische „error“. Wer mit dem Computer arbeitet, liebt ganz besonders die Angabe „error“.

Ein Irrtum liegt vor, wenn etwas für wahr gehalten wird, was nicht wahr ist; anders gesagt, eine Aussage oder Überzeugung weicht vom Sachverhalt ab. Wenn man das Lateinische nimmt, wird der Sachverhalt prägnant deutlich. Wahrheit ist die Angleichung eines Dinges und Intellekts (Veritas est adaequatio rei et intellectus). Das Gegenteil liegt in der „inadaequatio“; in der Ungleichung besteht der Irrtum. Wenn Wahrheit in der Angleichung (adaequatio) des Dinges und des Intellekts besteht, dann liegt der Irrtum in der Ungleichheit (inaequalitatis) zwischen Ding und Intellekt.  Das Urteil des Intellekts trifft nicht zu, weil Subjekt (intellectus) und Objekt (res) nicht zusammenpassen, ein Defekt vorliegt, etwas im Urteil fehlt, oder weil der Intellekt über äußere Zeichnen oder Sinnesdaten unangemessen urteilt.

Die Gefahr des Irrtums, das heißt des inadäquaten Urteils, ist bei großer Ähnlichkeit besonders groß. Anders gesagt: Je größer die Ähnlichkeit, desto größer das Irrtumspotential. Die Falschheit, der Irrtum, lebt von der Ähnlichkeit mit der Wahrheit.

Irrtümer oder Fehleinschätzungen sind schlicht und einfach Denkfehler, und diese unterlaufen uns, wenn wir     stillschweigende Identifizierung vornehmen, gewohnheitsmäßige Analogien anwenden, unvollständige Aussagen (Disjunktionen) treffen und die ontologische Ebenen vertauschen. Letzteres höre ich sehr häufig, zum Bespiel: „Der Computer denkt“. Nun können Maschinen zwar rechnen und Informationen verarbeiten, aber nur vernunftbegabte Lebewesen können darüber hinaus auch noch denken. Lebewesen und Maschinen sind zwar Dinge, aber auf unterschiedlichen ontologischen Ebenen, wie die Philosophen das nennen. Irrtümer schleichen sich auch ein, wenn wir aus Teilerkenntnissen sogenannte All-Aussagen machen, zum Beispiel: Wir sehen einen Russen Wodka trinken und meinen dann, dass alle Russen Wodka trinken und reden dann von der russischen Seele.

Manche meinen, dass es Irrtümer aufgrund von Sinnestäuschung gibt – wie zum Beispiel den gebrochenen Handlauf im Schwimmbad. Das stimmt leider nicht, denn das Auge teilt dem Verstand das mit, was es sieht bzw. wahrnimmt. Wenn der Verstand urteilt, dass der Handlauf gebrochen ist, dann irrt er sich und unterliegt einem Fehlurteil.

Irrtümer bemerken wir leider erst im Nachhinein. Dann will ich aus dem Schwimmbecken heraussteigen, mich Handlauf der Treppe festhalten und greife daneben. Lernen können wir allerdings, und irgendwann erwische ich den Handlauf doch.

Die Lüge liegt auf einer anderen Ebene, denn der Lügner hat die Intention der Täuschung und dreht an der adäquaten Darstellung ein wenig, so dass der Belogene zu einer Fehleinschätzung verleitet wird und zu einem inadäquaten Bild der Wirklichkeit kommt. Das funktioniert am besten, wenn die Ähnlichkeit mit der Wahrheit sehr groß ist. Einer brutalen Lüge geht kaum einer auf dem Leim, schon eher der raffinierten, feinen und womöglich noch charmanten. Die schlimmste Lüge ist die Schmeichelei, denn die hören wir gern.

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