Karriere

Um die Karriere gehe es in unserem Leben, so der Mainstream. Da lohnt es sich schon zu fragen, was Karriere ist, wenn sie so dominant gehandelt wird. Vom lateinischen Wort „carrus“ – der vierrädrige Wagen, der Karren – kommt Karriere, auch das englische Wort „car“ – das Auto – zeugt davon. Wenn vierrädrige Wagen häufig den gleichen Weg fahren, hinterlassen sie eingefahrene Wege, Fahrspuren. In Pompei kann man das sehr schön sehen. Besonders in Straßen mit großen Steinplatten als Pflaster fräsen die Karren tiefe Spurrillen, aus denen Sie nicht wieder herauskommen, wenn Sie einmal drin sind. Die Bewegungsfrei-heit wird eingeschränkt, weil Sie in der Spur bleiben müssen. Die etymologische Herkunft des Wortes Karriere verweist auf die Bedeutung „fest eingefahrene Spurrillen“.
Wenn also jemand Karriere machen will, muss er sich an die jeweils geltenden Normen (Be-nimmregeln, Hierarchien, Kleiderordnungen, Sprachspiele, Sitten, Codes, etc.) halten. Je-weils geltend heißt, der Unternehmenskultur entsprechend, denn es macht einen Unter-schied, ob Sie bei der Stadtverwaltung oder als selbständiger Kfz-Meister, bei Greenpeace oder Rheinmetall Karriere machen wollen. Sind Sie einmal im jeweiligen System drin, dann müssen Sie den eingefahrenen Wegen folgen, also „in der Spur“ bleiben und „spuren“.
Zum Weiteren beobachte ich gegenwärtig, dass Karriere sich zum Lebensziel oder zum Sinn des Lebens gemausert hat. Nicht nur in den Samstagsausgaben der Tageszeitungen (und zwar in den Teilen „Beruf und Chance“ und Stellenanzeigen), sondern auch im Sport, in der Geschlechtergerechtigkeit und sogar in den Stellenanzeigen der Kirchen tritt Karriere als letztbegründendes Ziel beruflicher Aktivitäten auf – und das unhinterfragt. Selbst Work-Life-Balance wird als Erfolgsfaktor gehandelt und erfährt seine sinnstiftende Begründung durch den Verweis auf Karriere: Die seelische und körperliche Gesundheit gilt als Voraus-setzung für effizientes Arbeiten.
Eine weitere Beobachtung: Als der Präsident der Leuphana Universität Lüneburg die Mas-ter-Urkunden in einer feierlichen Stunde den anthrazit-grau gekleideten Absolventinnen aushändigte und in seiner Rede das Wort „Karriere“ fiel, erhob sich seine Stimme zu einem sonoren, würdevollen Ton und wurde von den Zuhörern mit andächtigen Schweigen quittiert. Etwas Heiliges betrat den Raum. Mir kam das vor wie die Erscheinung einer Götting und zwar in einer liturgischen Feier.

Exkurs: Einen letzten Zweck kann man nicht beweisen, er wird gesetzt (vielleicht findet man ihn auch) und wir glaubt an ihn, vertrauen ihm. Diesem letzten Zweck op-fert man seine Lebenszeit, seine emotionalen Bindungen, ihm öffnet man sein Portemonnaie, schenkt ihm die volle Aufmerksamkeit und vor allem sein Herz – nach dem Motto: Sag mir woran Dein Herz hängt, und ich sage Dir, wer Dein Gott ist. Die entscheidende Frage ist: Rettet dieser Gott? Erlöst diese Göttin? Lässt uns dieser letzte Zweck irgendwann allein und verzweifelt zurück, dann war es ein Idol, eine scheinbare Göttin.

Karriere packt uns an der Achillesferse Eitelkeit, denn in uns allen schlummert oder lauert der Wunsch, von anderen anerkannt, bewundert und vielleicht sogar gemocht zu werden. Karriere verspricht das nicht nur, sondern gewährt uns auch dieses Glück: Wer Karriere macht, genießt die Anerkennung der anderen und sein Ableben wird letztendlich in der Ta-gesschau kundgetan. Dieses Glück können wir sinnlich wahrnehmbar genießen, wir können es auch intellektuell kosten.
Allerdings gibt es auch kritische Fragen an dieses Karriere-Glück:
• Es gab eine Zeit vor der Karriere, es gibt eine Lebenszeit unter ihrer Herrschaft und es wird eine Zeit nach ihr geben. Welches Ziel ist hier wirklich nachhaltig?
• Wird mein Leben sinnlos, wenn das Karriereziel verfehlt ist und ich gescheitert bin?
Mein Verdacht ist, dass Karriere eine scheinbare Göttin, also ein Idol, ist, und unsere Le-benszeit und Energie aufbraucht. Letzten Endes lässt sie uns ausgesaugt und verzweifelt zurück.

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