Katharsis

In der Poetik des Aristoteles‘ findet man einen interessanten Gedankengang. Dem Zuschauer einer Tragödie, und dabei der er an „König Ödipus“ von Sophokles, widerfährt eine „Katharsis“, wenn er die Handlung durchlebt (Aristoteles, Poetik 1449 b). Was kann das heißen?

Das Wort „Katharsis“ kommt aus der Medizin und bezeichnet das Abführen von Überflüssigem und die damit verbundene Erleichterung. Das kennt jeder und muss nicht an einem Bei-spiel exerziert werden. Auf jeden Fall wird man eine Last los und erlebt das als Erleichterung. Das Wort „Katharsis“ wird ins Lateinische mit „purgatio“ und ins Deutsche mit Reinigung und Erleichterung übersetzt. Bei „purgatio“ denken man unwillkürlich, wenn man Dante kennt, an den zweiten Teil der Göttlichen Komödie – nämlich an das Purgatorium, an das Fegefeuer. Hier leben die Menschen, die noch eine Chance haben, glücklich zu werden, aber zuvor durch Feuer gereinigt werden müssen.

Kehren wir aber zu Aristoteles zurück. Dieses medizinische Wort nutzt er, um ein Ereignis zu beschreiben, wenn uns eine Last vom Herzen fällt, wenn wir wieder mit uns selbst und der Welt im Reinen sind. Beim Hören von Musik, beim Feiern im Kult und vor allem beim Zuschauen (gr.: thean) im Theater können uns Steine vom Herzen fallen. Insbesondere die Tragödie, also nicht die Komödie, sei dafür besonders geeignet, denn Mitleid und Erbarmen, Furcht und Zittern können uns seelisch so erregen, dass wir Lasten loswerden und mit uns selbst wieder ins Reine kommen. Auf Sächsisch: Im Mitbibbern stellt sich die Seele unter die Dusche und wird wieder sauber. Allerdings kann man die Katharsis nicht machen. Sie stellt sich als „göttlicher Wahnsinn“ (theia mania), wie Platon das Phänomen im Phaidros beschreibt, ein. Ein göttliches Geschenk, so Platon, ist sie. Katharsis versetzt in einen ekstatischen Zustand. Angestaute Affekte werden emotional abreagiert und entladen sich lustvoll.

„Nach dem aus der Medizin stammenden Begriff der Katharsis sollen die Affekte, sowohl das Mit-Leiden mit einem nur in Grenzen verdienten Leid als auch die Furch vor einem Scheitern trotz bester Absichten, derart gesteigert werden, dass sich die Haare sträuben und das Herz bebt und Tränen in die Augen treten. Indem die Erregung wie eine physische Krankheit erst zum Ausbruch und dann zum Abklingen kommt, wird das schließlich wiedergewonnene innere Gleichgewicht als Erleichterung wahrgenommen; und genau darin besteht die tragische Lust.“ Otfried Höffe, Aristoteles, München 1996, S. 70.

Meines Erachtens gewinnen wir mit der Katharsis ein Kriterium, wie wir Schönheit von Kitsch unterscheiden können. Leiden hat einen heuristischen Effekt und kann zu einer Erkenntnis führen. Schmerzen sind nicht zu vermeiden, zumindest wenn man mit Wirklichkeit und Schönheit in Kontakt treten möchte. Schönheit bleibt nahe an der Wirklichkeit und geht gerade nicht im wohltuendem Gefühl auf. Kitsch betreibt Effekthascherei, will gefällig sein und erzeugt letztlich doch nur Überdruss – eben Kitsch. Schönheit kann dagegen schmerzlich irritieren und einen mächtig erschüttern, weil sie nicht Wohlbefinden, Gefallen, Lust – oder wie man das nennen will – intendiert. Schließlich befähigt eine Katharsis uns, Schönheit und Wirklichkeit wahrzunehmen. Allerdings ist so eine Erleichterung nicht zum Null-Tarif zu haben.

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