Logik dieser Welt

Die Logik dieser Welt besteht im Fressen und gefressen werden: Damit der eine lebt, muss der andere sterben. Der Wolf frisst das Schaf, und das Schaf frisst Gras. Das können wir nicht ändern, ob wir es wollen oder nicht. Immer steht jemand am Ende der Nahrungskette. Eine Familie freut sich über ein neugeborenes Kinder und muss bald über einen Verstorbenen trauern. Auch die Verdrängung ist nicht abzuschaffen: Wo ein Körper ist, kann kein anderer sein. Den Arbeitsplatz, den ich einnehme, kann kein anderer einnehmen, es sei denn, ich gehe in den Ruhestand, und die Stelle wird neu ausgeschrieben. Das Brot, das ich esse, kann kein anderer essen, auch wenn der Hunger der anderen noch so groß ist, und ich helfen will. Diese Übel schmerzen durchaus, können jedoch keinem vorgeworfen werden, denn sie sind „vormoralisch“. Ohne Schuld ist dieses Übel, obwohl es einigen übel mitspielt: Schmerzen, Zerstörung, Trauer und bisweilen Verzweiflung.
Zur Logik dieser Welt gehört auch, was Christen an Palmsonntag und Karfreitag zu hören bekommen: „Hosanna“ und fünf Tage später „Ans Kreuz mit ihm!“. Die öffentliche Meinung erscheint in der Geschichte der Menschheit wie eine Wetterfahne, und das wird in Zukunft auch so bleiben. Stimmungsmache oder auch einfach nur Irrtum gab es, gibt es und wird es immer geben.
Die Welt kann nicht halten, was sie verspricht. Auf Erden können wir nicht unser Glück erwarten, auch wenn alle Umstände optimiert wurden. Selbst wenn es keine Verbrecher mehr gäbe und alle Gefängnis abgeschafft wurden, selbst wenn alle gesund und CO2-frei lebten, gäbe es weiterhin Schmerz, Trauer und Schicksalsschläge. Vollkommenheit ist vor dem Jüngsten Gericht nicht zu erwarten. Erstaunlicherweise sah das sogar Immanuel Kant und erhoffte Glück erst nach dem Jüngsten Gericht aus der Hand Gottes.
Die Welt möchte ich nicht wie Paulus in die Pfanne hauen. Das hat keinen Sinn, weil wir mit Leib, Seele und Geist Menschen sind. Wir Menschen gehören mit Fleisch und Blut, mit Herz und Verstand zur Welt. Das heißt: Wir können nur unter diesen Konditionen handeln und leben.

Diese Wirklichkeit, die einfach so ist, wie sie ist, und zu der auch ich gehöre, kann ich sinnvollerweise nur akzeptieren. Damit meine ich: Licht und Schatten, Freude und Malessen, Erkenntnis und Irrtum, Notwendigkeit und Freiheit, Kompromiss und Vollkommenheit, Sehnsucht und Erfüllung. Wir selber sind auch Wirklichkeit – und nicht nur das Da-draußen. Das ist gut so, allerdings noch nicht sehr gut.
1. Axiom: Glauben wir also, dass die Wirklichkeit nicht nur einfach da ist und so ist, wie sie faktisch ist. Sehen wir sie im Licht der erleuchteten Vernunft als gute Schöpfung aus der Hand eines Schöpfers, dann können wir vertrauen, dass die Wirklichkeit eine sinnvolle ist, auch wenn uns das nicht jeden Tag ins Auge springt.
2. Axiom: Vertrauen wir, dass wir mit unserem Namen angesprochen und geliebt sind, dann müssen wir nicht mehr Sinn machen und uns zu Tode strampeln. Wir können Wirklichkeit gelassen annehmen und dann sinnvoll handeln, weil wir in einer sinnvollen und guten Schöpfung leben. Dieses demütige Vertrauen schenkt uns Freiheit und Handlungsspielraum.
3. Axiom: Hoffen wir, dass der Tod nicht der Schlusspunkt unter unserem biografischen Skript ist, dass wir wirklich ‚nachhaltig‘ den zeitlichen Horizont ausweiten können, dann entlastet uns diese Hoffnung und wir können tief durchatmen. Erlösung – also Loskauf aus einem Schuldverhältnis – kann Verzweiflung, Trägheit, Zynismus oder Stress wegwischen. Mit Blick auf Karfreitag und Ostern halte ich das für eine durchaus begründete, und eben nicht naive Hoffnung.